Kultur : Poetik-Festival: Lyrik am Lech

Tomas Fitzel

Vor Zimmer 101 des Landsberger Hotels "Goggl" stand man Schlange. Unablässig sauste die feine Nadel in die Haut junger Mädchen. Fast schon die gesamte Klasse, eine Mädchenklasse aus einem musisch orientierten Gymnasium aus Bayreuth, hatte sich von Urs Engeler ein Gedicht auf zarte Körperpartien tätowieren lassen. Sie hatten ihre Klassenfahrt für eine Reise zum Poetikfestival in Landsberg am Lech geopfert. Es würde bei ihrer Rückkehr sicher einen Skandal mit anschließendem Disziplinarverfahren geben.

So hätte es sein können. Aber Urs Engeler, der die "Lyrikline" des Goethe-Institutes mitbetreut, hatte dies in einer Diskussion über die Ursachen des mangelnden Interesses an Lyrik nur so dahin gesagt. In Wirklichkeit war alles sehr viel braver - zum rauschhaften Abschluss schon nicht mehr, aber zu Beginn wenigstens, als man sich selbst bei den wilden "Poetry Slam Sessions" gelegentlich fragte: Wo sind sie, die jungen, ungebärdigen Baale? Und so wie Engeler den Einsatz seiner Tätowiermaschine ankündigte, klang es auch eher nach Kafkas "Strafkolonie". Das Sprechen über den Stellenwert der Poesie scheint seltsamerweise gewalttätige Fantasien hervorzurufen. Joachim Sartorius, selbst Lyriker und Generalsekretär des Goethe-Instituts, sprach sogar von Einzelhaft, in der man der modernen Dichtung ausgesetzt werden müsse. Das wird die fünfzehn bis sechzehnjährigen Schülerinnen aus Bayreuth kaum für neue Lyrik eingenommen haben. Für sie war ja vieles neu, noch nie gehört, manchmal sogar unerhört. Dass man beim Lied-Vers-Singen so unmelodiös die Texte zerhacken oder mit wilder Mähne auf einem Bösendorfer klimpern muss, ohne dass dieses Gespiel einen Zusammenhang mit dem aus dem Off tönenden Texten und Geräuschen ergab, wollte ihnen nicht einleuchten.

Allerdings flohen da auch Erfahrenere, wie Hans Magnus Enzensberger. Dessen Welturaufführung seiner Poetikmaschine galt das gesamte Interesse der versammelten Presse. Das war ein genialer Trick des Münchner Dramatikers, Dichters und Festivalleiters Albert Ostermaiers, der ein selten lebendiges Lyrikfestival auf die Beine stellte und dabei souverän alle Schubladen und Gattungsgrenzen - Hoch- und Popkultur, E und U - ignorierte und dies selbst, einmal neutönerisch und einmal von rockigen Gitarrentönen begleitet, aufs Schönste verkörperte. Manche Widerstände musste er zuvor bei den Landsbergern überwinden. Doch Poesie wächst an ihren Widerständen, und wo würde ein Oberbürgermeister noch sagen und dies sogar meinen, dass es ein Wagnis sei, solch ein Lyrikfest in die Provinz zu holen. Besonders umstritten war Enzensbergers Automat. Für die 170 000 Mark, die er kostete, wünschten sich wohl nicht wenige der 20 000 Einwohner stattdessen einen weiteren Verkehrskreisel.

Nun rattert also Enzensbergers Automat, der einer Flughafenanzeigentafel gleicht und mit seinen 852 Buchstabentäfelchen auch wie eine solche mechanisch funktioniert, weitgehend unbeachtet von den Besuchern im Foyer des sehr hübschen und altmodischen Landsberger Stadttheaters, einer Art Theater am Schiffbauerdamm en miniature. Auf sechs Zeilen entstehen immer neue Wortkombinationen. Jedoch auch zur Enttäuschung ihres Kreators glichen die Resultate frappant mittelmäßigen Enzensberger-Plagiaten. Zehn hoch 36 Möglichkeiten der Variation solle es bei ihm geben, womit er Mallarmé übertrifft, der in seiner Ars Combinatoria nur auf zwanzig Bände zu je 480 000 Teile kam, auch noch Raymond Queneau, der Hunderttausend Milliarden Gedichtvariationen anbot, zu deren Lektüre man 190 Millionen Jahre bräuchte, was natürlich nichts ist im Verhältnis zu Enzensbergers fünf mal zehn hoch fünfundzwanzig Jahren, die er zur erschöpfenden Lektüre ansetzte, aber wiederum auch nur eine Petitesse ist im Vergleich zu der Universalbibliothek von Kurt Laßwitz, die nur in Lichtgeschwindigkeit zu durchmessen wäre.

