Die neuen polnischen Dichter suchen Themen jenseits des Nationalen

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"Polnisch poetisch" : Neue Bilder, neue Töne
Lothar Quinkenstein
Entdeckerin. Esther Kinsky vor dem Buchbund in Neukölln, wo sie „Polnisch poetisch“ präsentiert.
Entdeckerin. Esther Kinsky vor dem Buchbund in Neukölln, wo sie „Polnisch poetisch“ präsentiert.Foto: Davids / Nareyek

Esther Kinsky, die zuletzt den Gedichtband „Naturschutzgebiet“ veröffentlichte und 2011 mit dem „Roman „Banatsko“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete, charakterisiert den „neuen Ton“ so: „Ich sehe hier eine Rückkehr zum Bild, zur Melodie, zum Rhythmus. Diese sechs Autorinnen und Autoren schöpfen natürlich aus der Tradition, aber nicht mehr unter dem Hauptvorzeichen der Polnischkeit.“ Die 1956 geborene Autorin ergänzt: „Insbesondere interessiert mich auch der Einfluss amerikanischer und englischer Lyrik. Jacek Gutorow, Dariusz Sośnicki und Adam Wiedemann übersetzen aus dem Englischen, immer wieder tauchen Bezüge auf zu W. H. Auden, John Ashbery, Wallace Stevens, der Umgang mit den poetischen Formen der englischsprachigen Lyrik hinterlässt in der polnischen Lyrik seine Spuren.“

Das Stichwort „Polnischkeit“ führt auf dem kürzesten Weg zur Auseinandersetzung mit der Geschichte. Eben dafür ist die polnische Literatur immer bekannt gewesen – dass ihr Gedächtnis weit zurückreicht. Dieser ungeheure Fundus an Tradition, der nicht zu trennen ist vom polnischen 19. Jahrhundert, wird im Schaffen der jüngeren Generation zum Material eines kritisch-produktiven Dialogs. Esther Kinsky, die in Berlin und dem ungarischen Battonya lebt, verweist auf einen Essay von Dariusz Sośnicki, der die Prozesse poetischer Revisionen seit den neunziger Jahren beleuchtet: „Sośnicki sieht das Neue in der Überwindung des ,Verlustdenkens’, das so oft als die treibende Kraft und Stärke der polnischen Lyrik galt. Die neue Generation arbeitet nicht mehr auf der Grundlage dieses Verlusttraumas, es geht um die Welt um uns herum, um das Benennen der Dinge auf eine neue Weise, daher auch dieser Mut zu Bildern, die nicht ,national’ belegt sind. Für mich liegt der große Schritt zu etwas Neuem in der Absage an die Polnischkeit als Definition der Identität.“

Ebenso lässt das Stichwort „Polnischkeit“ an unermüdlichen Eigensinn denken. Hier wäre vor allem Adam Wiedemann zu nennen (er kommt im September in den Buchbund), der sich mit seinem Schreiben Miron Białoszewski verbunden fühlt. Wiedemanns Vorliebe für die Absurdität und poetische Intensität des Banalen, die Sprache der Straße und die assoziative Montagetechnik ist inspiriert von dem großen Querdenker, der 1983 im Alter von 61 Jahren starb.

Wer nach den beiden ersten Veranstaltungen der Reihe noch eine Weile im Buchbund den Gesprächen zuhörte, sah sich in der Vermutung bestätigt, dass die Neugier am leichtesten im unmittelbaren Austausch geweckt wird. Polen liegt von Berlin aus nur einen Katzensprung entfernt (der jenseits der Grenze „Froschsprung“ heißt). Trotzdem bedarf es nach wie vor einer kleinen Anstrengung, sich diese Nähe bewusst zu machen. Dabei könnte die schöne Initiative helfen, die der Berliner Klak Verlag nun ergriffen hat: Er möchte den Gedichten der Reihe „Polnisch poetisch“ – in der Übersetzung Esther Kinskys – eine eigene Edition widmen.

Lesung von Dariusz Sośnicki, 20.6., 19 Uhr in der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund, Sanderstraße 8, Neukölln.

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