Kultur : Passionen

Ein Karfreitagabend mit der Sing-Akademie

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Man hätte es fast vergessen können während dieser milden Sonnenstunden: Dass der Karfreitag ein Schmerzenstag ist. Die Sing-Akademie zu Berlin erinnert daran in der Gethsemanekirche, benannt nach dem Ort, an dem Jesus die Nacht vor der Kreuzigung verbracht hat – mit Passionsmusik von Franz Liszt und dem Schweden Allan Pettersson, die dieses Jahr 200 und 100 Jahre alt geworden wären. Der Chor, begleitet von der Symphonischen Compagney Berlin, ist unter Kai-Uwe Jirka in guter Verfassung: Schimmernder Klang, weite dynamische Bögen, leuchtendes Forte, sanft ausgesponnenes Piano. Innige Trauer strömt aus Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ in der Bearbeitung von Liszt. Das Programm ist anregend, zudem spannungsreich im Aufbau – es verschränkt Auszüge aus Liszts „Christus-Oratorium“ und der Kreuzwegvertonung „Via Crucis“ (Orgel: Age-Freerk Bokma) mit Petterssons 1974 auf Gedichte lateinamerikanischer Arbeiter-Poeten geschriebener Kantate „Vox Humana“. Liszts späte Tonsprache ist karg, minimalistisch, andererseits in der gewaltigen „Stabat Mater“Vertonung auch hochdramatisch und opernhaft, eine symphonische Dichtung für die Kirche. Hier trifft sie sich mit Petterssons ausladenden Klangschichtungen, deren Modernität in ständigen Brüchen und Wellenanläufen aufblitzt. Hilke Andersen singt mit rubinrot timbriertem Alt, Nikolay Borchev hinterlässt mit kernigem, in der Höhe lichtem Bariton den stärksten Eindruck von Schmerz. Dann geht’s zurück in den immer noch warmen Karfreitagabend. Und doch fühlt er sich jetzt so anders an. Udo Badelt

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