Pantomime Kollektiv Wurmpüree Deluxe : Die coolen Kinder von Marcel Marceau

Mit wenigen Mitteln viel erzählen: Das Kollektiv Wurmpüree Deluxe poliert das Image der Pantomime auf.

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Schweigekartell. Szenenbild aus „Mafia“ von Wurmpüree Deluxe. V.l.: Nicolas Rocher, Elias Liermann, geenannt Elias Elastisch, Hannah Senft, Katja Tannert und Rocco Menzel.
Schweigekartell. Szenenbild aus „Mafia“ von Wurmpüree Deluxe. V.l.: Nicolas Rocher, Elias Liermann, geenannt Elias Elastisch,...Foto: Promo/Uli Malende

Das Ergebnis der Miniumfrage im privaten Umfeld ist eindeutig. Wie es wäre, mal zu einer Pantomime-Show zu gehen? Äh, hm, na ja, och, muss eigentlich nicht so dringend sein, lautet die zögerliche Antwort. Mit der verbreiteten Abneigung gegen die griechisch „pantomimos“, also „alles nachahmend“ benannte jahrhundertealte Darstellungskunst ohne Worte hält nur noch der Hass auf Clowns mit. Und was noch seltsamer ist, die Pantomimen selbst teilen die Aversion.

Heftiges Nicken bei den Mitgliedern des Kollektivs Wurmpüree Deluxe, als die Rede auf das verbesserungsbedürftige Image der auf Darstellungsformen der römischen Antike und Comedia dell’ arte fußenden Pantomime kommt. Das sei ja das Problem, ruft Mitgründer Nicolas Rocher, „es gibt keine Pantomime-Popkultur und seit Marcel Marceaus Tod 2007 auch keinen Botschafter der Pantomime mehr!“

Stattdessen bevölkern weiß gekalkte oder mit Goldlack überzogene Wegelagerer den Pariser Platz in Berlin oder die Fußgängerzonen in der Provinz und sammeln Geld fürs stumpfe Nichtbewegen. Von manieriert mit Handschuhen fuchtelnden, grimassierenden Zirkusclowns mit auf die Wange gemalter Träne ganz zu schweigen. Die „Living Dolls“, wie die langweilige stocksteife heutige Straßentheaterspielart der vor Jahrhunderten noch als subversiv und antihöfisch empfundenen Pantomine, genannt wird, seien halt oft einfach nicht gut, sagt Gruppenmitglied Hannah Senft. „Mit Bühnenpantomime hat das nichts zu tun.“ Und Elias Liermann, der den prächtig zu seiner schlaksigen Gestalt passenden Künstlernamen Elias Elastisch trägt, erkennt zwar an, dass Straßenkünstler starke Schminke brauchen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen, würde trotzdem gern zusammen mit dem traditionellen Gebaren der Zunft auch auf den Namen Pantomime verzichten – zugunsten der weniger klischeebeladenen Bezeichnung „Mime“. Die träfe die gestische, mimische, gelegentlich auch tänzerische und akrobatische Kunst am besten: „Wir machen ja nichts anderes als Schauspiel ohne Worte.“ Nicht Nachahmung sei das Ziel, sondern das Spürbarmachen von seelischen Zuständen. So zu sehen am kommenden Sonnabend im Theater Schalotte, wo Wurmpüree Deluxe ihre jüngste Produktion zeigen: „Die Bibliothek der vergessenen Bücher“.

20 Shows hat die 2011 gegründete Gruppe schon gespielt

Rund 20 Shows hat die Gruppe, deren derzeitiger Kern Rocher, Senft und Liermann sind, seit der Gründung 2011 gespielt. Die von Nicolas Rocher betriebene Yuma Bar in Neukölln ist gewissermaßen die Hausbühne. Genauer das kleine Bühnenpodest im hinteren Teil des jetzt noch nachmittäglich verwaisten Ladens. Dass ausgerechnet hier, im lauten Hipsterkiez Weserstraße, so eine stille Kunst wie Pantomime gedeiht, ist schon ziemlich überraschend. Mindestens so überraschend wie die Tatsache, dass der studierte Informatiker Nicolas Rocher, 37, aus Tour in Frankreich heute Mime ist. Schuld daran ist der Franzose, der das Bild der modernen Pantomime so geprägt hat wie zuvor nur Jean-Gaspard Deburau und Ètienne Decroux: Marcel Marceau. Den hat Rocher 2005 bei einem Gastspiel in Berlin gesehen, in der Komischen Oper. „Das war eine unglaubliche Epiphanie“, sagt er. Unfassbar, dass es möglich ist, mit so wenig Mitteln so viel zu erzählen! Seine Augen glänzen noch zehn Jahre danach, als sei es gestern gewesen. Senft und Liermann nicken. Sie wissen genau, was er meint. Menschen berühren, allein mit den Mitteln des Körpers, das zwinge zu brutaler Genauigkeit aller Bewegungen, sagt Elias Liermann. Und Senft, die in ihren Solos viel mit Musik arbeitet, hält die von rhythmischen Strukturen geprägte Pantomime selber dafür. „Wenn ich eine Pause zehn Sekunden länger dehne, entsteht sofort ein anderes Stück.“

