Peter Weiss zum 100. : Der prägende Autor einer Generation

Das Ästhetische, das Politische: Vor hundert Jahren wurde der Schriftsteller Peter Weiss geboren, Autor der "Ästhetik des Widerstands". Er starb 1982, sein Mythos lebt weiter.

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Peter Weiss und seine Frau Gunilla Palmstierna
Dokudramatiker. Peter Weiss und seine Frau Gunilla Palmstierna 1965 vor dem Theater der Freien Volksbühne in Berlin.Foto: picture-alliance / dpa

„Allen war die Fähigkeit gegeben nachzudenken“. Immer wieder finden sich in Peter Weiss’ Hauptwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ solche Sätze von entwaffnender Einfachheit. Sie wirken wie Wegzehrungen für die anspruchsvolle Durchquerung des Textgebirges. Den Satz über das Nachdenken, der ja eigentlich auch eine Aufforderung ist, spricht der Erzähler aus, von dem auf knapp 1200 Seiten nur das Geburtsdatum 8. November 1917 verraten wird.

Der Schriftsteller, Dramatiker, Maler und Experimentalfilmer Peter Weiss aus Nowawes, dem heutigen Neubabelsberg, verlegte für den Namenlosen im Roman sein eigenes Geburtsjahr ein Jahr nach vorn, in die Russische Revolution hinein.

Die "Ästhetik" prägte eine Generation

„Die Ästhetik des Widerstands“, geschrieben in den Jahren 1971 bis 1981, hat mindestens eine (linke) Generation geprägt. Es gab Peter-Weiss-Lesekreise, und selbst wer nicht die „Ästhetik“ gelesen hatte in jenen Jahren, konnte und wollte mitreden. Das Literarische und das Politische wurden hier eins.

Der Ich-Erzähler erinnert sich auf seinem Fluchtweg von Berlin über die Tschechoslowakei bis ins endgültige Exil in Schweden an ein Gespräch mit seinem Vater. Es geht um Adolph Menzels Gemälde „Eisenwalzwerk“, entstanden 1875, vier Jahre nach der Niederschlagung der Pariser Commune. „Die Lobpreisung der Arbeit war eine Lobpreisung der Unterordnung“, heißt es da. „Seine mit Glanzlichtern und fließenden Schatten versehenen Gestalten waren Handlanger des Eisens“.

Im Roman rechnet er mit den Eltern ab

Die heroischen Arbeiter „aus Bismarcks und Wilhelms Reich“ wirkten in ihrer imposanten Stärke „fast wie im Besitz eines eignen Lebens“ und dienten doch nur dem unsichtbaren Kapital. Exemplarisch zeigt sich an dieser Bildbetrachtung im Roman, wie der Widerstand mit der Veränderung der Wahrnehmung beginnt und schließlich in eine „kämpfende Ästhetik“ umgesetzt wird.

Peter Weiss war der Sohn eines ungarisch-jüdischen Textilfabrikanten und einer Schauspielerin. Mit diesen beiden „Portalfiguren“, die seine künstlerischen Ambitionen behinderten, rechnete er im Roman „Abschied von den Eltern“ ab. Den Erzähler seines Hauptwerks versah er mit einem proletarischen Hintergrund, was ihm den Vorwurf einer „roten Wunschbiografie“ eintrug.

Ein Buch, mit keinem anderen zu vergleichen

Und das ist die Schlüsselszene des Riesenromans. Sie spielt auf der Berliner Museumsinsel: Im September 1937 trifft sich der zwanzigjährige „Ästhetik“-Erzähler mit seinen Freunden Coppi und Heilmann vor dem Pergamon-Altar. Die Figur des Coppi, KPD-Mitglied und Lagerhelfer bei Siemens, gestaltete Peter Weiss in Anlehnung an den 1942 in Plötzensee hingerichteten Widerstandskämpfer Hans Coppi; der 15-jährige Gymnasiast Heilmann erscheint als Vertreter des Bürgerlichen. Bedrückt von der Atmosphäre im Nationalsozialismus, versuchen die drei jungen Männer, den Kampf zwischen Göttern und Menschen mit der Zentralfigur des Herakles zu interpretieren. Ihre Blicke richten sich auf die Söhne und Töchter der Erde, die sich gegen die göttlichen Gewalten erheben – bis der Stein buchstäblich zu leben beginnt.

„Ein solches Buch ist mit keinem anderen zu vergleichen, das heute in unserer Sprache geschrieben wurde. Literaturkritik im Alltagssinne muss davor versagen“, erklärte der Laudator Hans Mayer bei der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Köln 1981. War sein stark vom Stummfilm und dem Surrealismus beeinflusster Mikroroman „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ 1960 von der deutschen Kritik stürmisch bejubelt worden, so stieß die „Ästhetik“ als sein „Makroroman“ auf ein geteiltes Echo.

