Albumkritik : Jamie Woon: Schöner stolpern

Grandios: das Debütalbum "Mirrorwriting" des Post-Dubstep-Musikers Jamie Woon. Mit 28 Jahren ist er Englands größte Pop-Hoffnung.

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Tagträumer. Jamie Woon beschwört in seinen Songs Visionen von Freiheit und Unbeschwertheit.
Tagträumer. Jamie Woon beschwört in seinen Songs Visionen von Freiheit und Unbeschwertheit.Foto: Phil Sharp

Das Schöne am zeitgenössischen Pop ist, dass es nicht zuletzt dank der so frei und billig zur Verfügung stehenden elektronischen Produktionsmittel kaum noch ein Reinheitsgebot gibt. Sieht man einmal vom meist sehr öden klassischen Rock ab und schlimmen „Rock’n’Roll- Hall-of-Fame“-Jubiläumsveranstaltungen, wird montiert, gebastelt, verfremdet und ausprobiert. Da werden Genres beliebig und unbelastet durcheinandergewürfelt, Techno mit Cumbia, Drum &Bass mit Folk, und da heißt Weltmusik inzwischen globaler Pop. Oder der aus diversen Ober- und Untergenres wie Drum &Bass oder Garage und Twostep hervorgegangene Dubstep in sehr gut informierten Kreisen lieber „Irgendwie“- oder „Was-auch-immer“-Step.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der im Moment in England zusammen mit dem ähnlich motivierten James Blake am höchsten gehandelte Popstar in zwei unterschiedlichen Genres verortet wird: mal im klassischen Chart-R&B amerikanischer Prägung, mal im eher immer noch im Untergrund beheimateten Dubstep britischer Prägung. Jamie Woon heißt der Mann, kommt aus London, ist 28 Jahre alt und hat in diesen Tagen gerade sein Debütalbum „Mirrorwriting“ veröffentlicht. Tatsächlich können die musikalischen Einflüsse Woons unterschiedlicher nicht sein. Der Oberlippenbartträger ist der Sohn der Folksängerin Mae McKenna, wuchs mit deren Musik auf, aber auch mit Radioheads „Kid A“-Album, auf dem die britische Band ihren Indiepop hörbar elektronisch unterfüttert. Genauso aber entwickelte Woon sich zum leidenschaftlichen R&B-Fan von Michael Jackson bis zu Boys II Men.

Als er selbst mit dem Musikmachen anfing, probierte er sich an einer traditionellen Folkweise, „The Wayfaring Stranger“, schulte an ihr seinen Gesang, ließ sie aber auf der B-Seite von dem Dubstep-Produzenten Burial neu mischen. Burial, auf dessen in den späten nuller Jahren veröffentlichten Alben eine Art entseelter Gothic zu hören ist, eine Mischung aus tiefen, düster-stolpernden Bässen und traurigen Maschinenstimmchen, dieser Burial hat nun auch die Produktion von Woons Debütalbum mitüberwacht und hat den tollen, tanzbodentauglichen Hit „Night Air“ produziert.

Tatsächlich bildet die feinsinnige Produktion nur die Folie, vor der Jamie Woon seine romantisch-düsteren Geschichten von Herz, Schmerz und jugendlicher Suche und Unentschlossenheit erzählt. Woon ist ein Soul-Crooner, wie er im Seidenlaken-R&B-Buch genauso steht wie in dem des raueren, traditionellen R&B. „Walking and walking, thinking on my feet, anything can happen in the city, but you can’t sit down“, säuselt er im Stück „Street“, um dann seinen Träumen von Freiheit und Unbeschwertheit freien Lauf zu lassen. Das macht er alles zu einem sachte dahintreibenden Beat mit ein paar nicht weiter störenden Gimmicks – das ist wunderschön, um gleich darauf von dem noch wunderschöneren Stück „Lady Luck“ abgelöst zu werden, das von tiefen, wummernden Bässen unterlegt ist, und von Woon im Falsett-Stil vorgetragen wird.

In dem Stil geht es weiter: mal schmachtender, öliger, mal zwingender, zupackender, dann wieder ganz runtergefahren, wie in dem sakralen, von ein paar Akustik-Gitarren-Akkorden genauso wie dezentem Bassgeklöppel begleiteten Stück „Gravity“. Das Außergewöhnliche an „Mirrorwriting“ ist, dass die Produktion einen überaus geschmackvollen Eindruck macht, unter der Oberfläche aber manchmal hübsch verstolpert und disharmonisch klingt, und Woon das alles mit seinem Soul-Gesang aufs Schönste überstrahlt und zusammenhält. Anders als James Blake, der seine Stimme noch eine Spur offensiver ausstellt, der auch vor völliger musikalischer Stille nicht zurückschreckt, dreht Jamie Woon trotzdem ganz bewusst an den Pop-Stellschrauben. Nie war Herzschmerzmusik unpeinlicher, nie klang Musik, die aus Underground-Kontexten stammt, zugänglicher, ohne zumindest auf ein paar Spuren von Widerständigkeit zu verzichten.

„Mirrorwriting“ von Jamie Woon ist bei Polydor/Universal erschienen.

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