Native Instruments : Die Ton-Angeber

Auch Madonnas Produzent war schon da: Die Kreuzberger Firma Native Instruments programmiert die Musik der Zukunft.

Kolja Reichert
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Klänge basteln. Mate Galic (li.) und Daniel Haver in ihrer Musiksoftwarefirma in der Schlesischen Straße. Foto: Mike Wolff

Das perfekte Instrument? „Der Drumcomputer“, sagt Florian Schneidmadel. „Das Klavier“, sagt Daniel Haver. „Gibt es nicht“, sagt Mate Galic. „Wir arbeiten noch dran.“

Die Zukunft der Klangerzeugung entsteht in Kreuzberg, in einem Hinterhof in der Schlesischen Straße. 150 Leute arbeiten hier für „Native Instruments“, den führenden deutschen Hersteller für Software-Instrumente. Weitere 25 sitzen in Los Angeles. Die Krise? Nur ein kleiner Einbruch auf dem US-Markt, schon überwunden. „Wir haben das beste Jahr unserer Geschichte“, sagt Daniel Haver, der mit Mate Galic das Unternehmen führt.

Die Geschichte begann 1995. Gründer Stephan Schmitt entwickelte damals den ersten modularen Software-Synthesizer „Generator“. Das Programm funktionierte wie ein Baukasten: Man kombinierte virtuelle Klangerzeuger, Filter und Verstärker, drehte an den Reglern und schuf so beliebige Klänge, die man per Keyboard abrufen konnte. So baute jeder sein eigenes Instrument.

Es folgten virtuelle Nachbauten legendärer Analog-Synthesizer, etwa der Hammond B3 Tone. Heute verkauft die Firma etwa die Klänge von Bechstein- und Steinway-Flügeln. Depeche Mode nutzen die Synthesizer-Steuerung „Reaktor“, Hans Zimmer produziert mit der Software von Native Instruments Soundtracks für Hollywoodfilme. Turntable-Pionier Grandmaster Flash legt mit dem DJ-Programm „Traktor“ auf und Metallica-Gitarrist Kirk Hammett experimentiert mit dem Equipment-Simulator „Guitar Rig“.

Die größtmögliche Kontrolle über den Klang ist ein alter Traum. Schon 1650, vor Drehorgel und Spieluhr, entwarf der Jesuitenpater Athanius Kircher eine mechanische Komponiermaschine mit Holzschiebern. Eine Vorform des digitalen Sequenzers, wie ihn Max Mathews 1957 erfand.

Die Entdeckung der Elektrizität ermöglichte den ersten Synthesizer: Thaddeus Cahill entwickelte bereits 1897 sein „Telharmonium“, eine gigantische Elektroorgel, die auf 30 Güterwaggons nach New York in eine eigens dafür errichtete Kathedrale reiste. Mark Twain zeigte sich verzaubert von den neuartigen Klängen, die durch Magnetspulen und sich drehende Zahnräder entstanden und über das Telefonnetz zu empfangen waren – 20 Jahre vor Einführung des Radios. Mit exakter Abrechnungsmethode, wie sie sich heute viele für das Internet wünschen.

Den Begriff „Synthesizer“ gibt es allerdings erst seit 1967. Robert Moog hatte den modularen Synthesizer erfunden, mit dem die elektrische Bach-Einspielung „Switched on Bach“ realisiert wurde. Nachdem sie zur meistverkauften Klassikplatte aller Zeiten wurde, pilgerten Rockmusiker wie George Harrison in Scharen in Moogs Werkstatt, um den Klang der Zukunft zu kaufen. Der 1970 vorgestellte „Minimoog“ ist noch heute der Prototyp des Synthesizers. Ein tragbarer Klangerzeuger, der problemlos zu Konzerten mitgenommen werden konnte, war eine Sensation. Heute passt ein ganzes Studio in jeden Laptop.

Die besten Instrumentenerfinder waren in der Regel selbst Musiker, wie der vergangene Woche verstorbene Les Paul. Auch die meisten Mitarbeiter bei Native Instruments spielen abends mit der Technik, die sie tagsüber entwickeln. Ein Erfolgsrezept des Unternehmens liegt darin, dass es sich seit Anfang an als Teil einer Szene versteht. Schon 1996 bezog man die Kunden in die Entwicklung ein, die „Generator“-Nutzer mailten einander selbstgebastelte Software-Instrumente. Schnell wuchs eine treue Community, aus der sich viele der heutigen Mitarbeiter rekrutieren, die hier auf acht Etagen zwischen hellen Birkenmöbeln sitzen. Man kennt sich beim Vornamen, trifft sich in der Küche zum Müsli und abends zum Sport. Demnächst wird das 3000. Instrument gefeiert.

Das Beispiel Native Instruments demonstriert, wie sich Technik und Musik wechselseitig beeinflussen. Die Störgeräusche, die um 2000 in der elektronischen Musik auftauchten, Kratzen und Rauschen – „das kam von Reaktor“, sagt Daniel Haver. Die Synthesizer-Verwaltung sei die Wurzel von Minimal Techno. Der Name der Firma hat für Musikerohren einen ähnlich guten Klang wie mittlerweile auch Ableton, die Firma, die sich 1999 von Native Instruments abspaltete und einen Live-Sequenzer entwickelte, den heute vor allem Elektronik-Musiker einsetzen. Auch Ableton sitzt in Berlin.

„Native Instruments ist nicht nur ein Arbeitsplatz“, sagt Mate Galic. „Die Firma zieht Leute an.“ Florian Schneidmadel zum Beispiel. Er studierte Medientechnologie, forschte am Fraunhofer Institut und schrieb seine Diplomarbeit über Prozessorganisation bei Native Instruments. Heute ist er 29 und leitet das Produktdesign. Das heißt vor allem, dass er viel mit Künstlern spricht. Das Duo Mouse on Mars und der Musiker Carsten Nicolai halfen bei der Entwicklung von „Reaktor“. Einmal schaute Madonna-Produzent Timbaland vorbei und forderte lässig: „Zeigt mir was Neues!“ Ein neues Produkt entsteht aber nicht durch Marktforschung, betont Mate Galic, sondern dank Inspiration. „Ein Instrument darf sich nicht nur am Markt orientieren. Es muss in sich schlüssig sein.“

So wie das historische Vorbild für die jüngste Entwicklung, der Drum-Computer; ein Gerät, das mit Hip-Hop ein ganzes Genre prägte. Drummachines galten eigentlich als überholt, wegen des reichen Angebots an Rhythmus-Software, die mehr Kontrolle versprach und unbegrenzte Klänge. Doch bei der Arbeit am Bildschirm ging das Intuitive verloren. „Eine Groovebox lebt davon, dass man mit Fingern auf Tasten rumhaut“, sagt Daniel Haver. Die neue Erfolgs-Software „Maschine“ kommt mit einer Tastatur, die einen vergessen lässt, dass man am Computer sitzt.

70 Prozent des Umsatzes macht Native Instruments inzwischen mit Hardware, mit Effekt-Reglern, Gitarrenpedalen, Drummachines. Die Musikproduktion hat den Weg ins Virtuelle vollzogen. An dessen Ende stehen wieder anfassbare Instrumente, die zum Spielen anregen. „Wir sind erst am Anfang einer Entwicklung, in der sich die reale mit der virtuellen Welt vermischt“, prophezeit Mate Galic. Das Studio als Instrument – das propagierte der Produzent Brian Eno schon 1979. Mit der Vielfalt miteinander agierender Hard- und Software wird seine Vision wahr.

Das perfekte Instrument? Die Frage ist irreführend. Es gibt viele perfekte Instrumente. Und am Ende, das hat man bei Native Instruments zuerst verstanden, sind die besten oft die einfachsten.

Produktinformationen, Künstler-Interviews und Videos auf www.native-instruments.de

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