Der Funke der Hoffnung wird weitergetragen

Dabei sind die grundsätzlichen Fragen, die dieser Großessay über Kunst-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte vom Standpunkt des demokratischen Sozialismus aus stellt, bis heute unbeantwortet – zum Beispiele die Frage nach einer gerechten Verteilung der Ressourcen zwischen Nord und Süd. Selbst wenn das marmorne Pathos zuweilen befremdet, so erscheint Weiss’ literarisches Rettungsunternehmen für den deutschen Widerstand heute noch immer aktuell. Das gilt vor allem für Band drei, den Weiss in Anlehnung an Dante als seine „Hades-Wanderung“ bezeichnete. Darin beschreibt er in grausamen Details die Ermordung der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ in Plötzensee, mit bis zu 17 Hinrichtungen an einem Tag. Was mit kühn auffliegenden Hoffnungen vor dem Pergamon-Altar begann, endet für zwei der drei jungen Männer mit ihrer Exekution.

Dennoch wird der Funke der Hoffnung weitergetragen, nicht zuletzt durch die Figur der Widerstandskämpferin Charlotte Bischoff, die konspirative „Wanderin“ zwischen Stockholm, wo Peter Weiss seit 1939 lebte, und Berlin als Hauptstadt eines Reiches, „das den Tod in sich trug“. „Sachliche Beschreibungen müssen sie zur Anteilnahme bringen“, schwört sich die Überlebende.

Weiss war ein Hauptvertreter des dokumentarischen Theaters

Dieses Prinzip bestimmte auch Peter Weiss’ dokumentarisches Auschwitz-Oratorium „Die Ermittlung“, das 1965 an 15 west- und ostdeutschen Orten gleichzeitig uraufgeführt wurde;, in West-Berlin an der Freien Volksbühne durch Erwin Piscator. So wie Peter Weiss die Namen der Widerstandskämpfer im Gedächtnis hält, so negiert er die der Täter: Hitler taucht nur einmal als „der in Braunau Geborene“ auf.

Peter Weiss war ein Hauptvertreter des dokumentarischen Theaters. Sein „Viet Nam Diskurs“ war ein Tribunal gegen den Kolonialismus. „Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Vietnam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”, lautete der Untertitel. Da bekommt man den Sound und den Furor der Sechzigerjahre ins Ohr. Der „Marat/Sade“, der Kampf der Irren und der Revolutionäre, gilt dank der Inszenierung von Peter Brook als sein berühmtestes Stück.

Kurz vor seinem Tod der Georg-Büchner-Preis

„Ich bin ein Schizophrener, halte mich seit mehr als acht Jahren aufrecht mit diesem Roman-Leben. Es ist als sei das künstlich Erzeugte zu meinem einzigen Leben geworden, alles, was hier vorkommt, ist wahr für mich“, notierte Weiss im zweiten Band seiner „Notizbücher“. Der Herzkranke fürchtete, den dritten Band der „Ästhetik“ nicht mehr vollenden zu können. Kurz vor seinem Tod am 10. Mai 1982 wurde ihm noch die späte Genugtuung des Georg-Büchner-Preises zuteil.

Nun liegt die „Ästhetik“ erstmals in einer Fassung letzter Hand vor, die der Weiss-Experte Jürgen Schutte nach dessen Vorgaben rekonstruierte. Sie vereinigt die Suhrkamp-Ausgabe von 1981 mit der des Ost-Berliner Henschel-Verlags von 1983. Welch stark diskursiven Charakter dieses Jahrhundertbuch hat, dürfte sich demnächst bei einer Stafettenlesung in Rostock zeigen, wo die DDR-Uraufführungen seiner Stücke stattfanden (peterweiss100.de).

Bücher von und über Weiss erschienen

In einem „Horen“-Band erinnert sich neben zahlreichen Weggefährten Karlheinz Braun, der ehemalige Leiter des Suhrkamp-Theaterverlags, an das gebrochene Deutsch und die „bald unübersehbaren Textänderungen“ des Dramatikers. Peter Weiss hatte sich die deutsche Sprache im Exil als innere Heimat bewahrt, blieb aber seinem Herkunftsland gegenüber misstrauisch. Das zeigen seine erstmals edierten schwedischen Essays, Artikel und Interviews von 1950 bis 1980 sowie zwei aktuelle Biografien: Der in Schweden lehrende Historiker Werner Schmidt nähert sich dem Autor und dessen komplizierter Werk- und deutsch- deutscher Rezeptionsgeschichte anhand neuer schwedischer Quellen.

Birgit Lahann hingegen bettet ihre sympathetische, von kursiven Weiss-Zitaten durchsetzte Lebensbeschreibung des „unbehausten Weltbürgers“ in ein Gespräch ein, das sie mit der Witwe Gunilla Palmstierna-Weiss führte – ein guter Einstieg ins Gesamtwerk. Das ganze Bestreben von Peter Weiss’ dokumentarisch gelenkter Fantasie galt den Heimatlosen und den Opfern, nicht nur der faschistischen, sondern auch der stalinistischen Ideologie. Vor hundert Jahren kam er auf die Welt. Die Tür zu seinem Atelier der Utopien steht offen.

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