Berliner Musiker : Meine Saite, deine Saite

Alban und Darius Gerhardt sind Brüder. Der eine ist Hardrocker in einer Bands, die sich selbst als „Schweinshaxe unter den Live-Bands“ bezeichnet. Der andere ist einer der meistgefragten deutschen Solo-Cellisten. Ein Gespräch.

Daniel Wixforth
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Zu zweit, aber nicht im Duett. Alban (links) und Darius Gerhardt im Garten ihres Zehlendorfer Elternhauses. -Foto: David Heerde

Wie viel Bildungsbürgertum, wie viel Kulturgut steckt eigentlich in einer Schweinshaxe? Die Frage muss Axel Gerhardt in letzter Zeit durch den Kopf gegangen sein. Seit über 40 Jahren ist er Mitglied der Berliner Philharmoniker, seit beinahe 20 Jahren Stimmführer der zweiten Geigen und nun das: Nicht nur, dass es da diese Rock-Truppe gibt, die sich selbst als „Schweinshaxe unter den Live-Bands“ bezeichnet und deren Mitglieder auf Fotos blutende Schweinsmasken tragen. Nicht nur, dass eben diese Band seit zwei Jahren in seinem Keller an ihrem ersten Album werkelt. Nein, es ist auch noch der eigene Sohn, sein Jüngster, der dabei als Frontmann von „For No One“ über die zerrenden Gitarren und das dreschende Schlagzeug ins Mikro singt – die kritischen unter den Zehlendorfer Nachbarn würden vielleicht sagen: Er schreit.

Dabei hatte die musikästhetische Erziehung, die alle fünf Kinder der Gerhardts eo ipso ab dem Wiegenalter empfangen haben, beim ersten Sohn noch die denkbar größten Früchte getragen: Alban Gerhardt ist 14 Jahre älter als sein hardrock-begeisterter Bruder Darius und zurzeit wohl einer der meistgefragten deutschen Solo-Cellisten. Während Darius die kleinen Clubs der Berliner Rockszene beschallt, reist Alban um den Globus. Im August führte er in der Londoner Royal Albert Hall vor 7000 Menschen ein Cellokonzert auf, das die südkoreanische Komponistin Unsuk Chin für ihn geschrieben hat. Viel Zeit für geschwisterlichen Kontakt bleibt da nicht, zumal im Gespräch schnell deutlich wird, dass beide nicht nur geografisch oft in unterschiedlichen Welten leben.

"Wir haben eine gute, keine enge Beziehung“

Beim Treffen im Haus der Eltern sehen sich die Brüder seit längerer Zeit einmal wieder, begrüßen sich herzlich aber kurz, tauschen nur das Wichtigste aus. „Einen gemeinsamen Alltag kennen wir gar nicht. Wir haben eine gute, keine enge Beziehung“, erklärt Alban. Als er 1988 das Elternhaus verließ um Cello zu studieren, war Darius gerade vier. Alban ging damals in die USA, startete eine Senkrecht-Karriere: „Ich war und bin ein Stubenhocker, bin auch in New York nicht in Clubs gegangen, habe mich nie wirklich für Pop- oder Rockmusik interessiert. Das ist mir alles zu laut.“ Nur Sting findet er „ganz ok“.

Ehrlich klingt es, und wenig spießig, wie der Klassikstar das so sagt. Und trotzdem: Sting? Wenn Darius daraufhin einwirft, er habe sich schon früh an den Klamotten und der No-Future-Mentalität eines Kurt Cobain orientiert, fällt es schwer zu glauben, dass hier zwei Abkömmlinge derselben Familie sitzen. Nur allzu passend, dass auch die Vergangenheitsbetrachtungen auseinanderdriften: Als „Frage der Zeit“ deutet Alban die unterschiedlichen Lebenswege der Brüder. Wie in vielen Familien seien eben auch im Hause Gerhardt die pädagogischen Zügel beim jüngsten Kind anders geführt worden als beim ersten Sohn.

Darius bricht aus dem Familien-Denken aus.

Darius reicht das als Grund nicht aus. Auch er habe mit vier Jahren Geige, das Instrument des Vaters, ausprobieren müssen, danach Klavier gespielt und als Trompeten-Jungstudent sogar Preise bei Jugend musiziert gewonnen. „Wenn man aber bei den Lehrern nur als ein weiteres der musikalisch genialen und dazu strebsamen Gerhardt-Kinder wahrgenommen wird, kommt irgendwann der Punkt, an dem es reicht.“ Bei Darius kam dieser Punkt mit 16. Er wechselt die Schule, lernt E-Gitarre als Autodidakt. „Wir sind ein Philharmoniker-Haushalt. Zu Hause wurde nur Klassik als wirkliche Kunst akzeptiert. Alles andere war bloße Unterhaltungsmusik.“ Aus diesem Denken bricht Darius aus. Es kommt zu Konflikten des jungen Grunge-Liebhabers mit den bildungsbürgerlichen Eltern – nicht nur aufgrund der Musik, auch in Sachen Kleidung, Sprache, Weltanschauung. Der große Bruder als potenzieller Vermittler ist nicht da, existiert höchstens mal in Form eines Zeitungsportraits.

Die Band mit den Schweinsmasken gibt es nun seit acht Jahren, sie ist ein Produkt dieser für Darius schwierigen Zeit. Nach der oft dunklen Musik progressiver Metal-Bands klingt sie, ein bisschen wie die amerikanischen Deftones. „Der Name For No One bedeutet nicht, dass wir Musik für niemanden machen wollen“, sagt Darius. Im Mittelpunkt aber steht die Kunst – und nicht die Frage, ob es Leuten von außerhalb, zum Beispiel den Eltern gefalle. Dennoch will die Band Menschen erreichen und irgendwann mit der Musik auch Geld verdienen. Den Grundstein dafür soll das Debüt-Album legen, das auf der Myspace-Seite der Band zu bestellen ist. Weil kommerzielle Erfolge wie die des Bruders bisher ausblieben, studiert Darius im normalen Leben Erziehungswissenschaften und arbeitet als Einzelbetreuer eines behinderten Jungen. Der Job mache ihm Spaß, Neid auf die Karriere von Alban gibt es nicht, versichert er. Man nimmt ihm das sofort ab. Zu unterschiedlich sind die brüderlichen Vorstellungen vom Leben mit, und von Musik.

Auf ein Konzert von Darius hat es Alban Gerhardt bis jetzt noch nicht geschafft und auch zur Record Release- Party des ersten „For No One“-Albums am Donnerstag war er nicht da. Er musste in Amsterdam proben, mit dem Concertgebouw-Orchester. In die CD aber hat der große Bruder schon reingehört und attestiert dem kleinen großes kompositorisches Talent. „Allerdings höre ich Darius’ Musik immer deutlich leiser als er selbst“, fügt Alban schmunzelnd hinzu.

- Infos unter:
www.albangerhardt.com und www.myspace.com/fornooneberlin

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