Interview : Solomon Burke: ''Lass uns bei dir zu Hause anrufen!''

Soulstar Solomon Burke tritt am Samstag im Admiralspalast auf. Mit dem Tagesspiegel sprach er über Country-Musik, sein Comeback und Barack Obama.

Solomon Burke
Solomon Burke tritt im Admiralspalast auf. -Foto: dpa

Mister Burke, in den sechziger Jahren ...

Oh, Sie erinnern sich an die Sechziger? Gratuliere!

... in den sechziger Jahren haben die Rolling Stones Ihre Hits „If You Need Me“, „Everybody Needs Somebody To Love“ und „Cry To Me“ gecovert. Viele schwarze Musiker fanden damals, diese weißen britischen Jungs hätten ihre Musik geklaut. Sie waren anderer Meinung.

Absolut. Ich hätte mir gewünscht, dass es noch mehr solcher weißen Jungs gegeben hätte, die meine Songs aufnahmen. Es geht doch darum, dass man gehört wird und die Musik von den unterschiedlichsten Menschen aller Nationalitäten, Hautfarben und Religionen um die Welt getragen wird. Das Geheimnis ist die Botschaft, die wir als Musiker überbringen: Verständnis, Hoffnung, Liebe, Frieden. In einer Zeit, in der das Wasser nicht mehr sauber ist und uns langsam die Rohstoffe ausgehen, müssen wir den Weg gemeinsam gehen: „Everybody Needs Somebody!“ Ich möchte Ihnen keine Predigt halten, aber manchmal packt mich einfach die Begeisterung. Zum Beispiel wenn ich daran denke, dass es schon wieder eine Weile her ist, seit ich das letzte Mal in Berlin war. Jetzt brenne ich darauf, dorthin zurückzukommen, zu singen und in all diese wunderbaren Gesichter zu schauen und gemeinsam Spaß zu haben.

Das letzte Mal waren Sie 2002 hier, als gerade Ihr Album „Don’t Give Up On Me“ erschienen war, für das Sie einen Grammy erhielten. Ein Jahr zuvor sind Sie in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen worden. Wie kam es 40 Jahre nach Ihren großen Erfolgen zu diesem Comeback?

Die Wahrheit ist: Ich habe nie aufgehört, Platten aufzunehmen und aufzutreten. Aber es gab einfach nicht mehr die Möglichkeit, in der Welt herumzukommen, wie ich es gerne getan hätte. Die Zeiten hatten sich geändert: Plötzlich gab es Disco und Hip-Hop. Der „Soul“, die Seele der Musik, ist eine Zeitlang verlorengegangen. Aber wir haben uns das zurückerkämpft. Ich habe immer weiter gesungen, und jetzt, durch die Gnade Gottes, habe ich noch einmal die Chance bekommen, um die Welt zu reisen und diese vielen Menschen zu treffen, was mich unglaublich begeistert.

Sie sind 68 Jahre alt, fallen Ihnen die Tourneen jetzt schwerer?

Auf jeden Fall. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich habe die Entschlossenheit, den Glauben und die Stärke, die dazu nötig sind. Und etliche meiner Kinder reisen als Helfer mit mir.

Ihre Stimme klingt immer noch unglaublich: voller Tiefe, Lebenserfahrung und Emotionalität. Kann man das trainieren?

Vielen Dank, aber das einzige Training meiner Stimme ist, dass ich nicht trinke, nicht rauche und keine Drogen nehme.

Aber nicht jeder, der nicht raucht, nicht trinkt, keine Drogen nimmt, rührt mit seiner Stimme andere Menschen zu Tränen.

Ach, Sie sind zu freundlich. Nein, es ist wohl meine Seele, meine innere Seele, die ich versuche, anderen Menschen zu zeigen, wo auch immer ich bin. Die Zeiten mögen sich ändern, aber nicht die Gefühle der Menschen. Ich singe die alten Songs, die immer noch in den Herzen der Menschen sind. Und wenn ich dann auch noch neue Songs bringe, eine neue Botschaft und ein neues Gefühl, dann ist es, wie wenn man einem alten Freund wiederbegegnet, den man lange nicht gesehen hat. Das treibt einem die Tränen in die Augen. „We shall overcome! We will overcome!“ Wir werden unsere Ziele erreichen. „If you need me, why don’t you call me?“

Wo Sie gerade vom Telefonieren sprechen: Irritiert es Sie eigentlich, wenn die Besucher Ihrer Konzerte die Handys in die Luft recken, um Sie zu fotografieren, während Sie singen?

