Die Ärzte in der Wuhlheide : Ist das noch Punkrock?

Vielleicht nicht die beste, aber die fairste Band der Welt: Die Ärzte treten gleich dreimal in der ausverkauften Wuhlheide auf - und machen am ersten Abend solide Musik für den Mainstream.

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Trommeln für Tausende. Ärzte-Drummer Bela B. in der Wuhlheide. Am 17., 18. und 19. August tritt die Band drei weitere Male in der Waldbühne auf.
Trommeln für Tausende. Ärzte-Drummer Bela B. in der Wuhlheide. Am 17., 18. und 19. August tritt die Band drei weitere Male in der...Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die coolen Kids sind das hier nicht. Die coolen Kids sind an diesem Freitagabend beim letzten Berliner Konzert der IndieBand Superpunk im Festsaal Kreuzberg. Hier an der Kindl-Bühne in der Wuhlheide trägt man H & M und die Luftgitarre zum Jack-Wolfskin-Anorak. Hier, beim Konzert der Berliner Band Die Ärzte, dem ersten von drei ausverkauften Terminen im Rahmen der „Das Ende ist noch nicht vorbei“-Tour, geht es gesittet zu: Wenn ein Arzt kommt, steht man auf. Das klappt zum ersten Mal, als Bassist Rod González um kurz vor halb acht auf die Bühne kommt, um die Rapper von K.I.Z. anzusagen – die einzigen, die an diesem Abend mit ihrer Mischung aus Elektro und ironisiertem Porno-Rap etwas Ähnliches wie Gefahr ausstrahlen.

Es klappt auch, als eine Stunde später nach länglichem Intro vom Band und immer wieder unterbrochenem Countdown – Die Ärzte sind Meister des Spannungsaufbaus – schließlich der rote Vorhang fällt und 15 000 Fans ihrer „besten Band der Welt“ ansichtig werden. Die wäre nicht sie, also auch im hohen Punkalter von im Schnitt 47 Jahren vergleichsweise unpeinlich, wenn sie nicht sofort den passenden Kommentar abgeben würde: „Ist das noch Punkrock“, wird da mit dem ersten Lied des aktuellen Albums „Auch“ gefragt – „wenn euer Lieblingslied in den Charts ist?“ Die Fortsetzung dieses Metadiskurses folgt drei Stunden später in der Zugabe, mit „zeiDverschwÄndung“, letzter Song von „Auch“ und aktuelle Single: „Es gibt so viel zu sehn, es gibt doch so viel zu lernen. Hast du nichts Besseres zu tun, als noch die Ärzte zu hörn?“

Was dazwischen geschieht, weist die Selbstzweifel natürlich als Koketterie aus: Man ist – wenn auch nicht für jeden Erdenbürger beste Band der Welt – eine richtig gut aufgelegte Liveband. Das Repertoire ist breit, der Zugriff darauf sicher, die nicht zuletzt mit gelungenen Visuals erreichte Steigerung beständig. Die Ärzte sind auch eine der fairsten Bands der Welt: Bei aller Ironie werden die Klassiker bis zurück zu „Westerland“ pflichtbewusst und fast ohne Mätzchen zu Ende gespielt.

Das alles erklärt freilich weder das vierte Nummer-1-Album in Serie noch die Hingabe der Massen. Die hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Band untereinander so wenig Extravaganzen duldet. Rod González, im schicken Zweiteiler erschienen, wird dafür von den Bandkollegen als „16. Beatle“ diffamiert. Während solchermaßen das Normalsein mit Worten zelebriert wird, hebt ganz unauffällig der weit überdurchschnittliche Output einer melodiestarken Punkpopband mit umfangreichem Hymnenrepertoire das Selbstbewusstsein des Publikums.

Mehr als gute Laune lässt sich dabei allerdings kaum mitnehmen: Ärzte-Texte lassen sich auch 30 Jahre nach der Bandgründung noch leicht herunterbrechen. Geschichten werden kaum erzählt, stattdessen wird – wie im Radio-Hit „Junge“ – in knappen Szenen der Konflikt zwischen den Anderen (Eltern, Gesellschaft, Nazis) und der eigenen (vermeintlich unangepassten) Gruppe beschworen. Dazu ein paar aufmunternde Worte („Du bist immer dann am besten, wenn’s dir eigentlich egal ist“) und ein paar vage politische Appelle („Geh’ mal wieder auf die Straße, geh' mal wieder demonstrieren!“), und fertig ist ein Abend, den jeder im Frieden mit sich selbst beschließen kann. Das ist nicht aufregend und nicht mehr neu. Indes: Ein Land, dessen Normalos sich einer solchen begabten, witzigen, freundlichen und vor allem unterhaltsamen Band verschreiben, kann so schlecht nicht sein.

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