Perspectives Festival : „Jetzt reicht’s uns“

In Elektromusik-Szene sind Frauen immer noch unterrepräsentiert. Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo will mit dem zweitägigen Perspectives Festival in Berlin mehr Sichtbarkeit schaffen. Ein Gespräch über harte Zahlen, alte Vorurteile und neue Vorbilder.

Kirsten Riesselmann
Susanne Kirchmayr legt unter dem Namen Electric Indigo Techno auf.
Susanne Kirchmayr legt unter dem Namen Electric Indigo Techno auf.Foto: Raphael Just

Frau Kirchmayr, das von Ihnen gegründete Netzwerk Female Pressure gibt es seit 15 Jahren. 1300 Musikerinnen und DJs gehören dazu. Warum ausgerechnet jetzt ein eigenes Festival namens Perspectives?

Es gab einen Anlass: Die mediale Welle zum #Aufschrei hat auf unserer Mailingliste eine Diskussionslawine ausgelöst. Wir als Künstlerinnen sind nicht ständig mit Sexismus in Form von sexueller Belästigung konfrontiert. Uns stört vielmehr, dass zu wenige Frauen in den Line-ups von Clubs und Festivals sind. Unser Beitrag zur „Aufschrei“-Debatte war es, Fakten zusammenzutragen. Bookings, DJBestenlisten und Labels auszuwerten. Das Ergebnis: Durchschnittlich liegt der Anteil von Frauen auf Festivals bei zehn Prozent, bei Labelveröffentlichungen sind es 9,3 Prozent. Bis zu einem gewissen Grad läuft es also wirklich beschissen.

Das klingt, als hätten die Zahlen Sie überrascht.

Ich habe mir tatsächlich vorher nie Zahlen angeschaut. Sicher, unser Faktencheck ist eher unsystematisch, da hat das ganze Netzwerk Beiträge geliefert, aber die mangelnde Verhältnismäßigkeit ist trotz leichter Unschärfe wohl offensichtlich. Wir haben dann in zehn Sprachen eine Presseerklärung veröffentlicht, die deutschsprachige haben Gudrun Gut und ich in einer „Jetzt reicht’s uns“-Stimmung verfasst.

Was stand da drin?

Dass wir ein repräsentativeres Geschlechterverhältnis in den Line-ups fordern. Mehr Raum und mehr Chancen für Frauen. Ein verändertes Bewusstsein. Bei Festivalkuratoren, Bookern, Labelmachern – aber auch bei uns selbst. Es ist doch erstaunlich: Eine Kollegin trat letztens bei einem Festival in Österreich auf und sagte: „It felt equal.“ Wir haben nachgezählt: Im Line-up waren 30 Prozent Frauen, was sich für uns offenbar schon nach Gleichheit anfühlt.

Dann also lieber ein Festival von Frauen mit Frauen für Frauen?

Für Sichtbarkeit zu sorgen ist unser Projekt. Für mich ist erwiesen, dass es mehr weiblichen Nachwuchs gibt, je mehr Frauen auf der Bühne stehen. Da hat sich ja schon was getan in den letzten 15 Jahren – eine Frau hinter den Turntables ist ja heute nicht mehr wahnsinnig exotisch. Außerdem ist Perspectives kein Festival, das Jungs ausschließt, wir haben auch zwei, die auflegen! Über den Männeranteil gab es allerdings heftige Diskussionen.

Bedeuten Ihre Zahlen, dass Veranstalter leicht mehr Frauen finden könnten und absichtlich nicht buchen? Oder dass es insgesamt doch so viel weniger Frauen als Männer in der elektronischen Musikszene gibt – was ja auch seine Gründe haben müsste.

Weder das eine noch das andere. Die Zahlen zeigen nur, wie viele Frauen im Verhältnis zu Männern gebucht werden. Mehr nicht. Aber unsere Erfahrung lehrt uns, dass sich die Veranstalter keine Mühe machen. Gar nicht mal aus purer Misogynie heraus. Es ist einfach ein Teufelskreis: Gebucht werden die Acts, die populär sind. Und welche Acts sind populär? Die, die gespielt werden und die viele Auftritte haben. Die, die im Jungsnetzwerk sind. Das Ganze ist bis zu einem gewissen Grad ein selbstreferenzielles System, das in einem Feedback-Loop stecken geblieben ist.

Wie hat die Szene auf Ihre Studie reagiert?

Eigentlich sehr positiv. Ich hätte einen schlimmeren Shitstorm erwartet. Aber natürlich haben auch einige Veranstalter gesagt: Es gibt einfach weniger Frauen, die gute Musik machen, wenn ich also den Frauenanteil erhöhe, senke ich das Qualitätsniveau meines Festivals. Oder: Mein Publikum will einfach nicht mehr Frauen auf der Bühne sehen, da kann ich nichts machen. Der denkt gar nicht darüber nach, dass es kein Nachteil sein muss, wenn sich die Zusammensetzung seines Publikums ändert. Es sind die immer gleichen Diskussionen mit den immer gleichen Argumenten. Erst ist der Plattenkoffer zu schwer für den weiblichen Körperbau, dann ist die Frau von ihrer intellektuellen Struktur her nicht geeignet, um ein Potentiometer zu bedienen. Solche Sachen halten sich hartnäckig.

Und wie wollen Sie Clubbetreiber und Festivalmacher davon überzeugen, mehr Frauen zu buchen?

Indem wir ihnen über ein Festival wie Perspectives zeigen, dass wir gute Sachen machen. Und dass es interessant ist, nicht immer auf Nummer sicher zu gehen. Dass es Spaß macht, mal mehr zu recherchieren, sich zu bemühen. Sicher, mehr Frauen zu buchen geht mit mehr Anstrengung und mehr Risiko einher – aber man muss eben auch ein bisschen mutig sein, um die Verhältnisse zu ändern.

Müsste man dafür nicht auch die Förderung von Veranstaltungen mit öffentlichen Geldern fordern oder eine Quote?

Ich finde die Quotenforderung in unserem Metier schwierig. Eine Quote bedeutet ja, bei gleicher Qualifikation eine Frau zu bevorzugen. Aber woran sollen wir die künstlerische Qualität festmachen? An Facebook-Freunden, Airplays, Reviews? Nein, wir werden nur über das erhöhte Bewusstsein für die Problematik etwas verändern. Das wird klappen. Die Macher des Volt Festivals in Schweden haben dieses Jahr geworben mit der Aussage: Wir haben bei der Female-Pressure-Studie super abgeschnitten! Das hätte es früher nicht gegeben, da hat sich etwas getan.

Das Gespräch führte Kirsten Riesselmann. Perspectives Festival, 12./13. September im About Blank, Markgrafendamm 24

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