Pier Paolo Pasolini : Beeil dich, Nacht, geh schnell vorbei

Das ist der Herbst des Pier Paolo Pasolini: Neue Bücher und eine Ausstellung in Berlin würdigen den italienischen Universaldissidenten.

Gregor Dotzauer
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Genial und lässig dabei. Pier Paolo Pasolini 1966 in New York. -Foto: Duilio Pallottelli/L'Europeo

Wie viele Auferstehungen hat er schon erlebt. Und wie viel mehr Tode ist er bereits zu Lebzeiten gestorben. 33 Prozesse musste er über sich ergehen lassen, wegen Blasphemie, Obszönität und Diffamierung. Gemeint war immer seine Homosexualität. Jedes Mal ging Pier Paolo Pasolini als ein anderer aus ihnen hervor: persönlich nicht unbedingt souveräner, nur desillusionierter, politisch nicht gelassener, nur verzweifelter – in seiner Kunst aber von einer Energie getrieben, die aus der schönheitstrunkenen Weltfeier seiner frühen Jahre einen zusehends apokalyptischen Furor entwickelte.

In diesem Herbst scheint ihm eine weitere Auferstehung bevorzustehen. Aber kann dieser Pasolini mehr sein als die schicke Projektionsfigur einer Sehnsucht, die bereits vom Wissen zehrt, dass eine Figur wie er unmöglich geworden ist? Die von keinem Funken Ironie illuminierte Radikalität, mit der er als Kulturkritiker und Dichter geradezu körperlich für seine Worte einstand, würde sich selbst auf der Stelle unmöglich machen. Pasolinis heiliges Pathos – eine Lachnummer. Sein romantischer Kommunismus – eine museale Angelegenheit.

Die Legende Pasolini wird davon nicht berührt. Als Schriftsteller wie als Regisseur gilt er auch in Deutschland seit einem halben Jahrhundert als das italienische Universalgenie seiner Generation. Von seinem Kinodebüt „Accatone – Wer nie das Brot mit Tränen aß“ bis zu den „120 Tagen von Sodom“, die 1975 sein Vermächtnis wurden, nachdem er in Ostia bei Rom an Allerseelen mit 53 Jahren ermordet wurde, ist sein filmisches Werk fast vollständig kanonisiert. Weniger einmütig hat man hierzulande seine Bücher wahrgenommen. In Wellen haben sie, angefangen 1963 mit dem römischen Roman „Vita violenta“, Aufmerksamkeit erlangt, um 1978 mit den „Freibeuterschriften“ posthum seinen Ruhm als Gegner einer Konsumgesellschaft zu befestigen, die sich in ihrem „hedonistischen Faschismus“ gefällt.

  Die überwiegend für den „Corriere della sera“ geschriebene Artikelsammlung war der Auftakt zu einer Renaissance, die ihn als Literatur- und Filmtheoretiker („Ketzererfahrungen“) wie als Dichter vorstellte. Anfang der neunziger Jahre erreichte sie einen letzten Höhepunkt mit der Übersetzung seines nachgelassenen Romanfragments „Petrolio“. Danach begann Pasolinis Reise durch die Mägen des modernen Antiquariats. Bündelweise wurden seine Bücher verramscht – und bezogen ihre Kraft höchstens daraus, dass sie an die unendliche Langeweile erinnerten, die das Literaturland Italien mittlerweile ausstrahlte. Und nun, ganz ohne äußeren Anlass, überrascht uns eine konzertierte Aktion, ohne dass die Beteiligten so recht voneinander gewusst hätten.

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N° 6 Pier Paolo Pasolini in New York , 1966. © Duilio Pallottelli / L’EuropeoFoto: Duilio Pallottelli/L'Europeo

Das Verführerischste ist „Die Straße aus Sand“, eine opulent illustrierte Reportage, die Pasolini im Sommer 1959 im Auftrag der Mailänder Illustrierten „Successo“ schrieb. In einem Fiat, den ihm Federico Fellini geschenkt hatte, fuhr er, besessen vom „Dämon des Reisens“, die 3000 Kilometer italienischer Festlandsküste ab, die sich zwischen San Remo und Triest erstrecken. Er sollte herausfinden, wie sich die Urlaubsgewohnheiten seiner neubürgerlichen Landsleute verändern – und begegnete dabei am Ende auch der deutschen Invasion.

 Das auf dem Umweg über Frankreich zu uns gelangte Fundstück ist leider nur mit Archivmaterial statt mit den ursprünglichen Magazinfotos ausgestattet. Aber Pasolinis Text allein ist schon hinreißend bildstark. Impressionistisch flirrend erzeugt er trotz seines Alters ein Gefühl reiner Gegenwart. Wie so oft bei Pasolini ist das weder sorgfältig ausgeformte Literatur noch diagnostisch präziser Journalismus. Es ist, was er am meisten suchte: „Magma“. Die Beiläufigkeit, mit der er einen Blick für das soziale Drama von Hafenjungen wie für die aristokratische Schönheit von Frauen hat und mit der er Begegnungen mit Alberto Moravia und Luchino Visconti schildert, lässt aber gerade deshalb etwas von seiner spontanen Berührbarkeit spüren. Und am nächsten Tag warten neue Wunder auf ihn: „Beeil dich, Nacht, geh schnell vorbei!“

