"Playboy"-Sachbuch : "Pornotopia": Hallo Hase!

„Pornotopia“: In ihrem neuen Sachbuch analysiert Beatriz Preciado das „Playboy“-Universum.

Marianna Lieder
Der entspannte Mann. Pat Haines’ „Inflatable Suit-Home“ bei der Mailänder Triennale 1968. Foto: David Greene/Archigram/Wagenbach
Der entspannte Mann. Pat Haines’ „Inflatable Suit-Home“ bei der Mailänder Triennale 1968.Foto: David Greene/Archigram/Wagenbach

Der erste „Playboy“ erschien im November 1953. Hugh Hefner, der das Magazin mit seiner damaligen Frau am Küchentisch produziert hatte, glaubte zunächst selbst nicht, dass es ein zweites Mal geben würde. So standen auf dem ersten Cover weder Datum noch Nummer. In der Mitte befand sich ein Faltposter, das die blondierte, frisch an der Nase operierte, sich nackt auf rotem Samt räkelnde Marilyn Monroe zeigte. Innerhalb weniger Tage waren die 50.000 Testexemplare vergriffen. Sechs Jahre später war der „Playboy“ das auflagenstärkste Magazin der USA.

Die Nachfolgerinnen der Monroe, die Monat für Monat großformatig ihre Reize auf dem Centerfold präsentierten, wurden zunächst „Sweetheart of the Month“ genannt, später „Playmate“. Als Ikonen der Popkultur zwinkerten sie bald jedem Soldaten, jedem Baseballspieler aus dem Spind entgegen. Eine ganze Generation von Männern, hieß es im Nachhinein, sei in der Überzeugung aufgewachsen, dass junge Frauen in der Mitte eine Heftklammer hätten.

Architektur, Design, Rotwein und Fleischzubereitung

Allerdings prägte Hefner nicht nur anatomische Idealvorstellungen und sexuelle Wunschträume, er erfand auch den „Mann des Innenraumes“ neu. Zumindest ist dies die materialreich gestützte These der 1970 im spanischen Burgos geborenen, heute in Paris lehrenden Kulturwissenschaftlerin Beatriz Preciado. In ihrer Studie „Pornotopia“ hat sie sich die frühen „Playboy“-Ausgaben noch einmal genau angesehen und darin neben weiblichen Körperteilen und albernen Hasenohren auch jede Menge Artikel über Architektur, Design, Rotwein und Fleischzubereitung entdeckt. Letztere waren nämlich mitnichten dazu da, um dem ertappten Leser ein Alibi à la „Ich habe den ,Playboy‘ der super Reportagen wegen abonniert“ zu liefern. Zumindest im Amerika unter Senator McCarthy wäre kein Mann auf die Idee gekommen, sich mit dem Verweis auf seine Begeisterung für Einbauküchen oder Le Corbusier aus der Bredouille zu ziehen. Dem Aktivitätsbereich des heterosexuellen Mannes waren in Zeiten des kalten Krieges enge Grenzen gesteckt: Morgens fuhr er in die Firma oder auf die Baustelle; seine Freizeit hatte er ebenfalls „draußen“ zu genießen, mit Angeln oder Entenschießen, jederzeit bereit, gegen den sowjetischen Feind ins Feld zu ziehen. Im Inneren des Vorstadthauses kümmerte sich dafür die Gattin um Kinder, Herd und ein stimmiges Gardinenarrangement.

Gerade diesen weiblich konnotierten häuslichen Bereich, so Preciado, wollte Hefner, der sich selbst seit fast einem halben Jahrhundert unbeirrbar im Seidenpyjama vor jede Kamera stellt, dem Mann zugänglich machen – allerdings ohne dabei in den Verdacht des schlimmsten antiamerikanischen Lasters nach dem Kommunismus zu geraten: der Homosexualität. Dass die im „Playboy“ beworbenen Küchengeräte und Möbel, darunter auch das berühmte „rotierende Bett“, wahre High-Tech-Wunder waren, hätte ihn davor nicht bewahrt. Ironischerweise waren es gerade die nackten Mädchen

Hauptsache nicht schwul

Preciado kann nicht umhin, die subversive, zukunftsweisende Dynamik des Magazins und des darauf gründenden Imperiums anzuerkennen. Doch bedeutet dies noch lange nicht, dass sie Hefner zustimmt, der sich im Rückblick zur „Avantgarde der sexuellen Revolution“ stilisiert und die Verdienste des frühen „Playboy“mit denen der feministischen, antirassistischen Bewegungen vergleicht, die einige Jahre nach Erscheinen des ersten Hefts aufkamen. Vielmehr, so die bisweilen etwas penetrant den Foucault’schen Jargon aufgreifende Preciado, sei der „Playboy“als Vorbote eines „kapitalistischen Wandlungsprozesses“ anzusehen, in dessen Verlauf das alte Disziplinarregime des 19. Jahrhunderts durch flexible, explizit hedonistische „Kontroll- und Produktionsformen ersetzt wurde, die das ausgehende 20. und das beginnende 21. Jahrhundert charakterisieren.“

Zugleich jedoch bleibt diese originelle Untersuchung frei von jeder zweifellos legitimen, mittlerweile aber erschöpfend vorgebrachten antisexistischen Empörung gegen den alten Hefner, dessen Lebenswerk im Internetzeitalter, in dem sich jeder sein eigenes Pornotopia errichtet, überflüssig geworden ist. Vor einigen Jahren, als wieder einmal Gerüchte vom endgültigen Zusammenbruch der „Playboy“-Mediengruppe umgingen, erhielt ein kleiner, vom Aussterben bedrohter Sumpfhase den Namen „Sylvilagus palustris hefneri“. Der geschäftstüchtige Hefner hat mittlerweile allerdings selbst mit der Organisation seines Nachruhms begonnen. Er verlässt sich dabei auf niemand anderen als eben jenes „Sweetheart“, dem er seinen ersten Erfolg verdankt: 2009 kaufte er sich auf dem Westwood Memorial Park von Los Angeles eine Grabstelle direkt neben Marilyn Monroe.

Beatriz Preciado: Pornotopia. Sexualität, Architektur und Multimedia im „Playboy“. Aus dem Spanischen v. Bettina Engels und Karen Genschow. Wagenbach, Berlin 2012. 165 S., 24,90 €.

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