Politischer Roman : Die vollendete Zukunft

In ihrem Roman "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst" erzählt Shani Boianjiu vom stumpfsinnigen Alltag israelischer Soldatinnen.

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Übersetzt in 19 Sprachen. Shani Boianjiu. Foto: Alon Sigavi/K&W
Übersetzt in 19 Sprachen. Shani Boianjiu. Foto: Alon Sigavi/K&W

Sie hausen auf einem gottverlassenen Stützpunkt im Wüstenstaub und bilden Rekruten an der Waffe aus. Sie können sich auch bei der Militärpolizei verdingen, wenn sie Glück haben, werden sie sogar Offizier. Aber dennoch hocken sie Schicht für Schicht an Bildschirmen, wo sie einen Abschnitt des Grenzzauns überwachen; oder sie stehen sich am Checkpoint die Beine in den Bauch und kontrollieren Palästinenser. Manchmal versuchen sudanesische Flüchtlinge ins gelobte Land zu kommen. Hin und wieder zieht ein durchgedrehter Grenzgänger ein Messer. Aber in der Regel herrscht Langeweile. Militäralltag, zu dem Israel als einziges westliches Land auch Frauen verpflichtet.

Shani Boianjiu, mit irakisch-rumänischen Wurzeln in Jerusalem geboren, war selbst Waffenausbilderin. Die 27-Jährige, die ihren zweijährigen Dienst in der israelischen Armee abgeleistet hat, bevor sie in Harvard englische Literatur und Ethnologie studierte, kennt sich aus mit Gewehren, mit der Anmache der Vorgesetzten, mit den Sexfantasien der gelangweilten Mädchen, mit dem rüden Ton, den sie sich aneignen, um von den Männern akzeptiert zu werden. Und sie kennt sich aus mit der Angst, die in ihrem ersten Roman „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ allgegenwärtig ist – obwohl Frauen in aller Regel nicht in Kampfeinheiten eingesetzt werden.

Yael, Avishag und Lea wachsen in einem Dorf an der libanesischen Grenze auf, in dem „Privatheit, öffentliche Verkehrsmittel und Milch mit 5 Prozent Fett“ zu den „Raritäten“ gehören. Die Siedlung ist das Produkt des „Einfalls, man sollte Galiläa judifizieren“. In der Schule lernen die drei, dass man sein Land zu lieben hat und was Panzerfaustkinder sind.

Bald ist die Schule vorbei, und sie alle müssen zur Armee, sogar „Prinzessin Lea“, die keine Lust hat, und Yael, die vor Angst fast vergeht. Kurz zuvor hat sich Avishags älterer Bruder Dan, in den Yael verliebt war, umgebracht. Yael war auch Zeugin, wie Emunas Mutter bei einem Selbstmordattentat ums Leben kam. Die Mädchen nehmen die Angebote der israelischen Armee an: Avishag erfindet, um nicht verrückt zu werden, Geschichten. Lea, die einstige Anführerin, steht in ihrer viel zu großen grünen Uniform und dem blauen Barett am Checkpoint. Yael, das Alter Ego der Autorin, wird Waffenausbilderin. Sie spielt mit Gewehren herum und verführt aus schierer Langeweile Rekruten.

Als Lea Augenzeugin eines Anschlags auf einen Soldaten am Checkpoint wird, schlägt sie die Offizierslaufbahn ein: Sie will kein „zurückgelassenes Mädchen“ mehr sein. Aber sie wird mit den Erlebnissen so wenig fertig wie Avishag, die am Bildschirm beobachtet, wie eine sudanesische junge Frau von ägyptischen Soldaten angeschossen wird. Durch eine alberne Unvorsichtigkeit löst sie einen diplomatischen Zwischenfall aus und katapultiert sich ins Militärgefängnis. Auch Yael begleitet die Paranoia bis ins zivile Leben: Überall wittert sie Selbstmordattentäter und Gefahr.

Nichts passt richtig zusammen in diesem Land, „nichts war so, wie es sein sollte“: nicht das Gemisch der Völker, nicht Tel Aviv, das den Eindruck macht, „nie so richtig auf dieser Erde existieren zu sollen“. Folglich ist der Roman auch nach dem Prinzip des Knickspiels konzipiert, das die Mädchen in der Schule spielten: Eine schreibt einen Satz, knickt das Blatt um, dann kommt die nächste und so weiter. Am Ende entstehen drei Geschichten, die jeweils dem Eigensinn der Verfasserin folgen und doch untrennbar verbunden sind. In der Art, wie sich die drei selbst nach dem Ende ihrer Militärzeit noch „den Jungen“ ausliefern oder wie Lea Rache nimmt für ihren ermordeten Kameraden, spiegelt sich das Drama des gesamten, zur Wehrhaftigkeit gezwungenen, in stetig unheiliger Furcht lebenden Volkes. Wie für die Rekrutinnen besteht auch Israels Problem darin, dass seine Zukunft in der Vergangenheit liegt: „Sie existierte außerhalb unserer Köpfe und war zu groß.“

Die beiden letzten Kapitel wirken nur noch wie angehängt. Doch dafür überzeugt Boianjiu mit einer Sprache, die die Entwicklung der Mädchen von naiven Schülerinnen zu Parodien männlicher Kämpfer vermittelt und den Grundton von Verstörung immer mitschwingen lässt. Was wir hier aus dem Innenleben der israelischen Armee erfahren, wird von keiner noch so differenzierten Studie, keiner noch so farbigen Reportage eingeholt. Der Roman eröffnet den schrecklichen Möglichkeitshorizont einer schon vollendeten Zukunft: „Ich weiß genau, was passieren wird, es muss also gar nicht erst passieren“, erklärt die von Erinnerungen bedrängte Yael ihr unablässiges Déjà-vue. „Wird es aber. Ständig passieren Dinge, die nicht passieren müssen. Wir machen sie einfach immer wieder.“

Shani Boianjiu:

Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst.

Roman. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2013. 331 Seiten, 19,99 €.

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