Peter Handke im Porträt : In der Höhle des Graphomanen

"Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte": Die Filmemacherin Corinna Belz porträtiert den Schriftsteller Peter Handke.

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Stickarbeiter. Der Österreicher Peter Handke beim Einfädeln großer Dinge.
Stickarbeiter. Der Österreicher Peter Handke beim Einfädeln großer Dinge.Foto: zero one/Piffl

Was für ein Traum von einem Schriftstellerdasein. Das Haus im Pariser Vorort Chaville, das Peter Handke seit einem Vierteljahrhundert bewohnt, eine lichtdurchflutete Graphomanenhöhle. Darin verstreut Berge von Stiften, die bis in den Garten hinaus jedem Gedanken sofort zu Hilfe eilen. Vor der Terrassentür ein von selbstgesammelten Muscheln gesäumter Wandelpfad, der für ihn, sagt Handke, das ist, was der Brevierweg einst für Pfarrer war. Und dahinter ein weitläufiges Areal, in dem er spazieren und Pilze sammeln geht. „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ entwirft das Ideal eines kontemplativen Lebens auf der Schwelle zwischen Wort und Wirklichkeit, von Sphären, die einander umschlingen und verwandeln, ehe sie in einem einzigen Raum aufgehen.

„Sei nicht die Hauptperson“, zitiert Handke den Prolog seines dramatischen Gedichts „Über die Dörfer“. „Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark.“ Und gerade weil man ihm in diesem Moment schon anderthalb Stunden dabei zugesehen hat, wie er mit seiner scheuen, störrischen Anwesenheit zum Zentrum dieses Porträts geworden ist, nimmt man ihm ab, wie er als Mittler zur Seite tritt und den Dingen das Sprechen überlässt: „Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird.“

Der Film von Corinna Belz ist in seiner Balance zwischen Gesprächspassagen, Textproben, Ortserkundung und biografischem Archivmaterial so genau, so konzentriert und zugleich weit, wie es die Bücher von Peter Handke schon lange nicht mehr sind. Alte Polaroids nehmen vor den Augen des Zuschauers noch einmal neu Gestalt an. Handkes handschriftliche Notizbücher füllen sich mit digitaler Zauberhand. Und Begegnungen mit den Töchtern Amina und Léocadie sowie seiner Frau Sophie Semin, die ihm manchmal Gesellschaft leistet, wenn er sich mit ihr nicht auf ein Glas in der Brasserie La Rotonde am Montparnasse trifft, öffnen den Raum seiner Einsiedelei in Chaville.

Mit zenbuddhistischer Entschlossenheit

Der Preis dieser Affinität ist auch ein Stück Affirmation. Belz verschweigt nicht Handkes serbische Verblendung, die bis zu einer Grabrede für Slobodan Milosevic führte. Durch ihren Einklang mit Handkes poetischem Weltbeseelungsprojekt entgeht ihr zwangsläufig, dass es sich dabei weniger um eine ideologische Verirrung handelte als um den fruchtlosen Versuch, geschichtlichen Tatsachen mit der vermeintlich überlegenen Vision des Dichters zu begegnen. Manchmal verhaken er und die Fragestellerin sich kurz, sonst aber ist Handke, dessen Talent zum egomanischen Monstrum nicht erst Malte Herwigs Biografie „Meister der Dämmerung“ gezeigt hat, die liebenswerte Sanftmut in Person. In hinreißenden Szenen zeigt sie seine Liebe zum Handwerklichen, etwa zu der geradezu zenbuddhistischen Aufgabe, für seine Stickarbeiten mit ebenso viel Entschlossenheit wie Nachgiebigkeit den Faden durch ein Nadelöhr zu ziehen.

Der Offenbarungseid besteht indes darin, dass Belz die Gegenwart des über 70-jährigen, ungebremst produktiven Schriftstellers beschwört, indem sie ihn Textpassagen lesen lässt, deren jüngste aus dem „Versuch über den geglückten Tag“ (1991) stammt. Die „Kindergeschichte“ (1981) ist in ihrer Kürze und Prägnanz eben doch von anderem Gewicht als die „Morawische Nacht“ (2008) mit ihrem aufgeschwemmten Spätstil.

Man sieht dem Film nicht an, in welch kleinen Portionen er über drei Jahre hinweg entstanden ist. In seiner Bündigkeit bietet er Aufschluss für Kenner wie Novizen – und wenn er nur Einblick ist in die Idee einer Literatur, die Handke längst nicht mehr schreibt.


Babylon Kreuzberg, Capitol, Eiszeit, Cinema Paris, FaF, Hackesche Höfe

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