Astrid Kirchherr : "Ich fotografiere ohne Kamera"

Astrid Kirchherr über die Beatles als Freunde, Jim Rakete und die "widerlichen Kerle" der Rolling Stones.

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Astrid Kirchherr.
Astrid Kirchherr.Foto: dpa

Frau Kirchherr, seit den frühen 60ern sind Sie als Hamburger Freundin der Beatles, als deren erste Fotografin und Stylistin Teil des Mythos. Stört es Sie nicht, wenn Ihr Name immer nur mit den Fab Four in Verbindung gebracht wird?

Ich bin von Anfang an sehr stolz auf meine Freunde. Für mich sind sie nicht die Beatles, sie sind meine Freunde. Besonders natürlich George, den ich sehr vermisse seit seinem Tod. Wenn man jemanden sehr lieb hat, wird man auch nicht müde, über ihn zu reden. Dass nun meine Freunde die Musiksensation des 20. Jahrhunderts geworden sind, dafür können wir alle nichts! Aber dass wir unsere Freundschaft gewahrt und gepflegt haben, das ist wichtig für mich. Ich werde nie müde, über ihre Begabung, über ihr außergewöhnliches Talent zu sprechen.

Mit Ihren Schwarz-Weiß-Fotos haben Sie einen ganz eigenen Stil geprägt. Warum haben Sie damals für immer aufgehört mit dem Fotografieren?

Ich war 22, 23 und habe die Fotografie geliebt. Das war mein Leben. Zu der Zeit waren die Beatles ja noch nicht bekannt. Als sie dann bekannt wurden, bin ich mit meinen alten Fotos zu Agenturen gegangen, ich hatte ja auch viele andere Fotos, nicht nur Beatles-Fotos. Aber die Leute haben über meine schönsten Porträts weggeblättert. Nur die Beatles haben sie interessiert. Da hab ich mir überlegt: sag mal, bist du wirklich begabt? Oder interessieren sich die Leute nur für meine Fotos wegen der Beatles? Das hat mich sehr verunsichert. Da hab ich beschlossen, mit dem Fotografieren aufzuhören.

Hat es Sie später nicht gereizt zu zeigen, dass Sie auch was anderes können als Beatles-Porträts?

Ich fotografiere heute noch ... ohne Kamera.

Sie meinen mit dem inneren Auge, mit dem Herzen?

Ja.

Was halten Sie denn von der modernen Fotografie heute? Datensätze, Pixel, Software!

Es gibt immer noch tolle, begabte Fotografen. Natürlich müssen sie mit der Zeit gehen. Es gibt junge Leute, die noch was spüren, wenn sie ein Gesicht sehen, und wenn sie dahinter schauen wollen, hinter die Maske. Solche Fotografen gibt es auch heute noch!

Der bekannte Berliner Fotograf Jim Rakete bedauert, dass die Fotografie durch Computertechnik und die entsprechenden Möglichkeiten der Bildbearbeitung längst nicht mehr die Fotografie ist, für die er sich ursprünglich begeistert hatte.

Trotzdem gibt es auch heute immer noch Fotos, die man ansehen kann. Jim ist ein außergewöhnlicher Fotograf. Er macht ganz tolle Fotos.

Das Cover der ersten Beatles-LP, wie sie in England erschienen ist, war ziemlich scheußlich - im Gegensatz zu ihren Fotos. Hätte es Sie nicht mal gereizt, ein Coverfoto für eine Beatles-Platte zu machen?

Nein! Als die erste Platte der Beatles erschien, war es für mich schon vorbei mit dem Fotografieren.

Sie haben wirklich nie wieder fotografiert?

Ich habe, weil George [Harrison] so genervt hat, einmal für seine LP "Wonderwall" ein Inner-Sleeve-Cover gemacht. Damals hab ich zu ihm gesagt, ich kann dich nicht fotografieren, ich hab keine Kamera. Da hat er gesagt: Astrid, ich brauch jetzt nur zu schnipsen, und du kannst dir aussuchen, was du für eine Kamera willst. In einer halben Stunde ist die hier! George hat mich gefragt, ob ich nicht wieder fotografieren wollte. Er würde mir ein Studio einrichten in London. Aber ich war immer noch so verunsichert und hab nein gesagt.

