Patrick Wengenroth an der Schaubühne : Poly, multi, omni

"Love Hurts in Tinder Times" Patrick Wengenroth richtet an der Schaubühne ein Liebeschaos an.

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Küsse, Bisse. Lise Risom Olsen und Mark Waschke in "Love Hurts". Foto: Gianmarco Bresadola
Küsse, Bisse. Lise Risom Olsen und Mark Waschke in "Love Hurts".Foto: Gianmarco Bresadola

„Love is a catastrophe“, schmettert Patrick Wengenroth mit High Heels und im kleinen Roten ins Mikro – und gibt mit dieser schönen Desillusionierungshymne vom „Release“-Album der Pet Shop Boys aus dem Jahr 2002 gleich den Sound des Abends vor. „Love Hurts in Tinder Times“ heißt der Hundertminüter, den der (wie immer mitperformende) Regisseur gemeinsam mit dem Schaubühnen-Ensemble entwickelt hat. Dem Titel zum Trotz, der ja eher eine dramatische Dating-App-Analyse erwarten lässt, geht es allerdings erstaunlich und erfreulich analog zu im Studio der Berliner Schaubühne.

Da nimmt zum Beispiel Mark Waschke in Höchstform den jüngsten Beziehungstrend auseinander: „Polyamorie, offene Beziehung“, ruft er ins Publikum und ironisiert mit großer Geste das „Aushandeln“ von Grenzen und die generöse Forderung nach „Respekt“ und „Augenhöhe“, die sich Beziehungsverhandlungspartner dabei auferlegen. Um am Ende ganz schnöde von der miesen kleinen Eifersucht niedergestreckt zu werden.

Lise Risom Olsen verheddert sich unterdessen programmatisch in den Fallstricken zwischen Partnerschaftswunsch und Hollywoodklischee, wenn sie weltpolitisches Engagement – drunter geht’s nicht – und Triebbefriedigung zusammenspannt: „Am besten fliegen wir zu Nestlé in den Hauptfirmensitz, um eine Sabotageaktion zu machen“, träumt Olsen von einem Aktivisten-Ausflug mit ihrem Bühnenkollegen und wirft maximal spektakulär die schwarzen Perückenhaare in den Nacken. „Und am Flughafen haben wir spontanen Sex in der Behindertentoilette.“

Andreas Schröders ist da schon ein paar wesentliche Schritte weiter, nämlich geradewegs auf der Zielgeraden zur Altersenttäuschung: „Was nützt es, in einem Alter, wo man sterben sollte, zu lernen, wie man hätte leben sollen“, beklagt er die Ungnade der späten Einsicht in Liebes- und andere Dinge des Lebens.

Der Abend macht sich über sich selber lustig

Das ist natürlich alles kein bisschen neu, aber zeitlos identifikationstauglich, nahtlos anschlussfähig und außerdem mit einer derartigen Energie und (Selbst-)Ironie performt, dass man – dem Herzschmerz-Gegenstand des Abends zum Trotz – äußerst vergnügliche Minuten erlebt im Schaubühnen-Studio.

Gleich zu Beginn erstellt das Darsteller-Trio zum Beispiel in einer aparten Kunstbetriebsparodie narzisstische Körperselfies: Minutenlang wälzen sich die Schauspieler in einem riesigen Farbbottich, verknäueln sich zum Sound des Live-Musikers Matze Kloppe gern auch mal lasziv ineinander und feiern sich anschließend gebührend für die Farbabdrucke, die sie mit ihren Körpern auf transparente Leinwände gepresst haben.

Logisch, dass der Abend sich dabei auch über sich selbst lustig macht; das gehörte schon immer zu den Markenzeichen des 1975 geborenen Patrick Wengenroth, der vor über zehn Jahren im Theaterdiscounter die „Planet Porno“-Abende entwickelte. In der Schaubühne zeigte er zuletzt „thisisitgirl“, einen „Abend über Frauen und Fragen und Frauenfragen für Frauen und Männer“. Hier macht er weiter, wo er 2015 aufhörte. „Dieses ständige Insichhineinschauen, diese Freud-Scheiße“, ruft Mark Waschke in einer Art finalem Wutmonolog über die Rampe. „Und immer schön aus allem Theater machen!“ Keine Frage: Es bleibt unterhaltsam an der Herzschmerz-Front, gerade in bis zum Schwindligwerden beschleunigten „Tinder Times“. Christine Wahl

Wieder vom 3. bis 6. Februar, 20 Uhr

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