Die beiden sind Jahrgang 1985, in Greifswald und Bremen geboren und haben eine dreijährige Pantomime-Ausbildung an der Schule für Darstellungskunst „Die Etage“ gemacht. Die Berliner „Etage“ ist durch ihre Zusammenarbeit mit den europäischen Pantomime-Zentren Prag und Warschau und dem seit 2014 mit den dortigen Hochschulen veranstalteten Festival „My Mime“ fester Bestandteil der Berliner Szene. Einer Szene, die zu DDR-Zeiten auch an der Komischen Oper und der Akademie der Künste beheimatet war und zu der das Anfang der Neunziger abgewickelte Pantomimen-Ensemble des Deutschen Theaters gehörte.

Jeder Schauspieler lernt in seiner Ausbildung pantomimische Darstellungstechniken, doch die wenigsten entscheiden sich, auf das Mittel Sprache zu verzichten. Das Kollektiv Wurmpüree Deluxe schon – und nimmt sich gleichzeitig die Freiheit, die Bühnenstille mit Geräuschen, Gelächter, Requisiten zu kontrastieren. Auf der Bühne zwei Stunden einfach nur still sein gehe heute nicht mehr, ist Nicolas Rocher überzeugt. „Das halten die Leute nicht aus.“ Wobei visuelle Eindrücke ja durchaus laut sein können, wirft Elias Liermann ein. „So wie Munchs Gemälde ,Der Schrei‘“. Oder wie die Mafia-Geschichte von Wurmpüree Deluxe, wo mit mächtigem Wumms aus allen Revolvern gefeuert wird, ohne dass ein einziger Schuss zu hören ist.

Pantomime und Kino sind verwandt

Eins ist augenfällig an ihren stilistisch vielfältigen, so witzigen wie poetischen Nummernrevuen, die jeweils eine Rahmenhandlung zusammenhält: die filmische Wirkung. So wie die moderne Pantomime und der Stummfilm sich sowieso weidlich beeinflusst haben. Und Marcel Marceau einmal erzählt hat, durch Charlie Chaplin überhaupt erst zur Pantomime gekommen zu sein. Das Publikum ist mit den Erzähltechniken des Kinos vertraut, weiß Liermann. „Wir können Schnitte spielen, Split Screen spielen – die Leute verstehen das.“ Und sie sind – ähnlich wie beim Hörspiel – in der Lage, den nicht durch die reduzierte Darstellkunst ausgemalten Teil des Bildes zu imaginieren. Das macht, dass selbst auf Ablenkung geeichte Partypeople bei den Auftritten von Wurmpüree Deluxe in der Yuma Bar gebannt auf die Pantominen starren.

Es gehe nicht darum, das Abtasten einer Wand zu spielen, erläutert Hannah Senft einen pantomimischen Klassiker, stellt sich mitten in die Bar und tappt mit dramatisch aufgerissenen, frontal nach vorne gerichteten Augen an die imaginäre Wand, um zu zeigen, wie es nicht geht. „Ein Mime fühlt die Wand.“ Er befühlt mit zögerlichen Bewegungen die Höhe und Breite, versucht mit dem Blick die Ausdehnung abzumessen, eine Lücke zu finden und schaut keinesfalls ins Publikum, denn das existiert hinter einer Wand ja nicht. Erst so wird der Zauber, wird die mimische und gestische Illusion perfekt. Sprache braucht’s dafür schon gar keine. „Das eigentlich Gesagte sagt man ohne Worte.“

Nur eine Sache ist da noch: Was in aller Welt ist Wurmpüree Deluxe? Drei Mimen zucken sechs Schultern. Ulk, Wortspiel, tja. Wobei, Elias Liermann stutzt: „Ein Wurm ist still, doch er frisst sich durch.“

Wurmpüree Deluxe: „Die Bibliothek der vergessenen Bücher“, Theater Schalotte, 24. Oktober, Behaimstraße 22, Charlottenburg, 20 Uhr. Infos im Netz: wurmpuereedeluxe.blogspot.de/

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