Kultur : Politik der Erinnerung

Auf dem Bebelplatz darf nicht des jüdischen Künstlers Bruno Schulz gedacht werden.

Ernest Wichner

„Wir halten das Wort üblicherweise für den Schatten der Wirklichkeit, für ihr Abbild. Richtiger wäre die umgekehrte Behauptung: Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes.“ Bruno Schulz (1892-1942), das kann man dieser kurzen Formel aus seinem Essay „Die Mythisierung der Wirklichkeit“ entnehmen, war ein Dichter, ob er die berühmten „Zimtläden“-Geschichten nun schrieb, zeichnete oder malte.

Vom 24. März bis zum 21. April wollte der Filmemacher Benjamin Geissler in einer Ausstellungsinstallation auf dem Bebel-Platz an den großen polnisch-jüdischen Künstler erinnern. Die Ausstellung sollte rund um die Uhr geöffnet und frei zugänglich sein. Nun aber teilte das Bezirksamt Mitte von Berlin/Tiefbau- und Landschaftsplanungsamt mit, dass es eine solche Installation an diesem Ort nicht genehmigen könne: „Eine optische und inhaltliche Synergie zwischen dem Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1933 von Micha Ullman, welches als künstlerisches Gesamtkonzept intendiert ist, und dem temporären Erinnerungsort der ,Bilderkammer – Bruno Schulz’ stellt sich nicht her und kollidiert mit den erinnerungspolitischen Absichten.“

Welcher öffentliche Platz in Berlin eignet sich aber besser dafür, an einen Schriftsteller zu erinnern, der im November 1942 auf offener Straße in seiner Heimatstadt Drohobycz von der SS zusammen mit 265 weiteren Juden erschossen wurde? Der als „Leibjude“ des aus Wien stammenden SS-Hauptscharführers Felix Landau die Villa, in der dieser mit seiner Familie wohnte, mit Bildern ausgemalt hat, deren weiteres Schicksal ins Zentrum dessen führen, was heute unter dem Stichwort „Erinnerungspolitik“ zu bedenken wäre. Das Schicksal dieses Schriftstellers und seines künstlerischen Werkes berührt unsere Gegenwart in einer Weise, wie es die Erinnerungsrituale der Politik lange nicht mehr vermögen.

Benjamin Geissler hatte im Februar 2001 Bruno Schulz’ Malereien in der Villa im galizischen Drohobycz (heute Ukraine) entdeckt und diese Entdeckung öffentlich gemacht. Im Mai 2001 wurden dann Fragmente der Wandmalereien von Mitarbeitern der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in einer geheimen Mission herausgetrennt und nach Israel verbracht. Und im März 2002 haben ukrainische Restauratoren fünf weitere Fragmente entnommen. Das Vorgehen löste eine weltweite Kontroverse aus, nicht nur über Fragen verletzter nationaler Souveränität und staatlich sanktionierten Kunstvandalismus, sondern vor allem darüber, wo und wie eines solchen Autors und Künstlers adäquat gedacht werden kann und soll. Gehören die Wandbilder, die Bruno Schulz in der aussichtslosen Hoffnung, sein Leben zu retten, in der requirierten Villa des SS-Mörders gemalt hat, Yad Vashem und dem Staate Israel, gehören sie der Republik Ukraine, gehören sie gar Österreich, weil sie ein österreichischer SS-Mann bestellt und vielleicht mit einer Brotrinde bezahlt hat? Oder gehören sie in das Haus, in dem sie dieser geniale Schriftsteller und Malsklave an die Wand gemalt hat?

In jahrelanger Recherche- und Forschungsarbeit hat Benjamin Geissler die zerstörte „Bilderkammer“ des Bruno Schulz in einer maßstabsgetreuen mobilen Ausstellung rekonstruiert. Diese sollte auf dem August Bebel-Platz in bester Ergänzung zu Micha Ullmans "Versunkener Bibliothek" gezeigt werden. Und von genau dieser Stelle sollte in diesem März, da Berlin sich eben das Themenjahr "Zerstörte Vielfalt - 1933-1945" leistet, mit der Präsentation dieser "Bilderkammer" der Auftakt zu einer Tournee starten, die weiter nach Polen und in die Ukraine führt. Ernest Wichner

Der Autor ist Leiter des Literaturhauses Berlin.

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