• Paula Fürstenbergs DDR-Roman „Familie der geflügelten Tiger“: Zeugen ohne Zeugenschaft

Paula Fürstenbergs DDR-Roman „Familie der geflügelten Tiger“ : Zeugen ohne Zeugenschaft

Wie viel DDR steckt in den Wendekindern? Paula Fürstenbergs Debütroman „Familie der geflügelten Tiger“ begibt sich auf eine literarische Spurensuche der deutsch-deutschen und der Familienvergangenheit.

Friederike Oertel
Johanna, die Protagonistin des Romans, forscht nach der Vergangenheit ihres Vaters.
Johanna, die Protagonistin des Romans, forscht nach der Vergangenheit ihres Vaters.Foto: dpa

Im Zeitalter von Google Earth ist jeder Quadratmeter der Welt kartographiert und per Mausklick abrufbar. Doch wie ging man mit weißen Flecken um, als die Welt noch unerforscht war? Die mittelalterlichen Mönche der Ebstorfer Weltkarte bemühten sich nicht um eine wahrheitsgetreue Abbildung der Realität. Unbekannte Gebiete wurden mit Fantasieorten und Fabelwesen ausgeschmückt. Auf ihrer Karte sind das Paradies, der Turm zu Babel und die Arche Noah zu finden. Weil Landkarten die Welt überschaubar machen und zugleich die Fantasie anregen, haben sie Johanna, die Ich-Erzählerin von Paula Fürstenbergs Debütroman „Familie der geflügelten Tiger“, schon als Kind fasziniert. Jahre später, während ihrer Ausbildung zur Berliner Straßenbahnfahrerin, steuert sie auf einem vorgespurten Liniennetz durch die Großstadt.

Doch ihr wohlgeordnetes Lebenskonstrukt gerät ins Wanken, als ihr Vater anruft. Außer einer Postkarte an der Wand und einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie erinnerte bisher nichts an ihn. Kurz vor dem Mauerfall war er in den Westen gegangen, „um drüben ein berühmter Rockmusiker zu werden“ – das zumindest behauptet Johannas Mutter. Doch plötzlich gibt es widersprüchliche Versionen seines Verschwindens: Ist er überhaupt geflohen? Wurde er von der Stasi verhaftet? Was hat das mit seiner Musik zu tun und was mit Honeckers Krankengymnastin?

Sprachlich präzise, mit einem feinen Sinn für Komik und Lakonie erzählt Fürstenberg von der biografischen Spurensuche einer jungen Frau, die die weißen Flecken ihrer Landkarte selbst rekonstruieren muss. Um ihren Standort zu bestimmen, erkundet Johanna die zerklüftete Familienlandschaft und stellt fest, dass ihr rudimentäres Vaterwissen nicht das einzige unerforschte Gebiet ist: „Wir stellten uns vor die Vitrinen und schauten uns das Leben an, das unsere Eltern offenbar einmal gehabt hatten“, denkt sie während eines Besuchs im DDR-Museum.

Lehrstück deutsch-deutscher Gegensätze

Johanna gehört einer Generation an, die keine eigenen Erinnerungen an das Land hat, in dem sie geboren wurde. Ein Land, das verschwunden ist und dennoch ihre gesamte Kindheit hindurch vorhanden war – in Form von Erzählungen, Hallorenkugeln, Kinderbüchern wie Hirsch Heinrich und Kleine Angsthasen oder dem bleichenden Scheuermittel Quasi, das ihre Mutter noch immer im Badezimmerschränkchen aufbewahrt.

Paula Fürstenberg, 1987 geboren und in Potsdam aufgewachsen, ist selbst Teil dieser Generation. Sicherlich ein Grund, warum es ihr gelingt, so kraftvoll und zugleich unaufgeregt zu schildern, wie die Vatersuche zur Suche nach den eigenen Wurzeln wird: Was bedeutet Herkunft und wie viel DDR ist in den Wendekindern noch übrig? Der Vergleich von Kindheitserinnerungen, den Johanna gemeinsam mit ihrer Teilzeitliebe Karl vornimmt, wird dabei zum Lehrstück deutsch-deutscher Gegensätze der Nachgeborenen: Obwohl beide im vereinigten Deutschland groß geworden sind, verfügen sie über keinen gemeinsamen Erinnerungsschatz. Während Johanna vorm Schlafengehen das Sandmännchen schaute und ihren Urlaub am liebsten an der Ostsee verbrachte, las Karl die „Bravo“ und wurde zum Weltenbummler.

Die Familienlandschaft neu kartographieren

Wie nebenbei flicht die Autorin in den Ablauf der Handlung immer wieder historische Fakten ein, nur manchmal wirken sie konstruiert und entgleiten in schiefe Bilder: So erscheint es wenig glaubhaft, wenn Mittzwanziger die „Tagesschau“ mit der „Aktuellen Kamera“ vergleichen. Doch ausgerechnet diese Unstimmigkeiten unterstreichen, was Fürstenberg in ihrem Roman zum Thema macht: Die sogenannte dritte Generation ist Zeuge, ohne davon zeugen zu können. Von diesen Erfahrungsdefiziten erzählt sie – mal komisch und mal melancholisch, doch stets frei von Sentimentalität. Das überzeugt, denn schließlich ist die Summe der Dinge, die junge Ost- und Westdeutsche heute verbindet, weit größer als die Unterschiede: Johanna und Karl kennen den Sozialismus nur vom Hörensagen, verstehen die DDR-Witze ihres Fahrlehrers nicht und wohnen in einer wiedervereinten Stadt, wo einst die Grenzanlage „eine überdimensionale Schneise in die Stadtpläne von Berlin geschlagen hatte.“

Die Spurensuche verbindet Fürstenberg immer wieder geschickt mit der Frage, ob Erzeuger und Vater gleichzusetzen sind. Durch den persönlichen Zugang vermeidet sie es, sich zur Sprecherin ihrer Generation aufzuschwingen. Johannas Erfahrungen sind in gewissem Sinne exemplarisch, doch sucht die Autorin nicht krampfhaft nach Verallgemeinerungen. Stattdessen lässt sie ihre Protagonistin Fragen stellen – so lange, bis diese sich ihr eigenes Bild von der Vergangenheit macht: Johanna beginnt wild zu fabulieren und die Familienlandschaft neu zu kartographieren. So wie die Mönche der Ebstorfer Weltkarte, von der sie eine Kopie besitzt.

Paula Fürstenberg erzählt von blinden Flecken und biografischen Brüchen auf kluge Weise neu. Mit „Familie der geflügelten Tiger“ betritt sie überzeugend die Bühne der Literatur. Was als eine Art Essenz stehen bleibt, wirkt nach: „In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten.“ Idealerweise solche, in denen man sich einrichten kann.

Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 240 Seiten, 18,99 €.

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