Poesiefestival Berlin : In den Aschen von Meuselwitz

Poesiefestival Berlin: Leopold von Verschuer bringt ein Langgedicht von Wolfgang Hilbig auf die Bühne. Dem Dichterkollegen Uwe Kolbe gilt "Prosa meiner Heimatstraße" als Essenz des Werkes.

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Odysseus der Braunkohlegebiete. Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig. Foto: gezett.de / gezett
Odysseus der Braunkohlegebiete. Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig.Foto: gezett.de / gezett

„Der hat aber ooch Sachen geschrieben, der Wolfgang!“, bricht es aus einer alten Meuselwitzerin heraus. „Also für manchen war das wirklich bissel schwer zu lesen!“ Die auskunftsfreudige Dame, die zu Beginn von Leopold von Verschuers szenischer Aufführung von Wolfgang Hilbigs „prosa meiner heimatstraße“ per Video eingeblendet wird, hat völlig recht: Das Werk des 1941 im ostdeutschen Meuselwitz geborenen und vor sechs Jahren in Berlin gestorbenen Büchner-Preisträgers ist eine amtlich anerkannte Überforderung. Da bildet dieses Langpoem – von Verschuer im Auftrag des Poesiefestivals in der Akademie der Künste inszeniert – keine Ausnahme.

Im Gegenteil: Für Hilbigs Schriftstellerkollegen Uwe Kolbe, der dessen Gedichte herausgegeben und Verschuers Projekt dramaturgisch betreut hat, besitzt der 25-seitige Text sogar „Brühwürfel“-Charakter: In hoch konzentrierter Form bündele er „die Essenz des Hilbig’schen Werkes“, sagte Kolbe in einem einführenden „Poesiegespräch“ mit dem Regisseur. Die mythisch mit der Odysseus-Figur aufgeladene Rückkehr in die heimische „Asche“ – die Braunkohlegebiete bei Leipzig – überlagert sich nicht nur mit dem Motiv der Hilbig’schen Doppelexistenz als Arbeiter und Schriftsteller, sondern auch mit Reflexionen über die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen und die 1989er Revolution im Besonderen – von Hilbigs umfassenden literarischen Referenzen ganz zu schweigen. Leopold von Verschuer, der auch selbst auf der Bühne steht, spielt diese Bezüge mit seinen beiden Darsteller-Kollegen Matthias Breitenbach und Klaus Wildermuth gern explizit aus. „Pound?“, fragt etwa der eine Schauspieler den anderen im vollsten Bekenntnis seiner literaturanalytischen Defizite nach einer besonders anspielungsreichen Textzeile – und muss sich belehren lassen: „Nee, Eliot!“

Diese minimale (und selbstredend stets im Modus allerhöchster Hilbig-Verehrung verbleibende) ironische Nuance, die auf diese Weise in die Aufführung einzieht, tut ihr gut: Abgesehen davon, dass sie die Schwellenangst vor dem komplexen Fünfteiler ebenso senkt wie das Eingangsstatement der Meuselwitzerin, rückt sie tatsächlich einen Aspekt des Hilbig-Werks in den Blick, der sich bei der stillen Lektüre nicht unbedingt aufdrängt.Überhaupt haben Verschuer und sein Team – gemessen zumal daran, wie oft Lyrik auf der Bühne grandios scheitert – vieles richtig gemacht. Sie sind zum Beispiel nicht der fatalen Versuchung erlegen, aus dem Textgefüge verkörpernde Figuren herauszudestillieren, sondern haben sich vielmehr für eine Form der Dreistimmigkeit entschieden, die klug variierende Perspektiven, Tempi und Temperamente ermöglicht.

Auch das Szenario, ein sperrmülliger Requisitenberg aus Stühlen, Klobrillen und Matratzen, hinter dem schwarz-weiße Meuselwitz-Videobilder von Matthias Breitenbach laufen, bleibt unaufdringlich genug, um Hilbigs buchstäblich vielschichtige Sprachpartitur nicht einzuengen oder gar auf platte Eindeutigkeiten festzuklopfen. Am besten ist der Abend dort, wo es ihm gelingt, den hohen Theaterton hinter sich zu lassen und den Text tatsächlich in einer Art Denkübung zu befragen. Christine Wahl

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