Pianist Tzimon Barto : Seine Johannes-Passionen

Der Pianist Tzimon Barto legt zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Leitung von Christoph Eschenbach eine ebenso exzentrische wie packende Interpretation von Brahms’ Klavierkonzerten vor.

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Der Pianist Tzimon Barto
Der Pianist Tzimon BartoFoto: promo

Braucht die Welt wirklich noch eine Einspielung der Klavierkonzerte von Johannes Brahms? Die beiden Stücke werden im Konzertalltag ständig gespielt und sind natürlich auch auf Tonträgern hinlänglich dokumentiert. Und doch lohnt es sich, diese Deutung der Meisterwerke durch den Pianisten Tzimon Barto, das Deutsche Symphonie-Orchester und den Dirigenten Christoph Eschenbach in den CD-Player zu legen. Weil hier wirklich etwas passiert zwischen den Künstlern, so dass sich ein ungewohnter Blick auf Brahms öffnen kann, ermöglich durch eine symbiotische Verbindung des Solisten mit seinen Begleitern.

Mit dem gewohnten orchestralen Gewitter beginnt das 1. Klavierkonzert zunächst ganz konventionell, wenn auch vom DSO klanglich wunderbar plastisch und atmosphärisch dicht gespielt. Dann aber setzt Tzimon Barto ein – und nimmt das Hauptthema nicht nur extrem langsam, sondern auch sehr, sehr leise. Exzentrisch wirkt das, doch der Pianist vermag seinen Interpretationsansatz konsequent fortzuführen, baut faszinierende Kontraste auf zwischen ausgedehnten Traumpassagen und dramatischen Aufschwüngen.

Horowitz brauchte für den Kopfsatz des 1. Klavierkonzerts sieben Minuten weniger

In romantischer Überhöhung spielt Tzimon Barto Brahms’ Musik, macht die Konzerte zu seinen ganz persönlichen Johannes-Passionen. Gut 25 Minuten braucht der 1963 gebornen Amerikaner für den Kopfsatz von Opus 15, fast viereinhalb Minuten länger als sein italienischer Kollege Maurizio Pollini (in der Aufnahme mit Claudio Abbado von 1997). Vladimir Horowitz war 1936 sogar sieben Minuten schneller fertig. Rhapsodisch ist Bartos Gestus, eher einem Franz Liszt angemessen als dem Meisterkonstrukteur komplexer, durchstrukturierter Tongebäude aus Hamburg. Aber eben in seiner Auslotung der Extreme auch packend. Weil Barto schon rein spieltechnisch ungeheuer viel zu bieten hat, von der federleichten melodischen Linie bis zu wuchtigen Akkordketten.

Außergewöhnlich breit beginnt auch die Einleitung zum 2. Klavierkonzert, wenn Tzimon Barto das Thema geradezu herausschält aus den Klangflächen des Orchesters. Möglich ist das natürlich nur, weil Christoph Eschenbach bereit ist, Bartos Weg mitzugehen, vom gewohnten Pfade der Temporelationen und dynamischen Abstufungen abzuweichen. Zusammen mit dem Solisten dringt er bis an den Rand der Unhörbarkeit vor, geht mit bis an die Grenze des Stillstands. Im Andante des 2. Klavierkonzerts entsteht ein wunderbar intimer Dialog mit dem herrlich singenden Solocello, im Finale wählt Barton einen so zarten, duftigen Anschlag als wär’s eine Ballettmusik von Tschaikowsky, tastet sich behutsam vorwärts wie ein Schlittschuhläufer, der das frische Eis prüft, bevor er seine Pirouetten dreht.

Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich – alle beide aber können sie hier ihr Vergnügen finden. Wer Klassik vor allem emotional hört, wird sich gerne verlieren in den Weiten dieser hochromantischen Klanglandschaften, wird fasziniert sein von den auratischen Momenten der Innenschau. Wer dagegen meint, Brahms’ Partituren in und auswendig zu kennen, der hört doppelt genau hin, weil ihn bald das Vergnügen packt am Vergleich von Tzimon Bartos Versionen mit den intellektuelleren, nüchterneren oder auch nur klassischeren Interpretationen anderer Pianistenpersönlichkeiten.

Die Doppel-CD ist erschienen bei Capriccio.

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