Perspektivwechsel : Faust und Melnikov spielen Beethoven

"Complete Sonatas for piano and violin" steht in historisch korrekter Reihenfolge auf der neuen Einspielung von Alexander Melnikov und Isabelle Faust (harmonia mundi). Ein Unterschied, der in knappstmöglicher Form den Perspektivenwechsel charakterisiert, den Deutschlands klügste Geigerin und ihr Klavierpartner vornehmen.

Jörg Königsdorf

„Beethoven – die Violinsonaten“ war die Gesamtaufnahme betitelt, die Anne-Sophie Mutter vor elf Jahren – als erste Geigerin überhaupt! – vorlegte. „Complete Sonatas for piano and violin“ steht dagegen in historisch korrekter Reihenfolge auf der neuen Einspielung von Alexander Melnikov und Isabelle Faust (harmonia mundi). Ein Unterschied, der auf den ersten Blick nach philologischer Haarspalterei aussieht, aber in knappstmöglicher Form den Perspektivenwechsel charakterisiert, den Deutschlands klügste Geigerin und ihr Klavierpartner vornehmen.

Während selbst die größten Violinisten nur selten der Versuchung widerstehen konnten, Beethovens Sonaten als Konzerte mit Klavierbegleitung zu spielen, nehmen Faust und Melnikov Beethoven beim Wort und machen echte Kammermusik. Und das heißt vor allem, aufeinander zu hören: Statt sich ins Rampenlicht zu drängen, agiert Faust oft überraschend behutsam, schlägt einen mürb-vibratolosen Ton an und nutzt die Klangmöglichkeiten ihrer Stradivari nur dort, wo Beethoven der Geige ausnahmsweise eine große Arie auf den Leib geschrieben hat und das Klavier einmal wirklich nur begleiten darf.

Weniger ist hier nicht nur mehr, sondern auch der Schlüssel zur musikalischen Wahrheit: Auch Alexander Melnikov schraubt seinen Steinway manchmal fast auf den Radius eines Hammerflügels herunter, schlägt einen schlanken, agilen Ton an, der in den dramatischeren Sätzen wie dem Finalgewitter der a-moll-Sonate elektrisiert, statt mit Klangwucht zu erschlagen. Von den glücksgesättigten frühen Sonaten Opus 12 bis hin zum vorromantisch versonnenen Spätling Opus 96 ist die Aufnahme eine Entdeckungsreise durch Beethovens Sonaten, bei der selbst die bekanntesten Sätze in einem ungewohnten Licht erscheinen. Das berühmte Hauptthema im ersten Satz der „Frühlingssonate“ artikuliert Faust fast wie einen zögernden Vorschlag, als wenn sie noch gar nicht wüsste, ob das Klavier diesen Einfall auch übernimmt, um sich erst dann beim hymnischen Seitenthema zum gemeinsamen Frühlingsgefühl aufzuschwingen.

Und in jeder der zehn Sonaten hört man nicht nur zwei Instrumente, sondern plötzlich auch den Raum zwischen ihnen: Jedes Motiv, jeden noch so kleinen Einwurf beziehen die beiden auf ihr jeweiliges Gegenüber, Einfälle werden nicht präsentiert, um zu glänzen, sondern um eine Antwort zu bekommen und dem Dialog eine Wende zu geben. Einzig bei der extrovertiert-virtuosen Kreutzer-Sonate geht diese kommunikative Grundhaltung nicht völlig auf: Gegenüber dem hitzig-furiosen Zugriff von Patrizia Kopatchinskaja und Fazil Say wirken Melnikov/Faust doch etwas zu zivilisiert und bleiben Partner, statt Kontrahenten zu werden. Es gibt eben auch Musik, für die man sich besser nicht zu gut verstehen sollte. Jörg Königsdorf

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