Feeling B : „Nur so aus Langeweile“

Feeling B sind die Keimzelle von Rammstein. Flake Lorenz veröffentlicht jetzt den Nachlass.

Kai Müller

BerlinWeil Aljoscha mal wieder nicht da ist, setzen sich Flake und Paul auf die Treppenstufen eines heruntergekommenen Wohnhauses in Prenzlauer Berg und warten. Paul hat seine Gitarre dabei. Er spielt Flake ein Lied vor, dass er sich ausgedacht hat. Lange, verzerrte Dur-Akkorde wie sie bei AC/DC üblich sind. Flake singt dazu: „Grün und Blau, du weißt genau, s’ ist so bequem, so angenehm.“ Flake ist ein schlechter Sänger. Er weiß das auch. Dass der Text keinen Sinn ergibt, stört ihn nicht, nur Aljoscha, als der endlich auftaucht. Aljoscha kann zwar auch nicht gut singen, aber als Sänger von Feeling B hat er das letzte Wort. So bleibt „Grün & blau“ ein Privatprojekt von Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz und Gitarrist Paul H. Landers. Sie nehmen den Treppensong 1983 auf und vergessen ihn wieder.
So wäre es geblieben, wenn Flake Lorenz nicht von einer nostalgischen Anwandlung gepackt worden wäre. „Ich hatte im Keller die alten 24-Spur-Bänder aus dem Nachlass“, erzählt der hagere, schüchterne Mann mit dem stoischen Gesicht. „Ein Freund sagte mir, dass die Orwo-Bänder nach zwanzig Jahren schlecht würden. Die Magnetschicht löst sich ab. Ich hab’s gemacht wie ein Arzt: Wenn man den Patienten liegen lässt, stirbt er, wenn man operiert, kann er sterben.“ Der Musiker ließ das DDR-Material „aufbacken“. Die Tonbänder werden dabei drei Tage lang in einen Ofen gelegt und auf 60 Grad erhitzt. Dadurch haften die Magnetpartikel besser. Aber man kann sie nur noch ein einziges Mal abspielen.

Das Resultat ist jetzt in einer liebevoll gestalteten Buch-CD veröffentlicht worden. „Grün & Blau“ - so der Albumtitel – versammelt neben Privatfotos, Erinnerungstexten und Fundsachen all jene Feeling-B-Songs, mit denen die Band Anfang der Neunziger ihre vierte Platte bestücken wollte. Sie wurde nie fertig. Feeling B zerfiel und Aljoscha Rompe starb im Jahr 2000 an einem Asthmaanfall.
Heute sind Feeling B ein Mythos: eine Band aus dem „Hinterzimmer der DDR“, die es gar nicht geben durfte und die trotzdem offiziell eine Platte machen konnte. Kurz danach gab es die DDR nicht mehr. Das hat Feeling B nicht gewollt. Aber zwanzig Jahre nach der Wende ist das Trio eine auch im Westen akzeptierte Größe, die von der ostdeutschen Pop-Geschichte übriggeblieben ist. Vor fünf Jahren erschien eine umfangreiche 450-seitige Monografie („Mix mir einen Drink“). Die Band habe den „Soundtrack für die untergehende DDR“ geliefert, heißt es darin. Sie wurde in Paris von Mitterand empfangen. Aber noch wichtiger wurde sie als Keimzelle von Rammstein. Flake Lorenz, Paul Landers und auch der zeitweilige Feeling-B-Trommler Christian Schneider traten der Formation 1993 bei. Wobei sich Flake lange streubte. Feeling B seien unschuldig und lustig gewesen, sagte Kompagnon Landers einmal in einer Fernseh-Dokumentation, Rammstein dagegen seien schuldig und nicht lustig.

Es ist ein Rätsel, wie sich das düster-brachiale Rammstein-Vokabular aus dem anarchischen Fun-Punk von Feeling B entwickeln konnte. Dieser Schritt verstörte damals viele Freunde. „Grün & Blau“ macht den gleitenden Übergang jetzt hörbar. Während Songs wie „Dufte“, „Keine Zeit“ und „Wieder keine Zeit“ von 1989 noch atemlos, witzig und leichtfüßig daherkommen, setzt sich 1992 die erdige, metallische Schwere von Landers Riff-Bulldozern durch. „Wir dachten, Schnelligkeit ist Energie“, erklärt Flake die Verwandlung. „Aber das war ein Trugschluss. Die Noten konnten sich gar nicht entwickeln in dem Sumpf.“ Rammstein sollten daraus ihre Schlüsse ziehen.
Auch Flake hat jetzt noch einmal versucht, frühere Fehler nachträglich zu korrigieren. Den notorisch dünnen Sound des Amiga-Studios hat er am Mischpult überarbeitet. Dass Feeling B dazu neigten, Arrangements in kühner Sprunghaftigkeit umzuwerfen, ließ ihn nun manche Ad-hoc-Entscheidung rückgängig machen. Jetzt, sagt er, sei „alles wieder so, wie es ursprünglich gemeint war.“

Nicht zufällig sitzt Flake ganz allein am kahlen Konferenztisch der Plattenfirma und fährt suchend mit seinem dünnen Finger über das Menü eines Bringdienstes. Landers hält von der Archäologen-Arbeit seines Wegbegleiters wenig. „Der macht da nicht mit. Seine Zustimmung hat er widerwillig erteilt“, erklärt Flake. Denk dir ein Lied aus, wenn du eins machen willst, lautete Landers’ Rat. Aber Lorenz ist nicht der Typ dafür. Freunde sagen über ihn: „Er hält gern an Altem fest, will nichts Neues“. Was Lorenz nicht abstreitet. „Ich hab’s gemacht, weil es die alten Zeiten sind. Das habe ich von meinem Vater. Mein Keller ist voller Müll, den ich nicht wegschmeißen kann, und mein T-Shirt trage ich seit zwanzig Jahren. Es fällt mir schwer, mich zu einer Veränderung durchzuringen“, sagt er, „das hält mich von vielem fern.“

