Andreas Schäfer über die Fotoausstellung "Wozu Poesie?"

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Poesiefestival Berlin : Tito ist nicht Stalin
Tobias Lehmkuhl Andreas Schäfer
Wozu Poesie? Sabine Scho hat auf dem Berliner Teufelsberg ihre Antwort gefunden.
Wozu Poesie? Sabine Scho hat auf dem Berliner Teufelsberg ihre Antwort gefunden.Foto: Matthias Holtmann/Poesiefestival

Es gibt diese Fragen: „Ist das (nicht) autobiografisch?“ Oder: „Kann man (denn) davon leben?“ Oder: „Wozu (eigentlich heute noch) Poesie?“ Fragen, die beim Betroffenen vielleicht eine unangenehme Erklärungsnot auslösen, weil mit ihnen ein bestimmter, abfälliger Unterton verbunden ist, die aber doch interessant sind, weil sie dazu zwingen, über die eigene Tätigkeit nachzudenken. In der Ausstellung „Wozu Poesie?“, die im Rahmen des Poesiefestivals in der Akademie der Künste zu sehen ist, geht es weniger um das Leiden an der Arroganz der anderen als um den staunenden Blick auf das eigene Tun. „Poesie ist die Urkunst der Menschheit und entwickelte sich als sinnstiftendes Element zwischen Musik und Tanz“, schreibt Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Festivals im Katalog. Gerade weil sie kaum Marktwerk habe, erlebe Dichtung „jetzt eine besondere Aufmerksamkeit“.

Inspiriert von einer Installation des weißrussischen Künstlers Sergey Shabohin, bat er 47 Dichter aus ebenso vielen Ländern um eine kurze Antwort. Der Reiz besteht nicht zuletzt im Ort, an dem die Dichter ihre Sätze präsentieren – auf einem Pappschild, das sie vor einem Gebäude hochhalten, das für sie mit dem Begriff Heimat verbunden ist. Über dem Kopf eine Maske wie ein Terrorist. Auf wirkungsvolle Weise wird so das dichterische Wort in einen gesellschaftlichen Kontext gesetzt und gleichzeitig die Rolle des Dichters thematisiert. Die Ausstellung besteht aus unscheinbar wirkenden Fotos, auf denen ein gesichtsloser Mensch eine Pappe in die Höhe reckt, aber wie bei einem Gedicht braucht man Zeit, um das Wechselspiel zwischen den Ebenen ganz zu erfassen. „Hör gut zu. Die Wahrheit ist zu leise, der Verstand kann ihr nicht antworten“, heißt es bei Teresa Colom aus Andorra. Sie steht dabei auf einem Pfad in den Pyrenäen. Ein ganz anderer Ton herrscht bei Arian Leke aus Albanien zwischen Wort und Hintergrund. „Poesie ist nicht ernsthaft gesundheitsschädigend ...“ Dahinter sieht man die monströse Pyramide von Tirana, dem ehemaligen Enver-Hodscha-Museum. Die einen (Senadin Musabegovic) sprechen das Naheliegende simpel aus: „Indem Poesie sichtbar macht, offenbart sie das Unsichtbare.

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Andere setzen ein raffiniertes Wahrnehmungsspiel in Gang. „Nichts zu sehen“, heißt es bei Maria Vilkoviskaya aus Kasachstan. Dazu sieht man eine öde Fläche und dahinter die Bauruinen einer Trabantenstadt. Sie selbst steht auf einem entsorgten Lkw-Reifen und hat sich große Knöpfe als Augen auf die rote Gesichtsmaske genäht. Andreas Schäfer

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