Pat Metheny in Berlin : Im Hochdruckgebiet

Hymnisch: die Pat Metheny Unity Group mit ihrem neuen Album „Kin“ im Berliner Tempodrom.

Gregor Dotzauer
Ekstatisches Hin und Her. Pat Metheny und Saxophonist Chris Potter im Tempodrom.
Ekstatisches Hin und Her. Pat Metheny und Saxophonist Chris Potter im Tempodrom.Foto: Geisler-Fotopress

Musiker kommen und gehen. Für ein paar Jahre spielen sie sich die Seele aus dem Leib, werfen alte Traditionen um und stoßen neue an, bevor sie ins Routineglied zurücktreten. Pat Metheny ist geblieben und flößt anderen die Idee einer Verausgabung ein, die alles andere als selbstzerstörerisch erscheint. Man könnte nicht unbedingt behaupten, dass er heute, drei Monate vor seinem 60. Geburtstag, besser spielt als vor 20 Jahren, aber er hat sein Terrain mit seltener Neugier erweitert. Die im Stahl seiner akustischen Gitarren silbrig schimmernden Soloaufnahmen, die spielerische Befehligung des gigantischen Orchestrions, einer ausschließlich mit natürlichen Klängen operierenden Musikmaschine, oder zuletzt die Hommage an die Splittersounds des Komponisten John Zorn im „Book of Angels“ – all das lässt den Gefälligkeitsbombast, dessen man ihn gerne zeiht, weit hinter sich.

Rein technisch sind ihm viele auf den Fersen. Eine Generation jünger hat sich der in Berlin lehrende Kurt Rosenwinkel als stilprägender Gitarrist etabliert. Noch eine Generation weiter spielen Julian Lage und Gilad Hekselman mit einer so unfassbaren Virtuosität und Musikalität, dass man nur von einer Blüte des Jazz sprechen kann. Doch noch kann keiner von ihnen beanspruchen, auch kompositorisch so weit vorgedrungen zu sein wie Metheny: Mit „Kin“ (Nonesuch Records), dem unlängst veröffentlichten zweiten Album der Pat Metheny Unity Group, beerbt er die große Form der von Steve Reichs pulsierender Minimal Music inspirierten Suite „The Way Up“.

Den langen Weg dorthin zeichnet auch das fast dreistündige Konzert im Berliner Tempodrom nach, mit einer Band, die sich nach einem solistischen Nylonsaiten-Intro und einer harfenistisch aufrauschenden Schwelgerei auf der 42-saitigen Pikasso-Gitarre, erst einmal selbst Beine macht, bevor sie sich ans Orchestrale wagt. Was Metheny, Schlagzeuger Antonio Sanchez, Saxofonist Chris Potter und Bassist Ben Williams zunächst als stürmisches Quartett veranstalten, ist mehr oder weniger das, was sie auf allen Stationen ihrer dicht getakteten Europatournee präsentieren. Ein paar Reprisen aus dem ersten Unity-Album, dazu ein Metheny-Evergreen wie „James“.

Nur während sie in ihrem Reisealltag an Gleichförmigkeit ersticken müssen, weht hier von Anfang an ein herrlich frisches Lüftchen. Auch die Professionalität der eingeschworensten Truppe allein kann es nicht herstellen. Das geht nur mit Spielfreude. Wenn sie auch nichts völlig Unerwartetes hervorbringt, so kann sie in dem Hochdruckmodus, der hier herrscht, doch darauf bauen, dass sich keiner lumpen lassen will. Und so ist das kleine Duell, das sich Metheny und Sanchez in „James“ wohl jeden Abend liefern, ein geradezu ekstatisches Hin und Her, dessen Höhepunkt ein eigentümlich verschlepptes, Tempo auf- und wieder zurücknehmendes Schlagzeugsolo ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben