Philosophie : Ein Gott namens Geld

Woher kommt die maßlose Gier, die Superreiche dazu treibt, rücksichtslos immer größere Vermögen anzuhäufen? Mit solchen Fragen hat sich Georg Simmel beschäftigt, der vor 150 Jahren in Berlin geboren wurde.

Michael Bienert
georg simmel
Adornos geistiger Vater. Georg Simmel. -Foto: dpa

Woher kommt die maßlose Geldgier, die Superreiche dazu treibt, immer größere Vermögen anzuhäufen, ohne Rücksicht auf Moral und Gesetz? Wie wirkt sich der entfesselte Kapitalismus auf die menschliche Psyche aus, auf den sozialen Zusammenhalt und auf die Kultur? Mit solchen Fragen füllte der Philosoph und Soziologe Georg Simmel vor hundert Jahren die größten Hörsäle in Berlin. Es lohnt sich, dieser Tage wieder einmal in seinem Opus magnum zu blättern, der 1900 erschienenen „Philosophie des Geldes“. Darin beschreibt Simmel, wie die Geldwirtschaft sich in der Moderne immer mehr verselbstständigt und schließlich alle anderen Daseinszwecke in den Schatten stellt.

Je perfekter das Geld seine Funktion als Tauschmittel erfüllt, je körperloser, abstrakter und universeller einsetzbar es wird, desto gottähnlicher wird es. Anders gesagt: Nichts ist so spirituell wie die Zahlenkolonnen auf dem Kontoauszug. Sie symbolisieren die pure Verfügungsgewalt über die Wirklichkeit. Beim Geldvermögen, beobachtete Simmel, sind Quantität und Qualität einerlei. Wer sich ohnehin schon alles kaufen kann, muss ein immer größeres Vermögen akkumulieren, um den Kitzel gesteigerter Potenz und Lebensqualität zu genießen.

In den jüngsten Fällen krimineller Geldgier hätte Simmel ein Symptom gesehen, das wie ein leichtes Erdbeben mächtige Unterströmungen im Zusammenleben der Menschen signalisiert. Für den Goetheverehrer war das Geld das Urphänomen der Moderne: ein konkretes Etwas, an dem ablesbar ist, was die soziale Welt im Innersten zusammenhält. In der entfalteten Geldwirtschaft sah Simmel indes nicht nur einen Fluch, sondern auch die Voraussetzung für individuelle Freiheit. Die Loslösung einzelner Menschen aus persönlichen Abhängigkeiten, auch aus überlieferten Traditionen, war nur mit frei verfügbarem Kapital möglich. Je reibungsloser der Gütertausch mittels Geld klappt, desto spezialisiertere Berufe sind möglich, desto mehr differenzieren sich Gesellschaften aus. Auch kulturelle Vielfalt hängt direkt von einem funktionierenden Geldsystem ab.

Simmels eigene Biografie ist dafür ein Paradebeispiel. Ein ererbtes Vermögen versetzte ihn in die Lage, mit seiner Familie als Privatgelehrter in Berlin zu leben. Ökonomisch unabhängig, häufig die Mietwohnungen wechselnd, erfand er einen hierzulande neuen Intellektuellentypus: den freischwebenden Metropolenphilosophen.

Simmel wurde mitten in das boomende Berlin des Industriezeitalters hineingeboren. Am 1. März 1858 kam er an der Nordwestecke der Kreuzung Leipziger, Ecke Friedrichstraße zur Welt. Das war bis zur Teilung Berlins einer ihrer Verkehrsknotenpunkte. Die Dynamik der hochkapitalistischen Stadt hat Simmels Denken verflüssigt. Er errichtete keine begrifflichen Bastionen wie andere Denker, sein Werk erinnert eher an eine Straßenkreuzung. Altertümliches und Modernes strömt vorbei, wird von philosophischen Reflexionen eher gemächlich umspielt, aber nicht festgenagelt.

