Paul Mason im HKW Berlin : Der Kapitalismus ist am Ende

Und was kommt danach? Der "Post-Kapitalismus". Der britische Journalist Paul Mason sprach bei der Democracy Lecture im Haus der Kulturen der Welt.

Carolin Haentjes
Paul Mason ist Brite und Globalisierungskritiker. Foto: Santiago Engelhardt/Haus der Kulturen der Welt.
Paul Mason ist Brite und Globalisierungskritiker.Foto: Santiago Engelhardt/Haus der Kulturen der Welt.

Es gibt Redebedarf. Angesichts von Human- und Naturkatastrophen, die vor allem Konsequenzen der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu sein scheinen, stellt sich die Frage: Welche Alternativen bleiben nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaften? Das fensterlose Auditorium im Haus der Kulturen der Welt ist bis auf den letzten Platz besetzt. An diesem frühlingshaften Abend findet die „Democracy Lecture“ statt, die dritte in einer von den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ veranstalteten Reihe. Nachdem Thomas Piketty 2014 und Naomi Klein im Vorjahr düstere Gegenwartsanalysen leisteten, steht mit Paul Mason am Dienstagabend ein optimistischer Redner auf der Bühne.

Der vielleicht bekannteste englische Globalisierungskritiker sieht eine humanere und nachhaltigere Gesellschaft bereits im Entstehen begriffen. Denn momentan handelt es sich in seinen Augen um eine Krise, mit der sich der Kapitalismus selbst abschafft: Die Innovationsfähigkeit des Wirtschaftssystems, wie wir es kannten, ist an ihrem Ende angelangt. Die selbst hergestellten Widersprüche lassen sich nicht mehr integrieren.

Im Zentrum dieser Entwicklung verortet der BBC-Journalist die Informationstechnologie. In seinem Buch „Post-Kapitalimus“ (Suhrkamp) erläutert er, dass IT-Techniken einen Überfluss generieren, der in Widerspruch zu einem Markt der verknappten Güter steht. Mason verweist auf den rasanten Preisverfall im IT-Markt und auf die Massenproduktion digitaler Information. Diese Faktoren, argumentiert er, begünstigen neuartige Formen des Wirtschaftens sowie anderer Arten von Dienstleistungen und Waren. Als Beispiele nennt er Parallelwährungen, wie sie Zeitbanken zum Tausch nachbarschaftlicher Hilfe erfassen, und Open-Source-Projekte. Diese Formen, so Mason, wirken sich bereits aus. Menschen beginnen anders zu „handeln“ – im doppelten Sinn des Worts.

"Wir wissen, dass es anders ist, weil niemand es erklären kann."

Masons Vision lässt sich am ehesten als staatlich gestützte Radikalreform beschreiben. Er sei kein Revolutionär, betont er, sondern ein radikaler Sozialdemokrat. Und er wolle nicht behaupten, er habe die Antwort auf alle Fragen. „Wir wissen gerade deshalb, dass wir am Anfang von etwas radikal Anderem stehen, weil niemand es wirklich erklären kann.“ Jetzt müsse es darum gehen, eine andere Geschichte zu entwerfe. Er will deshalb eine Sprache finden, mit der sich die linken Bewegungen zu einem gemeinsamen Projekt versammeln könnten.

Auf dem Podium üben potentielle Verbündete durchaus Kritik an Masons Modell: Frank Rieger vom Chaos Computer Club warnt vor einer „blauäugigen“ Idealisierung des IT-Bereichs. Digitalisierung und Automatisierung, so Rieger, prekarisierten weite Bereiche der Gesellschaft. IG-Metall Vorstand Hans-Jürgen Urban befürchtet, dass ohne institutionelle Akteure die Gefahr autoritärer Strukturen besteht. Ob diese Rolle nicht die Gewerkschaften übernehmen sollten? Und Friederike Habermann, Expertin für Degrowth (Wachstumsrücknahme) plädiert dafür, Begriffe wie Eigentum grundsätzlich infrage zu stellen, solange staatliche und wirtschaftliche Strukturen miteinander verstrickt seien. Einigen können sie sich zumindest auf eine alte anarchistische Parole: „Die Krise des Kapitalismus sind wir.“

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