Cäthe im Interview : "Ich bin einfach Cäthe und singe meine Lieder"

Anfänglich noch als Geheimtipp gehandelt, ist Catharina Sieland alias Cäthe inzwischen für viele neue Hoffnungsträgerin der deutschsprachigen Popmusik. Heute Abend spielt sie im Astra Kulturhaus.

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Foto: Thorsten Dirr/ DEAG music

In vielen Pressetexten bekommt man das Gefühl, als könnten Sie es niemandem Recht machen. Im Musikgeschäft als „das neue Ding“ gepriesen zu werden, bringt mit sich, – scheinbar bei Frontfrauen besonders – dass gezielt nach Fehlern gesucht wird.

Ja, genau. Ich habe schon immer das Problem gehabt, dass mich die Leute scheinbar missverstehen wollen, weil ich das Bedürfnis habe, viele Persönlichkeiten rauszulassen. Ich denke, dass sich das nicht richtig auf den Punkt bringen lässt. Ich will das auch nicht. Aber ich leide natürlich auch darunter. Wenn ich etwas lese, dass einfach nur irgendetwas ankratzt und sich jemand eigentlich gar nicht richtig damit beschäftigt, was ich mache, bin ich natürlich traurig und darf mir das dann nicht so zu Herzen nehmen. 

Sie werden gern auf Ihre Reibeisenstimme reduziert und mit stimmlichen „Vorläuferinnen“ gleichgesetzt. Der Vergleich reicht von Annette Humpe bis Gianna Nannini. Gibt es Vorbilder für Sie?

Meine eigentlichen Vorbilder sind jetzt keine musikalischen. Es sind starke Persönlichkeiten. Das hat auch nichts mit „Frauenpower“ zu tun oder sonst was.  Es hat sich einfach im Laufe der Jahre so entwickelt. Ich habe angefangen, als kleines Mädchen unheimlich gerne Folksänger zu hören, also amerikanische Volksmusik eigentlich, Country und Blues. Das hat mir immer sehr gut gefallen. Dann kam die Hippieära dazu. Und Punk. Ich habe dann gemerkt, dass das, was aus mir heraus will, so einen Druck hat. Dass das eine Explosion ist und ich dafür eine Sprache, einen Ausdruck finden muss. Wenn sich das nun anhört, wie manch andere Sängerin das auch tut, ist das ja nicht verwerflich. Ich finde es immer wieder ein bisschen schade, vor allem in Deutschland, dass es immer gleich so ist, dass man verglichen wird mit irgendetwas anderem. Mit anderen Facetten, als hätte man nicht genug Fantasie.

Dem gerecht zu werden, ist vor allem schwer. Besonders als junge Band wird man doch immer gleich an den Granden gemessen.

Ich habe da schon ein bisschen mehr Rückgrat. Ich habe Musik jetzt schon einige Jahre auch nur für mich gemacht und eine gewisse Selbstsicherheit entwickelt. Aber ich bin natürlich auch ein sensibler Mensch und nehme das irgendwie wörtlich. Und finde es ein bisschen traurig, dass es immer wieder so einseitig gesehen werden muss, damit das irgendwie in eine Schublade passt.

Die fast poetische Kurzvita Ihrer Webseite verströmt eine Art „Kleinmädchen-Romantik“ zwischen Rabaukentum und Selbstfindungstrip. Hört man Ihre Texte, ist da eher diese reife und ungebändigte Kraft, die zwischen Sinnlich- und Verletzbarkeit und dieser Priese selbstbewusster Rotzigkeit schwankt.

Ich habe lange dafür gebraucht, all diese Seiten in mir zu akzeptieren und dazu zu stehen. Und nicht zu sagen, „Guck mal, die wollen jetzt die Punklady sehen, eine starke Frau“ oder „Die wollen mal was Zartes, dass Du Dich preisgibst und Dein Innerstes nach außen kehrst.“ Ich bin daran oft gescheitert, dass Leute immer schnell etwas haben und festhalten und sich damit identifizieren wollen. Ich merke, ich bin viel mehr als das. Ich habe viele, viele Seiten, die zusammengehören. Ich möchte das auch so leben und nicht eingesperrt werden.

Sie erzählen immer wieder ganze Geschichten in Ihren Songs. Sind Ihre Texte eine Art Seelenstrip, biografische Selbstbewältigung, oder ist das rein fiktiver Sinnweiser?

Das ist vielschichtig. Ich merke, ein gutes Gedicht ist nicht gleich ein guter Liedtext. Daran scheitere ich manchmal. Ich denke „Ah, der Satz ist toll.“, aber bringe ihn einfach nicht im Lied unter. Ich merke, ich liebe es einfach, etwas zu erschaffen. Etwas, das Nachhaltigkeit in sich trägt, mich aber auch widerspiegelt. Etwas, was mich an mich selbst erinnert und an welchem Punkt ich gerade bin in meinem Leben. Ich denke, dass da auch immer eine Art Selbstanalyse dabei ist, aber auch der Wunsch, sich davon zu lösen.

Ihr Album lebt von dieser gewissen Aufbruchsstimmung. Wie rastlos sind Sie?