Simmel schrieb glänzende Monografien über seine Hausgötter Kant, Goethe und Rembrandt, daneben eine Fülle von Essays über das Abenteuer, die Mode, die Liebe oder die Frauenemanzipation. Diese Offenheit und Geschmeidigkeit weckten nicht nur Bewunderung, sondern auch Neid. Die Berliner Universität sträubte sich, den Querdenker zu promovieren und zu habilitieren, als Privatgelehrter durfte er Vorlesungen halten, aber nie eine ordentliche Professur bekleiden. Auch antisemitische Vorurteile hemmten Simmels akademische Laufbahn. Er war protestantisch getauft, aber jüdischer Herkunft, galt wegen seiner religionssoziologischen Arbeiten als verdächtiger Freigeist und Jugendverführer.

Dem militaristischen Gepränge der Reichshauptstadt stand er kritisch gegenüber. Es habe zwei Katastrophen in der deutschen Geschichte gegeben, den Dreißigjährigen Krieg und die Herrschaft Kaiser Wilhelms II., pflegte Simmel zu sagen. Erst mit 56 Jahren erhielt er einen Ruf auf einen Lehrstuhl in der Provinz. Die Berliner Presse nannte es einen Skandal, dass die Hauptstadt ihren originellsten Philosophen 1914 ins ferne Straßburg ziehen ließ. Dort starb er vier Jahre später, noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs. „Meine Hinterlassenschaft ist wie eine in barem Gelde, das an viele Erben verteilt wird, und jeder setzt seinen Teil in irgendeinen Erwerb um, der seiner Natur entspricht“, prophezeite Simmel. Die geistigen Erben hießen Ernst Bloch, Georg Lukacs, Siegfried Kracauer, Günther Anders und Theodor W. Adorno. Für Walter Benjamin markierte Simmel den „Übergang von der strengen Kathederphilosophie zu einer dichterisch oder essayistisch bestimmten“.

Lange stand der große Anreger im Schatten der Jüngeren, inzwischen ist auch Simmel als Klassiker der modernen Kulturkritik kanonisiert. Sein berühmtester Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ ist eine Kurzfassung der monumentalen „Philosophie des Geldes“. In Metropolen wie Berlin trat die Versachlichung der Lebenswelt und der menschlichen Beziehungen durch die entfesselte Geldwirtschaft offener zutage als anderswo. Bereits in einem Aufsatz über die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 lieferte Simmel eine so nüchterne wie hellsichtige Definition des Weltstadtcharakters von Berlin. Es sei „eine Stadt, der die ganze Welt die Stoffe ihres Arbeitens liefert und die diese zu allen wesentlichen Formen gestaltet, die irgendwo in der Culturwelt erscheinen“. In der flüchtigen Schönheit der temporären Ausstellungsarchitektur und der „Schaufenster-Qualität“ der ausgestellten Waren für den Massenmarkt erkannte Simmel die Grundzüge einer neuen Ästhetik der Großstadt.

Er begrüßte dieses Neue, aber er formulierte auch schon die Ambivalenz des Großstädters, der sich von den Segnungen des modernen Lebens überrannt und überfordert fühlt. Kultur diente für Simmel einem Ziel: der Bildung von Individuen zu entwickelten Persönlichkeiten. Doch mehr und mehr sah er den modernen Menschen von seinen eigenen Kulturschöpfungen umstellt. Der lebendige Geist brachte notwendig verfestigte Formen hervor. Die „subjektive“ Kultur traf dabei auf eine ständig wachsende und über einem zusammenstürzende „objektive“ Kultur. Darin bestand für Simmel die „Tragödie der Kultur“, die er in einem berühmten Aufsatz untersucht hat. Vielleicht können wir sie heute erst richtig ermessen.

Simmels Werk erscheint in einer sorgfältig edierten Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag. Zum Geburtstag sind außerdem gerade die Essaybände „Individualismus der modernen Zeit“ und „Jenseits der Schönheit“ erschienen. In der Fassung der Erstausgaben finden sich alle Texte auch im Netz unter http://socio.ch/sim.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben