Chez Chérie : Die lauteste Wohnung der Stadt

In der Sonnenallee lebt ein Paar zwischen Gitarren, Klavieren und Mischpulten. Besuch eines magischen Ortes in Neukölln.

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Der Aufnahmeraum des Chez Chérie.
Der Aufnahmeraum des Chez Chérie.Foto: Paul Zinken

Zwischen Wohnzimmer und Aufnahmeraum haben sie zwei Schallschutztüren eingesetzt, und solange beide wirklich geschlossen sind, hört man drüben auf der Couch praktisch gar nichts, sagt der Mann mit dem Vollbart. Außer, die Band heißt Beatsteaks, dann nützen Schallschutztüren wenig. Die Beatsteaks sind einfach zu laut.

Der Mann weiß genau, wie es klingt, wenn die Beatsteaks aufdrehen. Er bekam alle Songs ihres letzten Albums vorgespielt, und zwar ein Jahr, bevor die CD veröffentlicht wurde und auf Platz eins der Charts stieg. Jetzt lehnt er mit dem Rücken an der Spüle und bietet schwarzen Tee an. Wer sich bedankt, ein Herz fasst und zurückfragt, was er eigentlich schon vor einer Dreiviertelstunde hätte fragen wollen, nämlich wie der bärtige Mann denn nun angesprochen werden möchte, erhält die freundliche Antwort: Bitte mit meinem Künstlernamen.

Na gut. Also dann: Nackt.

Irgendwo scheppert ein Schlagzeug, doch Nackt sagt, das Geräusch komme ausnahmsweise nicht aus dem Nebenraum, sondern eine Etage tiefer aus dem Erdgeschoss. Dort hat der Musiker Ketan Batthi sein Studio und vermutlich wieder das Fenster zum Hof offen gelassen. „Egal“, sagt Nackt. „Wir geben uns gegenseitig Bescheid, sobald es nervt.“

Von der Spüle aus überblickt Nackt das gesamte schlauchförmige Wohnzimmer: die offene Küchenzeile, die Couchgruppe am Fenster, drüben links den Esstisch und dahinter einen Berg Technikgerümpel. Ganz links an der Wand steht ein Klavier, eines von sieben in der Wohnung. Willkommen im Chez Chérie.

Lauter wohnen
Chérie und Nackt leben im Tonstudio Chez Chérie.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Paul Zinken
20.04.2012 16:28Chérie und Nackt leben im Tonstudio Chez Chérie.

Es ist einer dieser magischen Orte in Berlin, von deren Existenz auf Partys berichtet wird, die aber viel zu verrückt klingen, um tatsächlich zu existieren. Auf dem nordwestlichen Abschnitt der Sonnenallee, neun Gehminuten vom Hermannplatz entfernt, zwischen Handyladen und Schawarmagrill, findet sich das kleine Klingelschild. Durch die Toreinfahrt in den zweiten Hinterhof, an angeketteten Fahrrädern und dem Grillplatz vorbei, links die Treppe hoch durch einen gefliesten Flur, bis hoch zu der Tür im ersten Stock, wo ein gezeichneter Fisch von der Wand starrt.

Wer eintritt, stutzt zunächst über den künstlichen Efeu, der von der Decke hängt. Dann über die Weite des Raumes. Und dann über das Lächeln, das Chérie gehört. Nackts Freundin. Seit zehn Jahren leben sie hier. In einem Tonstudio. Beziehungsweise: in ihrer 200 Quadratmeter großen Loftwohnung, die gleichzeitig als Tonstudio genutzt wird. Es gibt bloß drei Hausschlüssel, einen davon haben sie ständig verlegt. Den zweiten müssen sich Nackt und Chérie teilen, weil der dritte jeweils an die Band geht, die hier gerade ein Album aufnehmen will.

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