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Rosenstolz-Interview : "Ein schönes Wort: lyrisches Ich"

25.09.2008 21:30 Uhr
RosenstolzrBild vergrößern
Zeig mir deine Wunde. "Wir alle waren schon einmal verzweifelt". Anna R. und Peter Plate. - Foto: Auerbach

Schlager wärmen die Seele: Das Pop-Duo Rosenstolz im Interview über sein neues Album "Die Suche geht weiter", Schlager und Erfolg.

Wir wollen dieses Interview mit einem Quiz beginnen. Ich zitiere einen Songtext und Sie müssen raten, von wem er stammt.

ANNA R. und PETER PLATE: Okay.

Also: „Sag doch selbst, was willst du anfangen mit deiner Freiheit, die dir jetzt so kostbar erscheint? Wie früher mit Freunden durch Bars und Kneipen ziehen, hm? Und dann, wenn du das satt hast, glaubst du, das Glück liegt auf der Straße und du brauchst es nur aufzuheben?“

PLATE: Kenn ich, weiß aber nicht woher.

ANNA R.: Könnte Element Of Crime sein.

Falsch. Ist von Michael Holm, aus seinem Hit „Tränen lügen nicht.

PLATE: Genau, das ist der legendäre gesprochene Mittelpart. Habe ich erst vor kurzem im Fernsehen gesehen. Großartiger Song.

ANNA R.: Ein Hammer. Ich habe Holm sofort in der ZDF-„Hitparade“ vor Augen. Meine Kindheit.

Das neue Rosenstolz-Album „Die Suche geht weiter“ beginnt ähnlich: mit einer Rezitation.

ANNA R.: Das ist aber ein Sample, entnommen aus dem DDR- Liebesfilm „Die Legende von Paul und Paula“.

Da sagt Angelica Domröse zu ihrem Geliebten Winfried Glatzeder: „Wir wollen Folgendes machen: Wir lassen es dauern, so lange es dauert. Wir machen nichts dagegen und nichts dafür. Wir fragen uns nicht allerlei blödes Zeug, nur die Namen." Und Glatzeder entgegnet: „Ich bin Paul.“

PLATE: Das war eine Gefühlssache, dass wir diese Worte unserem Album vorangestellt haben. Anna und mein Freund Ulf (Sommer, Koautor fast aller Rosenstolz-Stücke, d. Red.) kommen aus dem Osten, ich stamme aus dem Westen. Als ich sie kennenlernte, musste ich einen Crashkurs in Sachen Ost-Kultur absolvieren. Heiner Carows tollen Film kannte ich nicht, habe mich aber gleich in ihn verliebt. Und dieser kurze Dialog sagt eigentlich alles darüber, wie eine Beziehung laufen sollte.

Jeder bleibt erst einmal für sich und will von dem anderen nicht sofort alles erfahren. Vielleicht aus Angst vor Enttäuschung.

ANNA R.: Ich verstehe das anders. Das ist nicht der Inbegriff einer guten Beziehung, könnte aber ein unglaublich guter Start für eine Beziehung sein. Nach dem Motto: Wir müssen jetzt keine großen Pläne machen, sondern genießen den Augenblick. Ähnlich vorsichtig waren übrigens auch die ersten Gespräche mit meinem heutigen Mann.

„Ich bin mein Haus / Bin mein Licht / ich bin der Traum, der zu mir spricht“, heißt es in dem Song, der dem Zitat folgt. Ziemlich viele „Ichs“.

ANNA R.: Ich muss mich behaupten, das ist die Botschaft. Vielleicht habe ich Weggefährten, die mich unterstützen, aber ich bin es, der mein eigenes Leben in die Hand zu nehmen hat.

PLATE: Es gibt so viele Songs, in denen es heißt: Vertraue Gott oder irgendeiner anderen Instanz. Ich bin aber äußerst unreligiös, deshalb habe ich sozusagen einen Mutmachssong für mich selbst geschrieben. Ganz ohne Überbau. Auch deshalb, weil es mir nicht besonders gut ging, als die Platte entstand.

Ist es okay, wenn man Ihre Musik „Schlager“ nennt oder verstehen Sie das als Beleidigung?

ANNA R.: Es war mal eine Beleidigung. Inzwischen ist es mir aber wurscht, wie man uns kategorisiert.

PLATE: Als wir vor 16 Jahren angefangen haben, war es für uns extrem wichtig, dass wir eben keinen Schlager machen. In den End-Achtzigern, Anfang-Neunzigern war Schlager billigst programmierte Musik, wo es nur um Inseln und schöne Strände ging. Schlimm. Deshalb war uns statt „Ihr macht Schlager“ damals die ehrliche Einschätzung „Ihr macht Scheißmusik“ lieber. Heute sind wir entspannter.

ANNA R.: „Schlager“ ist letztlich auch nur ein Synonym für „Hit“. Ganz falsch ist das im Zusammenhang mit unseren Stücken ja nicht. Und es kommt auch ganz drauf an, was mit „Schlager“ gemeint ist. Wenn der Begriff für die Tradition kluger deutschsprachiger Popmusik von Marlene Dietrich über Hildegard Knef und Alexandra bis Manfred Krug steht – bitte. Aber Andy Borg – lieber nicht.

