Philosoph Bazon Brock wird 80 : Geburtshelfer der Wahrheit

Säugetier, aufrecht, denkend - sehr selten: Der Universalphilosoph Bazon Brock wird 80.

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Bazon Brock
Bazon BrockFoto: Federico Gambarini/dpa

Natürlich heißt er nicht Bazon; Bazon Brock heißt Jürgen Johannes Hermann Brock. Seinen Geburtsort hat er mal so definiert: „Ich stamme aus dem Osten, daher, wo heute Polen ist. Und wo auch Polen bleiben wird.“ In den sechziger Jahren war das eine ziemlich deutliche Ansage. Den Namen Bazon bekam Jürgen Johannes Hermann von seinem Griechischlehrer in Itzehoe. Bazon, Altgriechisch, bedeutet Schwätzer. Aber der künftige Performance-Philosoph, Begründer der Polemosophie, der Direktor der Natur und Orthopäde der Kultur, um nur ein paar Nebenberufe zu nennen, verdankt den alten Griechen nicht nur den Namen, sondern auch den Hauptberuf: Brock ist ein unmittelbarer Nachfahre von Sokrates, des Denkers ohne Werk, der auf dem Marktplatz von Athen das Action-Teaching erfand.

Heute wird dieser rastlose Geburtshelfer der Wahrheit 80 Jahre alt. Brock leitet die Denkerei in Berlin-Kreuzberg, das „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen“. Wahrscheinlich bleibt er da, es sei denn, jemand böte ihm einen Lehrstuhl für Prophetie an.

Nach sechsundvierzig und einer halben Stunde war er nicht mehr Gastdozent

Brocks akademische Karriere verlief nicht geradlinig. 1959 ergriff den jungen Gastdozenten an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste eine Vision, die er mit dem Maler Friedensreich Hundertwasser teilte. Mit selbstlosem Fleiß schufen sie „Die große Hamburger Linie“, eine Wahrheitslinie aus „Bleistift, Tinte, Urin des Propheten und Ölfarbe“, die über sämtliche Wände der Hochschule führte. Eine Linie ist nur dann eine wirkliche Linie, wenn der Pinsel zwischendurch nicht absetzt, es handelte sich also um eine große Konzentrationsübung, nur zu bewältigen unter stetem Abspielen arabischer Musik. Nach sechsundvierzig und einer halben Stunde war die Linie fertig und Bazon Brock nicht mehr Gastdozent in Hamburg.

Er emigrierte nach Frankfurt. Viele Menschen hatten schon damals Schwierigkeiten, ihn anzusprechen. Was ist der eigentlich? Im Frankfurter Telefonbuch stand unter seinem Namen bündig „Verbokrat und Beweger“. In Frankfurt waren damals außer Bazon Brock auch noch Horkheimer und Adorno. Er betrachtete die beiden eher mit Skepsis. Diese Ausfälle gegen die Kulturindustrie! Festigten die durch ihr ewiges Nein! nicht das System? Kommt es nicht vielmehr darauf an, die Kulturindustrie zu bejahen? Und Brock wurde, was er immer noch ist, der große Alles-Bejaher in kritischer Absicht.

Viele seiner Generationskollegen, Peter Handke, Botho Strauß, Heiner Müller, Hans-Jürgen Syberberg sind irgendwann unter die Gottsucher gegangen, ein wenig irritierte ihn das. Brock hat darüber ein selbstkritisches Theaterstück zur eigenen Besserung gemacht: „Wir wollen Gott und damit basta!“

Der Denker ohne Werk

Rückschläge gab es immer wieder in der Karriere des Bewegers. Er wurde zwar auf alle möglichen Lehrstühle berufen, sein Antrag auf Aufnahme in den Frankfurter Zoo wurde jedoch abgewiesen, Brock legte Beschwerde ein: „Warum wird Bazon Brock, Beweger, nicht in den Städtischen Zoo aufgenommen, wie er es angeboten hat (Säugetier, aufrecht, in Freiheit geboren, denkend – sehr selten)?“ Das, was alle Welt heute für Kunst hält – das Irritieren unseres Wirklichkeitsbegriffs – und was so oft mit einem Seufzen des Betrachters endet: Brock hat es vorgemacht, mit einer wunderbaren Ur-Originalität.

Geist. Manche wittern allein bei dem Wort schon Reaktion. Diesem Denker ohne Werk zuhören, heißt wieder zu wissen, was Geist bedeutet: das lebendig machende Wort. Was für eine Art, sich selbst zu überstehen für einen Jungen, der mit neun aus Pommern vor der Roten Armee floh. Hinrichtung des Vaters. Schließlich Dänemark. Flüchtlingslager. Geschwister verhungern. Und er selbst voller Splitter einer Phosphorbombe, deren Gift noch immer in ihm arbeitet.

Das Alter ist eine große Demütigung, schon wahr. Unendlicher Geist sein und zugleich vergänglicher Leib: der Witz, der aus dieser katastrophalen Mischung kommt, dürfte sogar den Gottes übertreffen. Zumindest im Falle Bazon Brocks, des Ersten Bewegers.

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