Peter Csobadis Lebenserinnerungen : Sein Weg mit Karajan

32 Jahre lang hat Peter Csobadi als Pressesprecher dem Dirigenten Herbert von Karajan treue Dienste geleistet. Zuvor war der Ungar bereits Sekretär Ferenc Fricsays gewesen, SFB-Redakteur und Pressechef der Berliner Festwochen. In einem Hörbuch erzählt der 90-Jährige nun aus seinem Leben.

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Zirkus Karajani wird die Philharmonie im Volksmund genannt.
Zirkus Karajani wird die Philharmonie im Volksmund genannt.Foto: Berliner Philharmoniker

Zeitgenossenschaft – kaum jemand in Künstlerkreisen hat sie intensiver erlebt als der heute 90-jährige Peter Csobádi. Jetzt liegt ein Hörbuch (3 CD) vor, in dem er sein Lebensthema behandelt und viel mehr: ein Stück bewegter Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. „Mein Weg mit Herbert von Karajan“ (ro.k Medien, erhältlich im Shop der Philharmonie, 19,99 €) ist der Titel, zu dem ihn Werner Thuswaldner, langjähriger Kulturchef der „Salzburger Nachrichten“, befragt.

Und Csobádi antwortet mit seiner Lust zu fabulieren. Der 32-jährigen Tätigkeit als Pressesprecher Karajans geht ein turbulentes Schicksal voraus: Verfolgung und Verhaftung in der Heimat Ungarn, später diplomatischer Dienst in dessen Außenministerium, darüber Anekdotisches wie Warten im Vorzimmer Stalins, Kaffetrinken mit Tito. Folgt jounalistische Arbeit in Budapest, bis Csobádi nach der Niederschlagung des Volksaufstands 1956 zu den über 160 000 Ungarnflüchtlingen gehört, die das Land verlassen in Richtung Österreich. Er gründet mit anderen das Flüchtlingsorchester Philharmonia Hungarica, wofür sich helfend auch Karl Böhm und Karajan in die Prüfung ungarischer Musiker einschalten, während Menuhin dem Ganzen mit Rat und Tat beisteht. Csobádis Laufbahn führt über ein Lektorat beim Wiener Verlag Doblinger direkt zu Ferenc Fricsay, den Ungarn zum Ungarn.

 Csobádi wird „begeisterter Berliner“, weil Fricsay als Chefdirigent der Deutschen Oper wenige Tage nach dem Mauerbau 1961 seine Berliner Premiere vorbereitet. Als dessen Sekretär erlebt er nun Zeitgenossenschaft mit dem genialen Musiker wie ein Stück Brüderlichkeit. Und macht sich lustig über Fricsays Beharrlichkeit, falsches Deutsch zu sprechen. SFB-Redakteur von agiler Kontaktfreude, erstes TV mit Karajan, Pressechef der Berliner Festwochen: Csobádi hat viel zu tun, denn die Pressekonferenzen sind damals politisch im Zwang der Dreistaatentheorie des Ostens von besonderer Dringlichkeit.

In einer dieser Runden kündigt Karajan 1966 die Gründung seiner Salzburger Osterfestspiele an, Beginn mit „Walküre“ 1967. Csobádi wird „mit tausend Freuden“ Pressesprecher auch hier, um sich über seine Medienkollegen und ihren Umgang mit dem „Chef“ zu ärgern und zu freuen. Verriss in der „Zeit“, Hymnus in der „Zeit“. Reisen mit Karajan: 1969 spielen dessen Berliner Philharmoniker in Moskau die Zehnte von Schostakowitsch, „Karajans Außenpolitik“ im Kalten Krieg, „tief beeindruckt“ steht man vor dem Tor von Kiew. In New York scheitert der Versuch, Karajans „Ring“ an die Met zu exportieren. Überhaupt die „wahnsinnige Mühe“, die der Dirigent aufwendet, um Regisseur zu sein. Sein Irrtum auch, Sinfonien als Playback mit der Tonspur von der Schallplatte aufzunehmen, als das Fernsehen die Methode schon aufgegeben hat. Die Produktionen liegen heute in den Archiven, „kein Mensch spielt sie.“ Csobádi spricht von Karajans Strenge und äußerst freundlicher Probenarbeit, seinem strukturellen Verständnis von Musik, seiner Klangregie, seiner faszinierenden Wirkung auf das Orchester.

Eine Plauderei mit tieferer Bedeutung, Charme, ungarischem Akzent, viel Information,  kleinen Lücken im erstaunlich umfassenden Gedächtnis: Fricsays „Don Giovanni“ hat nicht Sellner, sondern Carl Ebert inszeniert. Das Anekdotische führt in ein nächtliches Moskauer Hotelzimmer, wo Karajan Hunger hat und es nichts zu verzehren gibt als mitgebrachte Salami und Whisky. Im Ernst aber charakterisiert Csobádi besonders zwei Eigenchaften seines Chefs: Hybris und Charisma.

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