Pola Oloixaracs Roman „Kryptozän“ : Krieg der Hacker

Grandioser Kaltstart: Die lateinamerikanische Autorin Pola Oloixarac erzählt in „Kryptozän“ mit Witz und Tiefe von der Pubertät des Internets.

Sarah Murrenhoff
Junge Hacker benutzen in Pola Oloixaracs Roman Quellcodes als Waffe.
Junge Hacker benutzen in Pola Oloixaracs Roman Quellcodes als Waffe.Foto: dpa

Dass die Handlung dieses Hacker-Romans im Jahr 1882 einsetzt, mag purer Zufall sein. Wenn Zufälle überhaupt eine Existenzberechtigung haben in diesem Komplex unterirdischer Grotten, den die 1977 in Buenos Aires geborene Schriftstellerin Pola Oloixarac in „Kryptozän“ errichtet. Aber Moment mal, 19. Jahrhundert und Hacker – geht das überhaupt zusammen!? Es muss sich um einen Code handeln. Und zum Entschlüsseln braucht man Muße und ein wenig philosophische Nerdigkeit.

1882 – das ist zum Beispiel eine Information, die aus vier Ziffern besteht. Wir schreiben das Todesjahr Darwins. Eine europäische Forschergruppe befindet sich auf einer Expedition in der „Neuen Welt“. Unter der Flagge der positiven Wissenschaft stehen die Naturkundler in der Höhle eines Kraters auf der Suche nach den letzten Dunkelflecken der Erde, ohne sich ihrer eigenen ironischen Existenz bewusst zu sein: Die Decke der Höhle halten sie für „das düstere Himmelsgewölbe“. Während man als Leserin noch damit beschäftigt ist, sich in die Antike zurück zu zoomen und Platons Höhlengleichnis zu rekapitulieren, zoomt die fortrasende Erzählung ins Jahr 1983. Gleich zwei schicksalsträchtige Geburten verzeichnet dieses Jahr: Cassio heißt das Ergebnis einer ekstatischen Fusion argentinischer und brasilianischer DNA, Cassio Liberman Brandão da Silva. Doch die Sterne stehen schlecht für ihn. Denn zeitgleich gebärt die Wissenschaft das DNS (Domain Name System), die Datenbank des Internets. Die Zwangsehe zwischen Cassio und dem Internet ist besiegelt. DNA und DNS forever.

Macht, Politik und Cat Content

Und in der Tat: Der Erotik der Cyberwelt erliegt Cassio sein Leben lang. Jahre bevor seine Artgenossen im Internet unterwegs sind, erforscht er bereits dessen düstere Flecken. Er ist Muttersprachler aller numerischen Sprachen. Frauen hingegen sind für ihn eine kryptische Spezies, die nicht entschlüsselbare Botschaften aussendet. In seiner Pubertät penetriert er lieber die Computer des Finanzmarkts. Ja, er ist politisch. Er versteht es Banken lahmzulegen. Sein Virus ist die Kunst – Ästhetik und Ethik in Reinform. Im Kryptozän geht es um Macht und Politik, um die unsichtbaren Machenschaften der Netzwelt. Zur Zerstreuung gibt es hier und da eine Dosis Cat Content – und den Tod von Cassios geliebter Katze namens Axl Rose. Ihr Tod durchbricht seine Verbindung zur analogen Welt für immer. Seine Depersonalisation kennt keinen Zurück-Button. Cassios Mitmenschen werden für ihn zu Robotern, der Quelltext hingegen wird zu seinem Leben, zu seinem Zugriff auf die Welt. Durch den „Code“ wird die Welt für ihn lesbar. Und beschreibbar.

Der junge Hacker schreibt Quellcodes. Wie Pola Oloixarac schreibt er gegen die Zeit, schreibt er an gegen das Grundrauschen der Dinge. Das Hacken ist seine Sinnlichkeit. Er fängt an zu sehen, wo andere nur schwarze Löcher vermuten. Die vernetzte Welt verrät ihm Dinge, die es gar nicht gibt. Oder doch?! Zunächst sind es Ideen, deren sinnlich wahrnehmbare Abbilder auf sich warten lassen. Cassio schreibt, als befände er sich im Krieg. Er erschafft Heere aus Bots. Mit nur einem Tastaturbefehl kann er sie in den Untergrund schicken. Er ist gewappnet.

Welches Ausmaß hat die Kryptologie?

Auch die Leser müssen gewappnet sein. Wie in Trance werden sie durch die Zeitebenen des Kryptozäns gezogen, wie im Wahn schreitet die Handlung in Windeseile voran. Es gibt kaum eine Wahl: Entweder zieht man mit oder der Krypto-Krieg findet ohne einen statt. Ehe man sich versieht, befindet man sich im Jahr 2024. Cassio arbeitet für „das Projekt“ in Patagonien, in einem nach dem Weltkrieg von Nazis errichteten Atomzentrum im Süden Argentiniens. Doch der Gegenstand seiner Arbeit ist noch unsichtbarer als Atome. Zu den Computerviren hat sich DNA gemischt: Das Arbeitsfeld heißt Biokybernetik.

Im Vorbeirauschen der Buchstaben lässt sich nur erahnen, welches Ausmaß an Macht die Kryptologie über die Menschen gewonnen hat. Es ist Google plus Genetik, ein kybernetisches Jurassic Park. Cassio und sein Team haben „ein mächtiges unsichtbares Tier geschaffen“, kleine Golems mit Eigenleben. Die Frage der Fragen drängt sich Cassio auf: Wer oder was ist das eigentliche Raubtier? Wird er Phantom oder Parasit, Hacker oder Beherrschter?

Scharfe Sprache, exakte Metaphern

Auf apokalyptischem Parkett legt Pola Oloixarac mit ihrem zweiten Roman auf dem deutschsprachigen Buchmarkt einen grandiosen Kaltstart hin. 2010 wurde sie auf die Granta-Bestenliste gewählt, nachdem zwei Jahre zuvor ihr linkes Denken und Sexismus in einen Zusammenhang bringender und noch nicht ins Deutsche übersetzter Debütroman „Teorias salvajes“ („Wilde Theorien“) erschienen war. Seitdem gilt sie in Lateinamerika als umstrittene Autorin. Kein Wunder. Oloixarac scheint der Menschheit einen epistemologischen Schritt voraus zu sein. Mit scharfem Blick schaut sie auf die Erde wie eine Wahrsagerin auf ihre Glaskugel. Auch ihre Sprache ist scharf, ihre Metaphern eine exakte Wissenschaft. Sie persifliert den Fortschrittsglauben und führt vor, wie sehr in der Utopie des 19. Jahrhunderts der Untergang des Anthropozäns schon angelegt war. Die Algorithmen sind menschgemacht, doch sie werden zur „neuen anpassungsfähigen Spezies“, zu kleinen Darwin’schen Figuren mit Protagonismus.

„Kryptozän“ ist ein genialer Coming-of-Age-Roman des Internets, mit einem Hacker als Helden. Ein philosophischer Trip, der sich in astronomische Höhen schwingt und voller Witz die Höhle vorführt, in der sich der Mensch des 21. Jahrhunderts aufhält – im Glauben, dass der Googleplex nichts anderes als ein Gebäude ist.

Pola Oloixarac: Kryptozän. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Timo Berger. Wagenbach Verlag, Berlin 2016. 192 Seiten, 20 €.

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