Allerdings gibt es gute Gründe, sich an Feeling B zu erinnern. Daran, wie Flake als 16-jähriger Knabe von seinen Eltern eine Heimorgel geschenkt bekam und vom Fleck weg engagiert wurde. Wie sie das schwere Orgelmöbel zu viert auf die Straße schleppten und nicht weiter kamen. Wie sie 1982 am Strand von Hiddensee probten, die Verstärker batteriebetrieben, die Wellen der Ostsee als ihr erstes Publikum. Wie er sich von Aljoscha, der als Stiefsohn des ZK-Funktionärs Robert Rompe einen Schweizer Pass besaß, das gleiche Casio-Keyboard aus dem Westen mitbringen ließ, das er bei Stephan Remmler von Trio gesehen hatte. Wie er das Instrument abbezahlte, indem er jahrelang nur die Hälfte seiner Gage erhielt. Wie sie am Wochenende über die Dörfer zuckelten, um in Gaststätten aufzutreten und sich zu betrinken. Sie waren wie Narren, denen man entsprechende Freiheiten gewährte. Zuweilen traten sie in futuistischen Narrenkostümen auf, einmal sogar nackt. Noch heute wundert sich Flake, wie weit sie gehen konnten, ohne dass etwas passierte. Stasi-Spitzel gab es auch in ihrem Umfeld. Nach Durchsicht seiner Akte meint Flake: „Was ich dort gelesen habe, ist bodenloser Unfug. Davon stimmt nichts, als hätte jemand mit Absicht eine falsche Spur gelegt.“ Dass bei einer illegalen Party alle Organisatoren außer ihm verhaftet wurden, ohne dass sein Name irgendwo erschien, zeigt, dass es da noch eine andere Mauer gab.
Flake ist ein stiller, lethargischer Typ. Rammstein hat ihn berühmt und reich gemacht. Am liebsten geht er zu Fuß durch sein Viertel. Unerkannt. Bei Feeling stand immer Aljoscha im Zentrum, ein Fixstern der Ostberliner Subkultur. Er war beinahe zwanzig Jahre älter als Flake – hohe Denkerstirn, Lederhose und breiter Gürtel. Dass er sich in der Enge des Sozialismus an keinerlei Konventionen hielt, zog die Jüngeren sofort in seinen Bann. „Ich habe ihn sehr dafür bewundert. Er war eine Art Vaterfigur“, sagt Flake.

Aber was zunächst ein Segen war, wurde bald zum Fluch. Flake: „Feeling B war gar keine richtige Band. Wir gingen zwar auf die Bühne und machten Musik, aber wir gründeten uns nicht in der Absicht, ernsthaft zu proben und erfolgreich zu werden. Wir wollten nur zusammen spielen.“ Das Resultat: eine endlose Party, die immer dort stattfand, wo Aljoscha sich gerade aufhielt. Drei Adressen sind verbürgt: Fehrbelliner Straße 7 und 9 sowie Schönhauser Allee 5. In der „Fehrbelliner 7“ probte die Band zunächst auf dem Dachboden. Sie machte sich nicht die Mühe, den Raum zu isolieren. Im Sommer war es unter den Schindeln so heiß, dass sie die Fenster aufmachen mussten. Den Lärm habe man straßenweit gehört, sagt Flake. Als sie in den Keller umzogen, war es immer noch laut. Flake und Paul Landers bezogen zwei Häuser weiter eine eigene WG. Selten brachten sie Konzerte regulär zu Ende - mit Applaus und Abgang. Denn Aljoscha war entweder zu betrunken, um weiterzusingen. Oder er verwandelte den Auftritt in ein sozial-chaotisches Happening.
Die „Schönhauser 5“ war ihr letztes Domizil. Aljoscha hatte das Haus in den Wendewirren besetzt und eröffnete einen Club, den Piratensender „Radio P“ und begab sich monatelang auf Reisen. Zurückgekehrt, spielten ihm die anderen beiden ihre neuen Songs vor. Aber Aljoscha mochte deren kühle Härte nicht. Und da alles schon fertig war, fühlte er sich übergangen. Er sang nicht Lieder, die andere geschrieben hatten. Da zeigte sich, dass Aljoschas mitreißender Ego-Trip, der ihn Einsätze verpassen und immer aus dem Takt geraten ließ, der ihn zum Motor gemacht hatte, zur Belastung geworden war.

Es war nicht mehr lustig, im Osten zu leben. Flake, der Werkzeugmacher gelernt hatte, schlug sich mit ABM-Jobs durch. „Wir saßen rum und nichts passierte“, erzählt Flake, „Aljoscha kam oder er kam nicht.“ In dieser Situation entstand der Song „Langeweile“, in dem Flake behauptet, dass alle großen Erfindungen „nur so aus Langeweile“ entstanden seien. In „Herzschrittmacher“ breiten sich Tod und Düsternis aus. In der Flugzeugkatastrophe von Ramstein finden Landers & Co das perfekte Bild für ihren Frust: Unterhaltung ist nur als Desaster zu haben. Die Jahre des Chaos an der Seite Aljoschas und in einem soch auflösenden Staat hinterlassen Spuren. Rammstein ist das Gegenteil von Chaos.

„Grün & Blau“ ist bei Motor Music erschienen. Der CD mit 13 Stücken ist ein Buch mit zahlreichen Fotos und Texten begefügt, 160 Seiten, 20,99 €.

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