Ja, unglaublich! Als das anfing, habe ich mich ein bisschen geärgert. Aber inzwischen finde ich es ganz in Ordnung. Ich strecke die Hand aus und sage: Gib mir das Telefon und lass uns bei dir zu Hause anrufen. Damit ich für jemanden singen kann, der heute nicht hier ist.

Wirklich? Das machen Sie?

Ja. Ich fordere die Leute ja auch auf, meine Website zu besuchen und mir dort die Songs vorzuschlagen, die sie hören wollen. Und die singe ich dann gerne.

Wie viele Soul-Sänger haben sie ursprünglich sakrale Musik gesungen. Ihre ersten Aufnahmen für das große R & B-Label Atlantic waren allerdings Country-Songs.

Der Atlantic-Produzent Jerry Wexler wollte mich nach einem Streit eigentlich gleich wieder loswerden. Deshalb gab er mir aus Rache vier Country-Songs, die ich aufnehmen sollte, obwohl sie bei Atlantic ausschließlich auf R & B spezialisiert waren. Country machten die gar nicht. Also ging ich ins Studio, um „Just Out Of Reach“ aufzunehmen. An einer Stelle im Song fing ich an zu sprechen. Wexler brüllte: „Du sollst singen und nicht sprechen!“ Der Atlantic -Chef Ahmet Ertegun kam dazu, drückte das Mikro runter und sagte: „Hey Mann, wenn der Mann predigen will, lass ihn predigen, Das ist klasse, lass’ uns weitermachen!“ Es war ein historischer Augenblick.

Wieso historisch?

Ich wurde der erste schwarze Sänger in Amerika, von dem ein Country & Western-Song im Radio und im Fernsehen gespielt wurde. Damit haben wir die Türen geöffnet für Ray Charles, Charly Pride und all die anderen großen schwarzen Künstler, die heute Country-Musik singen. Was für eine tolle Zeit! Deswegen hab ich auch bis heute dieses Gospel-Feeling in meiner Musik beibehalten. Und was auch immer dir die Leute sagen mögen: Bleib der Sache treu, an die du in deinem Innersten glaubst. Und wenn sie’s nicht mögen? Egal. Bleib dabei. Eines Tages wird es sich auszahlen.

Amerika hat gerade einen schwarzen Präsidenten gewählt ...

... und es ist einer der größten Augenblicke in der Geschichte Amerikas. Wir haben uns endlich entschieden, alle zusammenzukommen, als eine große Familie. Und die Dinge zu verändern, all die Fehler und Irrwege der Vergangenheit zu korrigieren. Die Prophezeiung eines Songs, den wir vor 40 Jahren gesungen haben, wird in Erfüllung gehen: „A Change Is Gonna Come“.

Hat das mit Obamas Hautfarbe zu tun?

Nein, von mir aus könnte er auch grün sein. Es geht wieder um die Botschaft: zu wissen, dass wir alle Gottes Kinder und alle unter einer Sonne geboren sind. Was immer die Probleme der Vergangenheit waren, jetzt ist die Zeit für Veränderung.

Das Gespräch führte H. P. Daniels

Solomon Burke, 68, ist einer der letzten großen Überlebenden der Soul-Ära der sechziger Jahre. Mit seiner

Mischung aus Gospel, Soul und Country zählt er neben Otis Redding und Sam Cooke zu den einflussreichsten

Sängern des Genres.

Sein Durchbruch gelang Burke, nachdem er 1960 einen Vertrag beim legendären Label Atlantic erhalten hatte. Zu seinen Hits gehören „Just Out Of Reach“ und „Everybody Needs

Somebody To Love“. Der Vater von 21

Kindern arbeitet auch als Beerdigungsunternehmer und steht als Prediger auf der Kanzel seiner Nazarene--Gemeinde in Los Angeles.

Am Samstag, 22. November, tritt Solomon Burke mit seiner elfköpfigen Band im Berliner

Admiralspalast auf

(21 Uhr).

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