Nur unmerklich länger benötigte man zu der Feststellung, dass auf Grund der rigiden Syntaxregeln und einem sehr eingeschränkt eingespeisten Vokabular die Überraschung bald ausblieb und vor allem die Wiederholungen in den einzelnen Sequenzen bemerkt wurde. Zu vorherrschend war das Enzenbergersche Muster. Paul Scheerbarts "Perpetuum Mobile", das unendlich viele Romane produzieren sollte, implantierte immerhin heimlich in die noch junge Moderne bereits die zersetzende Postmoderne und regte Ernst Rowohlt, der begeistert zur Erfindung mit diversen Bierkästen beisteuerte, zu dessen Rotationsromanen an. Nicht den Flug des Pegasus kündigte Enzensbergers Anzeigentafel an, sondern lediglich eine grandiose Verspätung. Denn bereits vor fünfundzwanzig Jahren im Gefolge des Strukturalismus und den Ideen Max Benses zur Kybernetik und Literatur hatte Enzensberger in einem "Moment der Langeweile" dieses Maschinchen ausgeheckt. Es fand sich bisher nur niemand, der es realisierte. Und so präsentierte Enzensberger seine Erfindung, als gäbe es nicht längst das Internet und Hyptertexte. Und ist nicht die Entschlüsselung des Genoms längst der ultimative Text des Lebens in all seinen Kombinationen? "Fossile Wahnsysteme" klackerte es einmal in einer Zeile auf und etwas später als Variation: "fossile Automaten". Wie wahr, und ein Museum ist auch schon interessiert.

Aber dafür gab es eine Reihe hervorragender Lesungen. Vergnügliche mit Robert Gernhardt und halbvergnügliche mit Matthias Politycki. Bekannt Bewährtes hörte man von Raoul Schrott, Joachim Sartorius und eben auch von Enzensberger, der zunehmend zur ironisch heiteren Altersweisheit neigt und den Automaten gern einen Automaten und die Welt Welt sein lässt. Wer will es ihm missgönnen, so sympathisch stellt er dies dar. Absolute Spitzenklasse boten Franz Joseph Czernin mit seinen hoch artistisch und doch zugleich sehr luftigen Sonetten sowie Oswald Egger. Dieser zog einen mit einer poetischen Rede als Rede über die Poesie in seinen Bann. "Bevor ich beginne", setzte er an und hatte damit schon den Zuhörer gefangen, um dann zum Ende, als es niemand mehr erwartete, seine Reflexionen mit einem Gedicht abzuschließen, das die aufgebauten Erwartungen nicht enttäuschte. Eine generelle Frage nahm man aus den sehr unterschiedlichen Darbietungen mit: inwieweit ist die Gegenwart poesiefähig? Das traditionelle Vokabular, wie Schiff und Ufer, Wind und Wunde, wurde nur selten durchbrochen von einem Wort, das als Index für die Gegenwart gelten konnte.

Was Raoul Schrott in der Gegenwartsklyrik allzu oft vermisst - Metrum, Rhythmus, Reime, Alliterationen und Assonanzen - all dies wurde in den wilden und weniger wilden Versuchen der °Slam Poeten vorgeführt. Ja, es gibt gerade bei ihnen ein aussgeprägtes Bewusstsein für traditionelle Formen, auch wenn der Preis oft im Kalauer oder banal Epigonalen liegt. Doch der Überraschungssieger im "Slam-Poetry-Wettbewerb", ein Oberschüler aus Landsberg, rappte fünf Minuten aus dem Stegreif, und Reim und Rhythmus stimmten. Das muss ihm erst einmal einer der älteren nachmachen. Nicht nur die Schülerinnen aus Bayreuth kehrten mit vielem noch nie so Gehörtem heim. Um die Zukunft der Lyrik muss man sich daher keine Sorgen machen. Sie wird augenscheinlich weniger gelesen, dafür mehr gehört. Es mag sein, dass solch gelungene Veranstaltungen auch nur in Provinz möglich sind, wo ein nicht blassiertes und sehr unterschiedliches - junges, altes, wildes, biederes, intellektuelles und nicht intellektuelles - Publikum noch gemeinsam begeisterungsfähig ist. Trotz des gleichzeitig stattfindenden EM-Endspiels blieben bis zum Schluss alle Plätze besetzt. Für die Literatur ist die Provinz eine wahre Bäderkur.

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