Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Perfekte Klänge aus Düsternis und Melancholie

In unserer Serie "Spreelectro" stellt der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher Gutes aus der Hauptstadt vor. Diesmal mit neuen Sounds von Niko Schwind, Phon.o und Plastikman.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Niko Schwind – Grippin’ World (Stil vor Talent)

Woche für Woche beweisen Horden von Produzenten, dass es sauschwer ist, ein richtig gutes Clubmusik-Album abzuliefern. Deshalb laufen im Club auch keine Alben, sondern einzelne Tracks. Trotzdem können DJs, die schon länger ihre Karriere verfolgen, als Produzenten nicht die Finger von der Langspielplatte lassen, schließlich will man als „Künstler“ auch mal ein Statement, eine Visitenkarte abgeben. Wie gesagt: oft ist das Ergebnis langweilig und überflüssig, aber nicht bei Niko Schwind und seinem dritten Album „Grippin’ World“. Darauf finden sich eine ganze Reihe von lockeren, beschwingten Tracks, alles klingt sehr frisch und knackig, der Beat hält sich angenehm weich im Hintergrund. Und gegen Monotonie hat sich der in Trier geborene, seit einigen Jahren in Berlin wohnende Musiker ein paar Sängerinnen und Sänger an die Seite geholt. Definitiv Niko Schwinds bislang beste Platte.

Phon.o – Cracking Space Pt. 1 & 2 (50 Weapons)

Noch einer, der den Weg nach Berlin gefunden hat: Carsten Aermes alias Phon.o. Das ist jetzt aber schon so lange her, dass ich gar nicht weiß, warum ich es erwähne. Ich weiß aber, warum ich ihn hier in dieser Spreelectro-Kolumne empfehlen möchte: kaum jemand schafft diesen schwierigen Spagat aus Düsternis und Melancholie, der mich immer wieder neu begeistert, so gut wie er. Der Klang von Phon.os Musik mag sich im Lauf der Zeit geändert haben, mal hörte man ihm eine Hip-Hop-Begeisterung an, mal klang alles sehr dubbig, mal hart und technoid. Aber immer strahlten und strahlen seine Tracks sehr viel Atmosphäre und eine gewisse Wärme aus. Die beiden Cracking-Space-EPs, die gerade im Abstand von ein paar Wochen veröffentlicht wurden, klingen perfekt, ich bin mir sicher, dass er lange an ihnen herumgefeilt hat. Düster und melancholisch, so einfach kann es manchmal sein.

Plastikman – EX (Mute)

Plastikman, das ist das bekannteste Pseudonym von Richie Hawtin und wenn man über den in England geborenen, in Kanada aufgewachsenen, in Detroit bekannt gewordenen und in Berlin lebenden Musiker schreiben will, dann wird es gefährlich. Denn „der Richie“, wie ihn seine Fans nennen (diese Ehre wird sonst noch „dem Sven“ (Väth) und „dem Ricardo“ (Villalobos) gegönnt), ist einer von den ganz Großen, da gilt jedes kritische Wort als Majestätsbeleidigung. Er hat ja auch viel für die elektronische Musik und die Clubkultur geleistet, als DJ, Produzent und Labelbetreiber verhalf er von Berlin aus dem Minimal Techno zu ein paar großen Jahren.

Hört man sich aber dieses EX-Album an, ein Mitschnitt seines Live-Konzerts im New Yorker Guggenheim Museums im letzten Jahr, können einem schon Zweifel kommen: hat der Kaiser möglicherweise keine Kleider mehr an? Ist da also weniger Substanz, als jahrelang angenommen? EX bietet sehr schön produzierte Klänge, das stimmt, aber eigentlich unspannend, wie sich hier mehr oder weniger bekannte Sounds mehr oder weniger zufällig aneinanderreihen.

EX, so sagt Hawtin, soll eine Exkursion in die Vergangenheit sein, mit der gleichzeitig die Unbestimmtheit der Zukunft erforscht wird. Große Worte, die wohl verschleiern sollen, dass hier ziemlich Herkömmliches passiert. Immerhin: so eine Dekonstruktion kann ja auch ganz spannend sein. Ach ja, das wollte ich nicht vorenthalten: EX wird auch in einer so genannten SubPac-Edition veröffentlicht: zur Platte erhält man dann eine Art Rückenpolster, das den Bass aus einem MP3-Player direkt in den Körper weiterleitet. 400 Dollar kostet das Ganze und ich weiß nicht, wer so etwas braucht. Also außer Richie Hawtin jetzt vielleicht.

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