Ist Ihnen klar, wie sehr Sie andere Fotografen beeinflusst haben? Wie Ihre Arbeiten heute noch wirken? Dass Sie immer noch kopiert werden?

Das ist witzig, ja, aber ich finde das okay. Wer mich ja schon in den Sechzigern bis zum Erbrechen kopiert hat, war Dezo Hofmann...

...der nach Ihnen auch die Beatles fotografiert hat und später die Rolling Stones, Dusty Springfield...

...der hat meine Fotos genommen und hat seine dann exakt so aufgebaut wie ich meine. Aber das ist auch okay. Ich finde das nicht schlimm.

Woher kommt diese besondere Schwarz-Weiss-Ästethik? Vom französischen Film? Nouvelle Vague?

Ich hatte natürlich auch meine Vorbilder. Mein größtes Vorbild war mein Lehrer: Reinhart Wolf. Ich war an der Meisterschule für Mode [in Hamburg]. Ich wollte Modezeichnerin werden. Und dann hab ich Reinhart Wolf getroffen, der wunderschöne Fotos gemacht hat. Er war mein Idol. Reinhart war ein Ästhet ersten Ranges. Was Schwarz-Weiß-Fotografie betraf, hat er mir alles beigebracht.

Zum Beispiel?

Wie man Lichter setzt, wie man etwas dramatisch macht. Zum Beispiel habe ich nur mit Tageslicht fotografiert. Mein größtes Anliegen damals war, ihm zu gefallen. Was jeder will, der einen Lehrer hat, der ihm alles bedeutet. Und ich hab's auch erreicht. Er fand meine Fotos immer toll.

Was haben Sie denn gemacht, nachdem Sie aufgehört hatten zu fotografieren?

Eigentlich hab ich nie aufgehört, im Umfeld der Fotografie tätig zu sein. Ich war dann ganz viele Jahre Reinharts persönliche Assistentin. Dann hab ich mal Inneneinrichtung gemacht. Und war Stylistin beim Fotografen. Mode. Mit Fotografie hatte ich eigentlich immer was zu tun, ich hab nur nicht mehr selbst fotografiert.

Haben Sie Paul McCartney mal kürzlich im Konzert gesehen? Er spielt ja immer noch sehr viele alte Beatles-Songs. Wie wirkt das auf Sie, wenn Sie das heute hören?

Ach, Paul macht das immer toll!

...und die Rolling Stones?

Oh nee, diese widerlichen Kerle...

Die mögen Sie nicht?

Ich finde, es gibt so viele Dinge, die man tun kann, wenn man so viel Geld hat. Aber die müssen doch nicht wie die Figuren von "Spitting Image" da oben stehen. Auch bei Iggy Pop empfinde ich das so. Ich muss das nicht mehr haben! Ich finde es unästhetisch.

Gefällt Ihnen deren Auftreten nicht? Oder ist es die Musik?

Die Musik ist Klasse! Die war immer schon Klasse! Aber ich muss nun diese alten Herren da nicht mehr sehen, mit nacktem Bauchnabel. Nicht, wenn ich dafür Jamiroquai sehen kann!

Ich fand die Stones immer noch toll bei ihren letzten Konzerten. Oh, jetzt gucken Sie sehr angewidert...

...nee, furchtbar!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte H.P. Daniels

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Zur Person:

Astrid Kirchherr, 72, lernte durch ihren Freund Klaus Voormann 1960 in Hamburg die Beatles kennen. Sie verliebte sich in deren damaligen Bassisten Stuart Sutcliffe, der 1961 bei den Beatles ausstieg und bis zu seinem frühen Tod 1962 zusammen mit Kirchherr in Hamburg lebte. Kirchherr machte die ersten professionellen Fotos der Beatles, die sie 2003 noch einmal gesammelt in dem edel aufgemachten Bildband "When We Was Fab" (Genesis Publications) veröffentlichte.

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