Papstwahl und soziale Medien : Der Witz mit dem Rauch

Eine Möwe, die am Schornstein pickt, weißer Rauch, der auf sich warten lässt - Der Vatikan zeigte zuletzt unfreiwillig, was ein perfektes Medienereignis in Zeiten des Web 2.0 auszeichnet: eine Mischung aus maximaler Brisanz und minimaler Aktion.

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Völker der Welt, schaut auf diese Möwe! Als sich der Vogel am Mittwochnachmittag auf den Schornstein auf der Sixtinischen Kapelle setzte, wurde er umgehend zum Medienereignis.
Völker der Welt, schaut auf diese Möwe! Als sich der Vogel am Mittwochnachmittag auf den Schornstein auf der Sixtinischen Kapelle...Foto: dpa

Man kann, vielleicht muss man es sogar machen: kurz noch einmal die wesentlichen Witze reproduzieren, die das Netz hervorbrachte, während alle Welt zunächst auf einen Schornstein, dann auf einen geschlossenen Vorhang starrte. Die neckischen Bildlegenden, auf denen neben die Erklärungen für „Schwarzer Rauch steigt auf“ (kein neuer Papst) und „Weißer Rauch steigt auf“ (neuer Papst) noch die für „Sehr viel weißer Rauch steigt auf“ (Besuch von Helmut Schmidt) und „Sankt Pauli steigt auf“ (Wunder) gesetzt wurden. Die scherzenden „Habemus mamam“-Tweets, die sich nach Aussage ihrer Verfasser aus einer fernen Zukunft in die Gegenwart verirrt haben wollten. Und schließlich die bitteren: „Steinalter Schwulenhasser wird Papst – wer hätte das gedacht?“

Jetzt aber Schluss damit. Denn schließlich ist es auch in multimedialen Zeiten nicht primäre Aufgabe einer Zeitung, Kuriositäten aus dem Internet abzuschreiben. Nein, sie soll be- und auswerten – und darf darum an dieser Stelle auf ein übergeordnetes Kuriosum hinweisen. Die uralten vatikanischen Riten taugen, das wurde am Mittwoch deutlich, zum ultimativen Medienereignis 2.0! Die Mischung aus maximaler Brisanz und – über weite Strecken – minimaler Aktion ist perfekt, um Twitter und Facebook zu beschäftigen. Das Konklave erweist sich als gegenwartskompatibler als jeder Actionfilm.

Im Zeitalter des Social Web müssen Kulturgüter vor allem Startrampe für Pointen der Konsumenten sein. Zu viel Geschehen stört da nur, am besten taugt, was mit langen Wartezeiten auf möglichst kurze, diskussionswürdige Ereignispunkte aufwartet: Hochadelshochzeiten, Fallschirmsprünge aus dem All, „Wetten, dass..?“ – die Papstwahl reiht sich ein in eine illustre Serie sogenannter „Trending Topics“, die eines eint: kollektiv zu interessieren, ohne voll zu beschäftigen.

Nun bleibt natürlich die Frage, ob es für die katholische Kirche überhaupt begrüßenswert ist, dass etwa Facebook, wie es eine Hörfunkjournalistin am Mittwochabend formulierte, zwischenzeitlich vor lauter weißem Rauch kaum mehr zu sehen war. Um Einflüsse von den Bischöfen fernzuhalten, taugt die Abschließung des Konklaves unvermindert gut, ansonsten verkehrt sich ihre Wirkung: Wo einst weihevolle Spannung und Einkehr die Gemeinschaft der Gläubigen einte, ist jetzt ketzerischer Krawall und Remmidemmi. Und zwar weltweit. Selbst an den Menschen auf dem Petersplatz dürfte das nicht vorbeigegangen sein. Deren üppige Ausstattung mit Smartphones und Tablet-PCs wurde ja spätestens dann offenkundig, als sie dem frisch gewählten Franz damit entgegenfunkelten.

Ein Ausweg aus dem Dilemma ließe sich – mit etwas Reformwillen – bei der Piratenpartei abschauen. Nicht zuletzt deren System, jede noch so strukturlose Vorstandsdebatte ins Netz zu streamen, hat dazu geführt, dass die Mitglieder mit ihrem Interesse für die Partei heute wieder weitgehend unter sich sind. Nach ein paar Konklaven mit Webcam könnte sich auch für die katholische Kirche ein wunderbarer Effekt einstellen: dass die Bedeutung des Rauchs, wenn er aufsteigt, tatsächlich wieder eine spirituelle ist.

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