Performance-Kunst : Play Laibach

Dunkle Reiter und ihre Hymnen: Das slowenische Popkollektiv interpretiert "Die Kunst der Fuge" und tritt in Berlin auf.

Markus Hesselmann

Schon bei seiner Uraufführung beim Bachfest in der Bachstadt Leipzig hat dieses Werk provoziert. Nicht die Klassik- Puristen, die dürften es souverän ignoriert haben. Sondern jene Fraktion von Pop- und Rockfans, die in Konzerte gehen, um sich Erwartungen, Erfahrungen und Erkenntnisse bestätigen zu lassen. Sie scheuen das Neue, Überraschende konsequent. „We want Laibach“, riefen einige Lederjacken unwillig, als das slowenische Popkollektiv, das sich nach der deutschen Bezeichnung für die Hauptstadt seines Heimatlandes benannte, vor zwei Jahren im Leipziger Werk II erstmals „Laibachkunstderfuge“ aufführte. Die überschaubare Schar unzufriedener Fans unter vielen aufgeschlossenen Zuhörern wollte das alte Laibachsche Krachen, Stampfen und Röhren zurückhaben, den Mix aus Industrial, Rock und Hymnus, so wie sie ihn kannten. Sie wollten nicht das, was sich da vorn auf der Bühne vor ihren Augen und Ohren abspielte. Was dort geschah, war weniger ein Rockgig als eine musikalische Performance, die Laibach am morgigen Montag erstmals in Berlin aufführen.

Laibach spielen Bach, oder besser: Sie lassen Bach spielen. Die Musik kommt aus dem Computer. „Da das Werk sehr stark auf mathematische Algorithmen aufbaut, haben wir uns entschieden, ein Computerprogramm als Schlüsselinstrument zu verwenden“, sagen die Slowenen zur Entstehung ihrer Bach-Interpretation. Über die Komposition des Thomaskantors legt sich Laibachs elektronischer Sound. Die Erhabenheit des Bach-Werks wird gestützt durch auratische Trance- oder Ambient-Passagen und unterwandert durch dadaistische Elemente, etwa tuschartige Trommelwirbel oder das Wortspiel um den Komponistennamen, der ja zufällig auch im Bandnamen steckt.

Insofern passt „Laibachkunstderfuge“ sehr wohl zum jahrzehntelangen Projekt des slowenischen Kollektivs, die Funktion von Musik als Massenritual auszuloten und erfahrbar zu machen – zwischen Reichsparteitag und Love Parade. „Wir wollen zeigen, dass Johann Sebastian Bach mit seinem Werk als Pionier von Elektro und Techno verstanden werden kann.“ Das klingt plakativ und für empfindsame Geister womöglich ein bisschen plump. Doch wer das Stück hört, erkennt, dass Laibach dem großen Komponisten mit ehrlichem Respekt statt mit billiger Ironie begegnen. „Die Kunst der Fuge ist eines von Bachs geheimnisvollsten und verblüffendsten Werken“, sagen Laibach. „Obwohl es Bach in seiner akademischsten und akribischsten Ausprägung zeigt, ist es keine bloße Pedanterie und birgt großartige Energie und Inspiration.“ Den slowenischen Soundkünstlern ist bewusst, dass eine Bach-Interpretation ein komplexeres Unternehmen ist, als zum Beispiel „One Vision“ von Queen mit einer teutonisch-stampfenden Version als kryptofaschistisch bloßzustellen, wie sie es in den Achtzigerjahren taten.

Laibach haben sich ein Update verpasst, wie die vier Slowenen den Prozess der vergangenen Jahre selbst nennen. Ein Produkt dieses Updates ist das im Herbst 2006 erschienene Album „Volk“, auf dem Laibach Nationalhymnen im Popkontext interpretieren. Ein weiteres ist das Bach-Projekt, das jetzt auch als Album vorliegt. Das heißt nicht, dass Laibach ihr Industrial-Erbe ganz aufgeben. Bei den Konzerten der weiterhin parallel laufenden „Volk“- Tour bestreiten sie zur Freude der langjährigen Fans den zweiten Teil mit älteren, typischeren Stücken.

Dieser Part entfällt beim Bach-Projekt. Und überhaupt: Was tun auf der Bühne, wenn der Computer die Musik macht? Laibach illustrieren ihren Sound mit Videos – und spielen Schach. Keine geistige Anstrengung verträgt sich wohl so wenig mit lauter Musik wie das königliche Spiel. Gleichzeitig aber passt es sinnbildhaft zu Bachs intellektuellem Werk.

Lido, Cuvrystr. 7 (Berlin-Kreuzberg), Montag, 26. Mai, ab 21 Uhr. Tickets an der Abendkasse 28 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben