Nachruf : Zum Tod des Musikers Jackie Leven

Jackie Leven hat niemals aufgehört, Songs zu schreiben. Zu keiner Zeit. Auch nicht in den dunkelsten Phasen seines Lebens. Am 14. November ist er im Alter von 61 Jahren gestorben.

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Jackie Leven war ein massiver Mann. In den letzten Jahren hatte er immer mehr zugelegt an Gewicht. An Körperfülle, an künstlerischem Ausdruck und Eindringlichkeit. Immer wuchtiger wurde er mit der Zeit, immer besser.

Auch ganz alleine, solo und ohne Begleiter, konnte der schwere Schotte jede Bühne lässig ausfüllen. Physisch und akustisch. Mit seiner gewaltigen Präsenz und Intensität.

"One Man One Guitar", hieß einer seiner unzähligen Songs von seinen über zwei Dutzend Alben. Ein Mann und eine Gitarre. Und die konnte er berauschend spielen, mit entspanntem Fingerpicking, melodisch und perkussiv: weich gezupft, hart gerupft, knallig geklopft. Ein exquisiter Instrumentalist, der allerdings nie großes Aufhebens um sein Können gemacht hat. Was essentiell war, ließ er beiläufig klingen. Ohne jegliche Angeberei.

Auf der Bühne bot er oft einen exzentrischen Anblick. Wenn er da saß, mit kauzigen kurzen Hosen, knallroten Kniestrümpfen und schwer gezausten, wüsten Haaren. Doch Rockstar-Posen waren ihm grundsätzlich zuwider. Er pflegte lieber Understatement und Selbstironie. Im Berliner Quasimodo hatte er einmal über sich selbst gesagt: heute sehe er aus wie ein schwuler, schwedischer Cowboy. Man möge ihm verzeihen. Und wieder hatte er die treuen Fans und Lacher auf seiner Seite. Zugaben hat er nach seinen etwa zweistündigen Konzerten prinzipiell nicht gegeben. So etwas würden doch nur Idioten machen, wie Robbie Williams.

Jackie Leven war kein Idiot. Er war einer der interessantesten Singer/Songwriter der jüngeren Gegenwart.

Ihm ging es immer um die Kunst, die Liebe zur Literatur, um Gedichte, Songs, das Leben. Um die Geschichten in den Liedern, die kleinen Begebenheiten und großen Gefühle. Das große Ganze. Zorn, Schmerz, Trauer und Trost mischten sich in seinen Liedern mit prallem Leben, purer Lust und unwiderstehlichem Charme und Humor.

Jackie Leven war ein poetischer Geschichtenerzähler, der seine Zuhörer mitzog in seine eigene, manchmal trunken taumelnde Welt, auf seine Reisen, seine niemals endenden Touren und Eskapaden. Ins echte Leben, sowie die phantastisch geflunkerten wahren Begebenheiten einer wilden Biografie.

Wie die Geschichte über einen früheren Auftritt in Berlin, und die fatalen Folgen des Alkohols: Flug verpasst. Also anderen Flug gebucht. Taxi zum Flughafen. Taxi verunglückt. Schließlich doch am Flughafen, aber am falschen. Folge: Freundin weg! Und alles mögliche andere auch weg! Tolle Erinnerungen an Berlin.

Oder wie er 1988 in einem Berliner Hotel Bob Dylan kennengelernt habe, er dann mit ihm im Zug nach St. Petersburg gefahren sei. Und er während der Fahrt Dylan ein paar seiner Texte gezeigt, und der ihm geraten habe, doch einen davon mit einer Dylan-Melodie zu vertonen, um als Komponisten schließlich das Songwriter-Team Leven/Dylan anzugeben.

Oder die Geschichte, dass eine schottische Schnapsbrennerei unter dem Namen "Leven's Lament" eine eigene Whiskysorte des leidenschaftlichen Trinkers Jackie Leven herstelle.

Doch etliche seiner wilden, traurigen und komischen Geschichten waren sogar wahr.

Dass seine Kindheit und Jugend ziemlich hart und rau war in der schottischen Region Fife, wo der Sohn eines irischen Cockney-Vaters und einer Geordie-Mutter mit Roma-Hintergrund, zum Außenseiter gestempelt, ständigen Anfeindungen und Gewalttätigkeiten ausgesetzt war.

Dass er Glenrothes, den trostlosen Ort seiner traurigen Jugend früh verlassen hat. Dass er 1973/74 eine Zeitlang in Berlin gelebt hat, wo er regelmäßig in den legendären Folk-Clubs "Go In" und Steve Club" aufgetreten ist. Wo er, wie er einmal erzählte, einen großen Teil seines Handwerks gelernt habe von amerikanischen Songwritern.

Dass er von 1976 bis 1982 Frontmann, Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Londoner Rockband "Doll By Doll" war. Und dass der eloquente Sänger plötzlich verstummt ist. Nachdem er 1983 auf dem Heimweg vom Aufnahmestudio in London brutal zusammengeschlagen worden war, konnte er als Folge des Überfalls zwei Jahre lang nicht mehr singen. Und hat sich gegen die körperlichen und seelischen Schmerzen eine harte Medizin verordnet: Heroin. Bis es ihm irgendwann gelungen ist, mit der Droge wieder aufzuhören.

Niemals aufgehört hat er allerdings damit, Songs zu schreiben. Zu keiner Zeit. Auch nicht in den dunkelsten Phasen seines Lebens.

So war es dann auch meistens dunkel in seinen melancholischen Liedern, dunkel wie in Norwegen, wenn die Sonne auf lange Zeit verschwunden ist. In Norwegen war Jackie Leven, wie auch in Deutschland, besonders oft unterwegs. "Rainy Day Bergen Woman" vom Album mit dem sprechenden Titel "Creatures Of Light And Darkness" (2001) beschreibt einen gedankenverlorenen Blick aus einem Hotelfenster an einem norwegischen Regentag, mit Erinnerungen an den gerade gestorbenen Vater, während Levens Freund und Trinkpartner David Thomas (Pere Ubu) schwer hustet im Nebenzimmer. Und irgendwann leuchtet plötzlich wieder sein wunderbarer Humor auf.

Levens Stimmvolumen entsprach seinem Körpervolumen, sein eigenartig, einzigartig schöner wehender Gesang bewegte sich von tiefem, dunklem, bauchigem Bariton-Brummen bis in glasklare Kopfstimmenhöhen. Wie eine Fahne im Wetter seiner schottischen Heimat flatterte und knatterte die Stimme. Aber dann auch hier immer wieder strahlende Sonne zwischen allem Bewölkten.

In zauberhaften Klanglandschaften konnte man Schienenschlagen und pochende Herzen hören, Polizeisirenen, schottische Dudelsackpfeifer, John Lee Hooker. Heroin-Dealer, Londoner Taxifahrer, Prostituierte mit kurzen Röckchen und Beck's Bier, Cowboys, Blues, Soul-Pop, kreischende Möwen, rostig kratzende Gitarren. Elegische Melodien zu mysteriösen Worten.

Wenn seine Songs und Worte auch weiterhin Gewicht hatten, so zeigen Fotos von seinen Auftritten im letzten Sommer einen Jackie Leven der binnen kürzester Zeit beängstigend viel Körpergewicht verloren hatte.

Jackie Leven starb am Abend des 14. November nach schwerer Krebserkrankung im Alter von 61 Jahren.

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