Pankaj Mishra : Erwachen aus Ruinen

Von der Revolte gegen den Westen: Der indische Autor Pankaj Mishra hält Europa den asiatischen Spiegel vor. Am Mittwoch, zur Eröffnung der Messe, erhält er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

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Pankaj Mishra. S. Fischer Verlag/Nina Subin
Pankaj Mishra.S. Fischer Verlag/Nina Subin

Über den Erfolg Asiens ist allmählich ähnlich viel geschrieben worden wie über den Untergang des Abendlandes. Dabei fällt auf, dass das historische Wissen der Autoren sehr unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Dies erkennt man schon alleine daran, dass oft irrtümlich vom „Aufstieg“ Asiens die Rede ist. In Wirklichkeit findet zu Beginn des 21. Jahrhunderts aber eher ein Wiederaufstieg statt.

Wer diese Entwicklung der letzten Jahrhunderte einmal gründlich reflektiert geschildert bekommen möchte, der greife zu Pankaj Mishras Studie „Aus den Ruinen des Empires“, für die der 1969 in Nordindien geborene und in London und am Rand des Himalaya lebende Autor am Mittwochabend mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wird. Mishra, der für die „New York Review of Books“ und den „New Yorker“ über den indischen Subkontinent, Afghanistan und China schreibt, spannt darin einen historischen Bogen vom vorläufigen Niedergang Asiens im 19. Jahrhundert bis zum heutigen Wiederaufstieg.

Pointiert erinnert Mishra daran, dass die Welt der Gegenwart erstmals während zweier Tage im Mai 1905 Gestalt annahm. Es war in den engen Gewässern der Koreastraße, die heute zu den meistbefahrenen Seewegen der Welt zählen. Dort besiegte eine kleine japanische Flotte einen großen Teil der russischen Marine. Die Seeschlacht bei Tsushima, aus dem kollektiven Gedächtnis des heutigen Europas beinahe gänzlich verschwunden, wurde damals vom deutschen Kaiser als die wichtigste Seeschlacht seit dem ein Jahrhundert zurückliegenden Sieg Nelsons über Napoleons französisch-spanische Geschwader bei Trafalgar bezeichnet und war für Präsident Theodore Roosevelt „das größte Phänomen, das die Welt jemals gesehen hat“. Es war das faktische Ende eines Krieges, in dem zum ersten Mal seit dem Mittelalter ein außereuropäisches Land eine europäische Macht besiegt hatte.

Langfristig läutete die Seeschlacht bei Tsushima den Auszug des Westens aus Asien ein

Durch den Ersten Weltkrieg vor hundert Jahren, der ein Jahrzehnt nach der Seeschlacht bei Tsushima begann, verlor Europa aus asiatischer Sicht viel von seinem verbliebenen moralischen Ansehen. Japans Eroberung Asiens während des Zweiten Weltkriegs wurde zwar rückgängig gemacht, trug aber dennoch dazu bei, dass der Kontinent sich aus dem schwächer werdenden Griff der erschöpften europäischen Mächte lösen konnte.

Langfristig betrachtet ist es in Mishras Augen jedoch die Seeschlacht bei Tsushima gewesen, die den Auszug des Westens aus Asien einläutete. Dort erfuhr die europäische Herrschaft, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, eine dramatische Schwächung. Fünfzig Jahre später – Indien und China waren bereits unabhängige Staaten – sollte Europa in Asien nur noch eine periphere Präsenz besitzen, basierend auf der neuen westlichen Macht, den Vereinigten Staaten, und zunehmend abhängig von einem informellen Imperium, das sich auf Militärbasen, ökonomischen Druck und politische Handstreiche stützte.

Mishra bescheinigt den Europäern und nach ihnen auch den Amerikanern, dass sie am Ende erkennen mussten: Sie hatten die Fähigkeit Asiens unterschätzt, moderne Ideen, Techniken und Institutionen – die „Geheimnisse“ der westlichen Macht – zu absorbieren und gegen diese selbst zu wenden. Sie hätten nicht erkannt, wie stark der Drang nach Freiheit und Würde bei jenen Völkern gewesen sei, die von Europas einflussreichsten Denkern, von Hegel über Marx bis John Stuart Mill, für unfähig gehalten worden seien, sich selbst zu regieren – Denker, deren Ideen sich in einer ironischen Wendung der Geschichte bei diesen „Untertanenvölkern“ in Wirklichkeit als äußerst mächtig erweisen sollten.

Das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts war nicht der 2. Weltkrieg oder der Kalte Krieg. Es war der Wiederaufstieg Asiens.

„Aus den Ruinen des Empires“ tritt mit drei Zeugen gegen einen westlich dominierten Blick auf die Weltgeschichte an: dem auch in Deutschland berühmten bengalischen Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore sowie, sehr viel weniger bekannt, dem chinesischen Gelehrten Ling Qichao (1873-1929) und den in Persien geborenen muslimischen Denker al-Afghani (1838-1897). Tagore wird in seiner Zivilisationskritik dargestellt, Qichao als konfuzianisch geprägter Reformer, der sich von Europa abwandte und Mao inspirierte. Al-Afghani schließlich erscheint als Prediger wider den Imperialismus und Anwalt einer islamischen Wiedererweckung.

Heute erscheinen nicht nur Mishra asiatische Gesellschaften von der Türkei bis hin nach China als sehr vital und selbstbewusst. Dies hatten – auch daran erinnert Mishra treffend – jene, die im 19. Jahrhundert das Osmanische Reich und die Qing-Dynastie für „krank“ und „todgeweiht“ hielten, noch ganz anders gesehen. Deshalb prophezeit Mishra ohne großes Risiko bei seiner Vorhersage: Die vielbeschworene Verlagerung der wirtschaftlichen Macht vom Westen in den Osten mag eintreten oder nicht, aber in jedem Fall haben sich schon jetzt neue Perspektiven für die Weltgeschichte eröffnet. Und dies in einer Zeit, in der für die meisten Menschen in Europa und Amerika das 20. Jahrhundert immer noch weitgehend definiert ist durch die beiden Weltkriege und das langjährige atomare Patt mit dem sowjetischen Kommunismus.

Spätestens Mishras Werk lehrt hingegen, dass für die Mehrheit der Weltbevölkerung das zentrale Ereignis des letzten Jahrhunderts das Erwachen beziehungsweise Wiedererwachen Asiens und dessen Auferstehung aus den Ruinen asiatischer wie auch europäischer Reiche war. Dies zu erkennen, bedeutet für Mishra, die Welt nicht nur zu erfassen, wie sie heute existiert, sondern wie sie sich auch weiterhin umgestalten wird – nicht so sehr nach dem Bild des Westens, sondern gemäß den Vorstellungen und Zielen der einstmals subalternen Völker.

Diesen Blickwinkel zu berücksichtigen, dürfte gerade in diesem Jahr des immer noch sehr eurozentrischen Gedenkens an den Ersten Weltkrieg ein überaus kluger Ratschlag sein. Mishra gibt mit seinem brillant komponierten wie geschriebenen Großessay allen Anlass dazu.

Pankaj Mishra:Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2013. 441 S., 26,99 €.

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