Ich glaube, mit Anfang Zwanzig war ich der rastloseste Mensch, den man sich vorstellen kann. Ich bin schon ein Mensch, der irgendwie hungrig ist auf Austausch. Ich suche schon irgendwo eine Wahrheit und nach einer Beständigkeit. Aber ich glaube, dass sucht jeder heutzutage. Weil alle so viele Möglichkeiten haben und soviel sein können. Und dadurch aus den Augen verlieren, was sie sind. Das ist natürlich toll in unserer heutigen Zeit, aber auch der Nachteil. Das macht uns rastlos. Zumindest meine Generation, denke ich. Mittlerweile bin ich nicht mehr so rastlos, weil ich merke, dass ich Musik machen möchte. Ich traue mir das zu und glaube mir das. Das war ein großes Thema viele Jahre: Glaube ich mir, was ich sage? Wenn man in die Öffentlichkeit geht, hat man Verantwortung zu tragen, wie man etwas sagt und was man sagt. Oder, ob man dazu steht. Weil ich mich nicht einreihen möchte in etwas, was mir selbst nichts gibt.

Es wird immer wieder betont, dass Sie zwar autodidaktisch angefangen haben, sich später aber akademisch (Rock-Pop-Jazz-Studium an der Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl) mit Musik beschäftigt haben.

Ich finde, dass steht einem auch ganz oft irgendwie im Wege. Es gibt viele Musiker, die alle möglichen Dinge beherrschen, das ABC, wie man ein Lied schreibt. Aber es fehlt das eigenständige Gefühl dazu, die eigene Geschichte. Ich denke, die kann man nur aus sich selbst heraus erzeugen. Indem man wirklich so ganz naiv rangeht.

Sie haben dennoch enorm fundiertes Rüstzeug. Wie viel Intuition, reines Bauchgefühl, wie viel theoretisches "Handwerk“ steckt in Ihren Arrangements? Was wägen Sie ab?

Ich setze mich hin und lasse mich einfach treiben. Ich habe dann schon einige autistische Züge an mir. Ich verliere mich regelrecht in meiner Musikwelt und sammle auch viel. Ich gehe sehr intuitiv heran und mache vieles über das Gehör und halte das fest, damit die Jungs das dann reproduzieren können. Ich weiß dann eigentlich nicht so genau, was ich letztendlich überhaupt gemacht habe. Ich kann das nur erfühlen und sagen: „Nee, ich habe das so und so gemeint.“ oder „Wir müssen das noch mal anders angehen.“ Ich merke aber durch die Jahre, dass das total wichtig war für mich, mich selbstständig zu entwickeln. Dass ich meine Ideen, meine Liedtexte, meine Arrangements so weit entwickle, damit das Musiker nicht mehr falsch verstehen können. Dass die Lieder komplett sind, dass sie ihre Aussage haben und ihren Sound und diese Stimmung dann reproduziert werden muss. Ich rede sehr metaphorisch und bildreich, wie ich mir das vorstelle und in welche Richtung das gehen muss. Und da habe ich inzwischen auch ein Gespür entwickelt, wie ich am besten mit den Jungs kommuniziere. Weil ich gerade nicht diese Musikersprache habe. Also nicht „Ich möchte da jetzt mal ein F#-Dur haben!“, sondern „Ich brauche da eine andere Art von Spannung, ich muss da loslassen können.“ Da gibt es mehrere Ebenen, wenn ich mit den Jungs darüber kommuniziere.

Wie ist das, wenn man von der einstigen Stuhlabbeizerin plötzlich als Support für Bryan Adams gebucht wird, zu Gast in TV-Sendungen ist?

Gestern hat jemand zu mir gesagt, „Das klingt irgendwie, wie in einem Märchen bei Dir. So, vom Tellerwäscher zum Millionär.“ Da habe ich gesagt, dass ist ja nicht so. Das geht ja Schritt für Schritt. Ich lebe jeden Tag sehr intensiv. Es geht ja sehr langsam. Ich habe nie etwas bereut. Ich werde jetzt aber nicht jedem sagen, mach das jetzt alles so und so. Es gab ziemlich viele harte Tage. Und ich bin auch durch Krisen gegangen, einfach weil ich ein sehr selbstkritischer Mensch bin, viel von mir verlange. Ich habe das auch irgendwann einfach für mich akzeptiert und losgelassen. Erst dann ging es mir richtig auf.

Letztendlich wirkt das bei Musikern größtenteils so: Sie kommen scheinbar aus dem Nichts. Heute kennt sie noch keiner, morgen, teils weil ein Management einfach gute Promotion macht, kennt sie plötzlich jeder.

Ja, genau. Es ist ja nicht so, dass, wenn Ina Müller sagt „Cäthe ist die beste Sängerin Deutschlands“, bin ich das dann auch gleich. Ich bin weit davon entfernt. Ich mache mein Ding und versuche, Menschen anzusprechen. Aber die Menschen glauben zu schnell zu viel, habe ich das Gefühl. Man muss entdecken. Musik ist so kostbar und jeder muss sie für sich selbst entdecken. Deswegen bin ich auch immer sehr kritisch mit dem Business, was da drunter steht, wie man was verkauft. Ich bin da ganz behutsam herangegangen, weil ich weiß, dass man bei dem, was ich mache, unheimlich schnell viel hineininterpretieren kann. Dem wollte ich eigentlich immer aus dem Weg gehen. Aber das kann man natürlich nicht. Das kann man sich ja nicht aussuchen. Ich bin natürlich dankbar für das Kompliment, das Ina Müller gemacht hat. Aber ich bin ja trotzdem Cäthe. Cäthe, die auf die Bühne geht und singt. Ich bin keine schlechte Sängerin, ich bin keine gute. Ich bin einfach Cäthe und singe meine Lieder.

Cäthe spielt am 28.3. im Astra Kulturhaus

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