 Die größte Informationsdichte, zumal für Pasolini-Novizen, hat die von Ricarda Gerosa und Peter Erismann kuratierte Ausstellung im Berliner Literaturhaus, eine Übernahme vom Zürcher Museum Strauhof. Sie verschlagwortet Pasolinis 1966 in New York entstandenes autobiografisches Langgedicht „Who is me – Poete delle ceneri“ in thematischen Vitrinen. Schwarz, spitzwinklig, nach hinten und zur Seite geneigt, stehen sie als riesige Objekte im Raum und präsentieren mit zahlreichen Originaldokumenten die wichtigsten Stationen und Obsessionen seines Lebens.

Der Zugriff, auch da, wo nicht biografisch die zentrale Rolle der Mutter beleuchtet wird, die Freundschaften mit Alberto Moravia und Elsa Morante oder die Liebe zu Ninetto Davoli, den er an eine Frau verlor – dieser Zugriff ist durchweg historisierend. Was die mögliche Aktualität seines Dritte-Welt-Vertrauens, seiner Konsumismuskritik oder seiner Filmtheorie ausmacht, die die Wirklichkeit als eine natürliche, dem Mündlichen vergleichbare Sprache betrachten wollte, erfährt man hier nicht.

  Doch das überfordert wohl den Rahmen der Ausstellung, die ansonsten viele reizvolle Dokumente bietet. Einen ins Schulheft gekritzelten Plan von Casarsa, dem von ihm ausführlich besungenen Heimatdorf im Friaul; eines seiner tagebuchartigen „Quaderni rossi“, den Coming-Out-Brief an die Freundin Silvana Mauri; den Mitgliedausweis der KP, die ihn bald verstieß – oder die Ausgabe der „Novella 2000“ mit Pasolinis verstümmelter Leiche auf dem Umschlag.

 Nicht minder gefährlich ist es, Pasolinis ungebrochene Bedeutung zu behaupten, wie es Christian Filips im Nachwort zu seiner virtuosen Übersetzung der „Friulanischen Gedichte“ unter dem Titel „Dunckler Enthusiasmo“ versucht. Im Einbruch der Kapitalmärkte die Erfüllung von Pasolinis düsteren Prophezeiungen und in den Piratenparteien gewissermaßen die Erneuerung der kommunistischen Idee zu sehen, ist nicht nur voreilig, es geht auch an der alles neutralisierenden Organisation unserer medialen Öffentlichkeit vorbei. Theresia Prammer, die Herausgeberin des aktuellen „Schreibhefts“, tut jedenfalls gut daran, in Gestalten wie Christoph Schlingensief oder Elfriede Jelinek höchstens noch Schwundstufen eines Intellektuellen zu erkennen, wie Pasolini einer war.

Entscheidend aber ist, dass sich überhaupt eine neue Generation mit Pasolini auseinandersetzt, und sei es nur im Bewusstsein der Leerstelle, die er hinterlassen hat. Prammer ist 36 Jahre alt, Filips, selbst ein begabter Dichter, ist 27. Wie er auf Pasolinis friulanische Kunstsprache mit mittelhochdeutschen und lutherdeutschen Versen antwortet, ist eine überzeugende Möglichkeit, die Entfernung zur zeitgenössischen Hochsprache und ihren jargonhaften Verzerrungen auszumessen: „Neine, zitter niht, mîn son, / des loupes himel zittert / under die lîhten sunne, / die lacht ûf unser houpt.“

 Mit der Überschreibung von Pasolinis jugendlichen „Poesie a Casarsa“ in der zweiten Form der „Bessern Jugent“ (La meglio gioventù) macht Filips deutsche Leser zum ersten Mal mit diesem Dokument von Pasolinis spätem Pessimismus bekannt. Wo es in der ersten Fassung zum Beispiel heißt: „Von Sonntag auf Montag / krümmt sich kein Hälmchen / Gras in dieser Welt“, da steht in der zweiten: „Von Sonntag auf Montag / sind verwelkt / alle Gräser dieser Welt“.

Auch das „Schreibheft“ veröffentlicht bisher nie auf Deutsch erschienene Texte. Neben Pasolini-Gedichten aus 25 Jahren ist am aufschlussreichsten der Essay von Walter Siti, dem Herausgeber der 2003 in zehn Bänden erschienenen italienischen Werkausgabe. Er stellt Pasolini nicht nur als durchaus karrierebewussten Autor vor, sondern auch als unfassbaren Schlamper, der mit Zitaten und Begriffen nur so um sich warf, ohne sich ihrer versichert zu haben. Und als intellektuellen Bulimiker, der jedes auch nur bruchstückhaft angelesene Buch sofort verarbeitete.

Die Entschuldigung dafür steht in „Who is me“, jenem großen, Allen Ginsberg Tribut zollenden Poem, das wie jeder von Pasolinis Texten die Überschreitung der Literatur durch die Literatur propagiert: „Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.“

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