Politdrama : Wehrt euch, Indios!

Drei Geschichten erzählt „Und dann der Regen“: die Ausrottung der karibischen Ureinwohner, die chaotischen Filmarbeiten zu diesem Thema und die Rebellion der heutigen Bolivianer gegen ihre Ausbeutung.

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Hau ruck! Die Filmcrew richtet ein großes Holzkreuz auf – in der Mitte Produzent Costa (Luis Tosar). Foto: Piffl Medien
Hau ruck! Die Filmcrew richtet ein großes Holzkreuz auf – in der Mitte Produzent Costa (Luis Tosar). Foto: Piffl Medien

Der Regisseur Sebastián und sein Produzent Costa planen das ganz große Kino. Sie wollen die Geschichte der „Entdeckung“ Amerikas erzählen, allerdings nicht als europäisches Heldenepos, sondern als monumentales Schurkenstück einer Bande goldgieriger Räuber und Mörder. Also reisen sie mit ihrer Crew in die bolivianischen Anden. Kolumbus war zwar in der Karibik gelandet, aber dort gibt es keine Ureinwohner mehr. Im armen Cochabamba hingegen leben „Tausende hungrige Indios“, die man für zwei Dollar am Tag als Komparsen in den Massenszenen gebrauchen kann, wie Produzent Costa erklärt. „Und das heißt: Kein digitaler Scheiß!“ Da sind noch alle zuversichtlich, dass dieser Film etwas ganz Besonderes wird, eine Art alternative Geschichtsschreibung, 4000 Kilometer vom Originalschauplatz entfernt.

Aber dann bricht in Cochabamba ein Aufstand aus. Auch dieser hat einen historischen Hintergrund: Im Jahr 2000 rebellierten die indigenen Einwohner der Andenstadt gegen den Verkauf ihrer Wasserversorgung an den US-Konzern Bechtel, der die Preise in der trockenen Region um 300 Prozent erhöhte. Es kam zu kriegsähnlichen Zuständen, und am Ende musste die weiße Elite der Stadt die Privatisierung rückgängig machen. Im Film bringt dieser Konflikt die Dreharbeiten erheblich durcheinander. Denn ausgerechnet der Darsteller des Indianerhäuptlings Hatuey entpuppt sich als Wortführer der Rebellion. Und wie will man den dichten Drehplan einhalten, wenn die Schlüsselfigur zusammengeschlagen im Gefängnis sitzt?

Drei Geschichten erzählt, durchaus komplex, „Und dann der Regen“: die Geschichte der Ausrottung der karibischen Ureinwohner vor 500 Jahren, die chaotischen Filmarbeiten zu diesem Thema und die Rebellion der heutigen Bewohner Boliviens gegen ihre Ausbeutung. Diese Ausbeutung findet auf zwei Ebenen statt: durch den Wasserkonzern und durch das spanische Filmteam, das die Indianer nur als Marionetten betrachtet. Da gibt es etwa die starke Szene, in der die Schauspieler in ihrem Luxushotel den ersten Landgang von Kolumbus proben und die irritierten Hotelangestellten nach Gold anbrüllen. Dass die Eroberung Amerikas fortdauert, ist die vielleicht etwas simpel geratene Botschaft der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín und ihres Drehbuchautors Paul Laverty, der sonst meist mit Ken Loach zusammenarbeitet.

Bollaín versammelt einige hervorragende Darsteller: Gael García Bernal („Amores Perros“) spielt den ehrgeizigen Regisseur, der Spanier Luis Tosar ist sein abgeklärter Produzent, und der Baske Karra Elejalde gibt einen trinkenden Kolumbus-Darsteller. Neben allegorischen Landschaftsaufnahmen (ein riesiges Holzkreuz schwebt am Helikopter über Cochabamba hinweg) haben besonders die Wortgefechte Wucht, auch wenn sie arg didaktisch dahergestampft kommen: So provoziert „Kolumbus“ beim Dinner den Darsteller des berühmten Dominikanermönchs Bartolomé de Las Casas. Der habe zwar die Versklavung der Indios angeprangert, aber dann die Versklavung von Afrikanern vorgeschlagen. Auch die Bilder des Wasseraufstands sind von dokumentarischer Kraft.

Im Ganzen aber bleibt Ärger. Weil die Story ins Korsett Hollywoods gepresst wird. Wegen der aufdringlichen Musik. Weil Produzent Costa bloß die typische Katharsis vom Zyniker zum Gutmenschen erlebt. Und die Nebendarsteller? Edle Indianer. In seiner Auflösung zielt der Film, der im Februar einen Berlinale-Publikumspreis gewann, denn doch auf Sentiment und Massengeschmack.

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