Patti Smith in Berlin : Fürbitten, Segen, Barfußtänze

Die einfachen Leute haben immer noch die Macht: Patti Smith gibt in der Zitadelle Spandau mit Parolen und Gedichten ein altersweises Konzert.

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Patti Smith, 2015 auf einem Festival in England.
Patti Smith, 2015 auf einem Festival in England.Foto: REUTERS

Punker teilen sich einen Joint mit Hippies, Queer-Aktivistinnen stoßen mit Rockern in Motorradkutten an. Ältere Paare, manche in löchrigem Tour-Shirt aus den 90ern kommen mit ihren erwachsenen Kindern, manche von denen haben wiederum ihre Kinder dabei. Sie alle kommen für die Mutter der Subkulturen, die Einigerin der Generationen: Patti Smith.

Einige Zuschauer im Innenhof der Festung stützen sich altersbedingt auf Gehhilfen. Patti Smith wurde im vergangenen Dezember 70 Jahre alt. Ihre Konzerte werden seltener, ihre aktuelle Europa-Tour ist kurz und mit vielen Pausentagen angereichert. Doch noch immer wird in Konzertankündigungen mit hochtrabenden Attributen wie „Godmother of Punk“ oder „Schamanin des Rocks“ ihre Ikonisierung vorangetrieben. Wie unzeitgemäß diese Fremdzuschreibungen sind, konnte man erst vor wenigen Monaten beobachten. Während des Nobelpreis-Banketts bot sie, stellvertretend für Preisträger Bob Dylan einen zerbrechlichen, zutiefst menschlichen Auftritt, bei dem ihre Stimme mitten im Lied versagte.

Als sie in der Zitadelle Spandau die Bühne betritt, ist diese würdevolle Aura des Fragilen unmittelbar präsent. Im schwarzen Anzug und mit offenen grauen Haaren, mit Sanftmut und ohne große Gesten stimmt sie „Wing“ an, ein getragenes Akustikstück. Zwar bringt das folgende „Dancing Barefoot“ die ersten der 7000 Besucher in Bewegung, doch es sollten die ruhigen Töne bleiben, die diesen Abend dominieren. Und die großen Gesten.

Wiederholt streckt Patti Smith, einer Priesterin gleich, ihre Arme gen Himmel und beschwört in banalen Botschaften wahlweise den Weltfrieden, den Umweltschutz oder das menschliche Miteinander. Ihr Hang zur Esoterik bleibt dem Publikum dabei nicht verborgen.

Ein Geburtstagsständchen für Wim Wenders gibt es auch

Dazwischen stimmt sie mit allen Anwesenden ein Geburtstagsständchen für Wim Wenders an, verneigt sich vor ihrem kürzlich verstorbenen Ex-Partner Sam Shepard und lässt ihre Musiker mit Verweis auf den Summer of Love den Beatles-Klassiker „A Day in the Life“ spielen. Mit Lesebrille auf der Nase trägt sie ein Gedicht für den russischen Regisseur Andrej Tarkowski vor, während die Band die Darbietung mit einer Komposition des Jazzmusikers Sun Ra untermalt. Bis hierhin hatte der Abend einiges zu bieten, allerdings kein intensives Konzerterlebnis.

Erst bei „Summer Cannibals“ befreit sich Patti Smith von ihrem Jackett und fegt mit wilden Tanzschritten über die Bühnenbretter. Und dann kehrt die Wut doch noch zurück. Fast zuckt man erschrocken zusammen, als sie mit bebendem Groll in der Stimme an das Publikum appelliert: „Feel your fucking freedom!“

Doch schnell ist der Anflug von Revolution wieder verflogen. Mit einer Bratwurst in der Hand nicken die Zuschauer freundlich im Takt oder sitzen ermüdet vom langen Stehen auf den Rasenflächen. Als die markanten Klavierklänge des Überhits „Because the Night“ erklingen, reißt es alle noch einmal hoch – allerdings nicht zum Tanzen: Sekunden später taucht das blaue Licht von hunderten Smartphones das Meer von Köpfen in ein sanftes Blau. Bloß stillstehen, sonst verwackelt das Bild.

Es ist ein Abend, der ritualisiert wirkt wie der Sonntag in der Kirche. Inklusive wiederkehrendem Schuldbekenntnis, Fürbitten und Segen. Bekannte Abläufe, wenig Überraschung. Nach 45 Minuten macht Patti Smith eine kleine Pause. Sie muss pinkeln, wie sie am Mikrofon gesteht. Nur eine halbe Stunde später verlassen dann alle Musiker das erste Mal die Bühne. Die Zugabe kondensiert die Predigten der Künstlerin auf zwei Botschaften: Etwas fürs Herz und etwas für die geballte Faust. Nach einer leicht schiefen Interpretation von Elvis Presleys „Can't Help Falling in Love“, folgt der angesichts der Weltlage zu erwartende Schlussakkord: „People Have the Power“. Amen.

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