"Am Anfang War der Blues" : Fritz Rau & Biber Herrmann in der Petruskirche

Er war wohl Deutschlands bedeutendster Tourneeveranstalter. Heute ist Fritz Rau 81, steht selbst auf der Bühne und wird gefeiert wie ein Rockstar. Für Live-Musik sorgt dabei jedoch ein anderer.

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Fritz Rau und Biber Herrmann.
Fritz Rau und Biber Herrmann.Foto: promo

"In meiner Jugendzeit war ich ein bissle frischer, aber mit 81 geht's Leben auch weiter" sagt Fritz Rau mit schwäbischem Singsang schelmisch grinsend, nachdem er etwas wackelig und von Helfern gestützt auf der Bühne der Lichterfelder Petruskirche Platz genommen hatte. Ein bisschen brüchig und heiser klingt seine Stimme. Wie die eines alten Blues-Sängers, angekratzt vom Leben. Aber immer noch so lebendig wie sein blitzender Geist.

Fritz Rau erzählt von seinem regen wie aufregenden Leben als Deutschlands wohl bedeutendstem Tourneeveranstalter, der über fünfzig Jahre lang Konzerte organisiert und seine Künstler auf geradezu väterliche Weise betreut hat: Jimi Hendrix, Rolling Stones, Bob Dylan, Joan Baez, David Bowie, Johnny Cash, Eric Clapton … um nur einige, ganz wenige von der endlosen Liste seiner Klienten zu nennen.

Mit freundlichen Augen hinter einer großen Brille schaut der alte Herr, dem breiten Hosenträger unterm Glencheck-Jackett hervorlugen, vom Lesepult auf sein jüngeres, aber auch nicht mehr ganz so junges Publikum im Saal: "Am Anfang war der Blues".

Und er erzählt, unter welch schwierigen Bedingungen er mit seinem damaligen Geschäftspartner und Freund Horst Lippmann 1962 die ersten amerikanischen Bluesmusiker nach Europa holte, um sie unter dem Motto "American Folk Blues Festival" bis 1982 regelmäßig und in wechselnden Besetzungen mit ihren unterschiedlichen Spielarten von ländlichem akustischem Country-Blues bis zu urbanem elektrischen Chicago-Blues durch europäische Konzertsäle zu schicken: Willie Dixon, John Lee Hooker, Sonny Terry & Brownie McGhee, Muddy Waters, Sonny Boy Williamson und und und. Musiker, die damals kaum jemand kannte, und die von  den älteren Jazz-Fans eher abfällig als "primitiv" beurteilt wurden, die aber bei den ganz Jungen erstaunlich enthusiastische Reaktionen hervorriefen.

Rau berichtet, dass er 1962 beim "American Folk Blues Festival" in Manchester einen Trupp verwegen aussehender junger Typen aus den Künstlergarderoben rausgeworfen habe. Jahre später habe er erfahren, dass es sich bei den jungen Männern um Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones gehandelt habe, die im selben Jahr ihre gerade gegründete Band nach einem Song von Muddy Waters benannten: "The Rollin' Stones".

Eine Menge Anekdoten hat Fritz Rau mit den Jahren angesammelt. Über "seine" Musiker, deren Fans, und das ganze Drumrum. Nachdem er sich aus dem Konzertgeschäft zurückgezogen hatte und plötzlich nicht mehr so recht wusste, was er nun mit seiner vielen freien Zeit anfangen sollte, hat er einige dieser Geschichten aufgeschrieben. 2006 erschien sein Buch: "50 Jahre Backstage – Erinnerungen eines Konzertveranstalters" (Palmyra Verlag).

Mit über 80 steht er nun selbst auf der Bühne und wird gefeiert wie ein Rockstar. In einer kurzweiligen Mischung aus freiem Vortrag und Lesung aus seinem Buch berichtet der alte Impresario von den Rolling Stones, von Eric Clapton und Joe Cocker. Sowie von seiner ersten Begegnung und späteren Freundschaft mit Jimi Hendrix. Von seiner großen Zuneigung zum privaten Jimi, dem er einmal während einer Essenseinladung sein schweres schwäbisches Lieblingsgericht aufgenötigt hatte, was dem Magen des höflichen Jimi umso schwerer zu schaffen machte. Und von seiner Bewunderung für den Künstler Hendrix, für dessen bahnbrechendes Gitarrenspiel.

Zwischen all den Geschichten und Kapiteln aus Leben und Buch Fritz Raus fungiert Biber Hermann trefflich als musikalischer Illustrator. In verschiedenen Open Tunings, mit und ohne Bottleneck, spielt der exquisite Singer/Songwriter aus dem Rheingau auf einer metallenen Dobro sowie einer Santa Cruz-OM-Akustikgitarre, zu kreischender Harmonica und angenehmer Bluesstimme, die nie in den sonst so verbreiteten Knödel-Blues abgleitet, gefühlvolle Interpretationen verschiedener Songs von Muddy Waters, Howlin' Wolf, Robert Johnson, der Rolling Stones und seinem eigenen herausragenden "Big Nothing". Mit einer sehr elegant rhythmisch pickenden rechten Hand bringt Biber Herrmann den Blues zum schwingen.

Nach zwei Stunden bester Unterhaltung stehender Applaus für Fritz Rau und Biber Herrmann.

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