Kultur : Pasta und Hummus

Was ist das Erbe der Mittelmeerkulturen? Ein Symposium im Literarischen Colloquium Berlin.

Andreas Pflitsch

Wer die Harmonie der Konfrontation vorzieht und das Kulturkampftheorem ablehnt, dem kommt die Idee einer gemeinsamen Mittelmeerkultur gerade recht. Das Mediterrane wird schon seit Langem regelmäßig gegen diejenigen in Stellung gebracht, die dem Antagonismus von Orient und Okzident, Islam und Christentum oder auch europäischer Moderne und arabischer Tradition das Wort reden.

So vertrat der ägyptische Schriftsteller Taha Husain 1938 in seinem Buch „Die Zukunft der Kultur in Ägypten“ die Ansicht, sein Land sei Teil einer gemeinsamen Mittelmeerkultur, die im Laufe der Geschichte von Griechen und Römern, Juden und Phöniziern, Arabern, Türken und Kreuzrittern gleichermaßen geprägt worden sei. Diese Geschichte, vor allem die Epoche des Hellenismus, bezeuge eine enge Verbundenheit der Mittelmeeranrainer, man müsse das Meer daher nicht als Grenze, sondern als Brücke verstehen, die eine einzige Kultur miteinander verbinde – mit den Alpen im Norden und der Sahara im Süden als Grenze.

Das Mediterrane lockt aus nördlicher Perspektive seit jeher kulturell, klimatisch und kulinarisch. Vom Italienreisenden Goethe über die Philhellenen des 19. Jahrhunderts bis zu Vico Torriani und Rudi Schurickes Capri-Fischer-Idylle in den 1950er Jahren hat das Mittelmeer als Sehnsuchtsort des kühlen Nordens immer aufs Neue verfangen.

Am Literarischen Colloquium Berlin trafen sich nun Autoren aus dem Mittelmeerraum und aus Deutschland, um über „Das gemeinsame antike Erbe der Mittelmeerkulturen“ zu reflektieren. Lesungen und Podiumsdiskussion stellten die Auftaktveranstaltung der Reihe „Das weiße Meer“ dar, die in loser Folge, das nächste Mal im November in Triest, die gemeinsame Kultur ausloten soll. Da auch der Kulturdialog durch den Magen geht, begann man mit „mediterranen Köstlichkeiten rund ums weiße Meer“, bevor Joachim Sartorius (Berlin), Maïssa Bey (Algerien), Haris Vlavianos (Griechenland), Ilma Rakusa (Slowakei), Khaled al-Khamissi (Ägypten) und Elias Khoury (Libanon, vertreten durch seine deutsche Übersetzerin Leila Chammaa) den Nachmittag mit Gedichten und Prosa füllten. In diesem Lesemarathon zeigten sich Möglichkeiten und Grenzen der „Literaturen rund ums Mittelmeer“. Einerseits war die Vielschichtigkeit dieses Raums abgebildet, andererseits nahm die Fülle der Themen und Tonlagen der These von der kulturellen Gemeinsamkeit einiges von ihrer Überzeugungskraft.

Die abschließende Podiumsdiskussion fragte nach den „Chancen einer Mittelmeerunion für den ‚Arabischen Frühling’“. Mit dieser politischen Perspektiverweiterung rettete sich die Veranstaltung vor dem Vorwurf, allzusehr auf Harmonie zu setzen. Schon in ihrer Einführung durchkreuzte Moderatorin Ilma Rakusa jeden Anflug von Idylle, indem sie nicht nur klarstellte, dass der Mittelmeerraum der „vielleicht komplexeste kulturelle Raum“ sei, „der sich nie durch Einheit ausgezeichnet“ habe. Das Verhältnis von Norden und Süden zeichne sich auch durch wirtschaftliche Differenzen aus, und die Flüchtlingsproblematik habe das Mittelmeer zum „tödlichsten Gewässer der Welt“ gemacht, mit geschätzten 1500 Toten alleine 2011. Mit dem kroatischen Kulturwissenschaftler Predrag Matvejevic, dessen Buch „Der Mediterran“ von 1987 ein Klassiker zum Thema ist, warnte Rakusa vor der ideologischen Überhöhung der vermeintlich gemeinsamen Traditionen.

Nicht alleine, was gesagt wurde, machte das Podiumsgespräch reizvoll: Das permanente Summen und Flüstern der griechisch-arabischen Übersetzer versinnbildlichte den Zustand der Mittelmeerkultur als akustische Inszenierung. Andreas Pflitsch

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