PLATE: Man muss auch wissen, dass es kaum ernst zu nehmende deutschsprachige Popmusik gab, als wir anfingen. Da waren die Fantastischen Vier – und wir.

Es gab die Anfänge der Hamburger Schule, oder?

ANNA R.: Später. Die Ärzte machten gerade Pause, Nena auch. Deutsch zu singen war uncool. Mir war aber unklar, warum ich in einem schlecht zusammengestückelten englischen Text und mit mieser Aussprache etwas über meine Gefühle mitteilen sollte.

PLATE: Keiner wusste, wo er uns hinstecken sollte. Deshalb absolvierten wir die ersten Auftritte in schwulen Läden wie dem „Schwuz“ und auf Chansonbühnen.

Rosenstolz-Songs beginnen oft verhalten und pumpen sich dann zu donnernden Synthiepophymnen auf. Geht es Ihnen vor allem darum: Intensität?

PLATE: Unsere Songs sind jedenfalls wenig gleichförmig. Dass es klein anfängt und zum Ende hin sehr groß wird, ist unser Markenzeichen.

In den Songs auf „Die Suche geht weiter“ geht es auch ums Abschiednehmen und Alleinzurückbleiben. Woher kommt diese Melancholie?

PLATE: Aus einer Trauererfahrung. Die Mutter meines Lebensgefährten ist vor zwei Jahren völlig überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Das war in einem Moment, wo wir geradezu in Euphorie schwammen, unser Album „Das große Leben“ führte die Charts an, unsere Tour sollte in drei Tagen beginnen. Ulf ist, wie viele Schwule, ein Mamakind, für ihn brach eine Welt zusammen, und ich wollte eigentlich nur noch für ihn da sein. Aber es wäre nicht in ihrem Sinne gewesen, die Tour abzusagen. Also sind wir alle ganz eng zusammengerückt und sind dann aufgebrochen. Und irgendwann zwischen den Auftritten haben wir dann diesen Abschiedssong „An einem Morgen im April“ geschrieben. Am Ende stellten wir fest: Das ist das traurigste Lied, das wir je gesungen haben.

Da heißt es: „Warum kann ich nicht weinen / Es geht einfach weiter / Als wär’ gar nichts geschehen.“

PLATE: Ulf, von dem der stammt, weint wirklich nie, er hat eine Weinblockade, in den 19 Jahren unserer Beziehung habe ich ihn nie weinen sehe. Er hat nur einmal vor Glück geheult, nach unserer Hochzeit.

In „Bist du dabei“ erklären Sie sich zu Stellvertretern: „Ich sing mein Lied/ Nur für mich / Und für alle, die am Abgrund stehen / Und von dort mit mir nach unten sehen.“ Wann haben Sie das letzte Mal am Abgrund gestanden?

ANNA R.: Da weiß ich nicht, ob ich das beantworten möchte. Ist aber noch nicht so lange her.

PLATE: Ulf, Anna und ich schreiben alle Texte zusammen und seit 16 Jahren weigern wir uns hartnäckig zuzugeben, von wem bei welchem Stück die Hauptzeilen stammen. Wir alle hatten schon mal Liebeskummer, wir alle waren schon mal verzweifelt, aber die genauen Umstände auszubreiten wäre uns zu privat. So ist das „Ich“, das in unseren Liedern singt, immer ein lyrisches Ich. Übrigens ein schönes Wort: „lyrisches Ich“

2006 waren Sie mit 600 000 verkauften Platten die erfolgreichste deutsche Band. Gibt dieser Erfolg Stärke?

ANNA R.: Für den Moment natürlich, doch das hält nicht ewig. Es war ein Höhepunkt der Euphorie, aber es hat uns nicht in andere Menschen verwandelt.

PLATE: Ich bin superglücklich, wenn wir auf Tour sind und tausende Menschen unsere Lieder mitsingen. Das ist Wahnsinn. Größeres Selbstbewusstsein habe ich dadurch aber nicht bekommen. Selbstbewusstheit ist ohnehin nicht meine Stärke.

ANNA R.: Der Jubel meint uns ja auch nicht persönlich. Schließlich spielen wir eine Rolle, sobald wir die Bühne betreten.

Der Erfolg gibt Ihnen aber die Sicherheit, dass die Karriere nicht morgen vorbei sein wird, oder?

PLATE: Aber sie wird ja vorbei sein, irgendwann. Wir werden auch nie wieder so viele Platten verkaufen.

Das Gespräch führte Christian Schröder

Rosenstolz haben sich in den letzten 16 Jahren zu einer der kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Pop-Formationen emporgearbeitet. Die in Berlin-Friedrichshain geborene Sängerin Anna R., heute 38, und der aus Goslar stammende Keyboarder und Gitarrist Peter Plate, 41, schrieben 1992 ihre ersten Songs.

Mit Zucker gelang ihnen im Jahr 2000 der erste Nummer-1-Hit in den deutschen Album- Charts. Inzwischen haben sie etwa drei Millionen CDs verkauft.

Heute erscheint das elfte Rosenstolz-Album Die Suche geht weiter. Die vorab ausgekoppelte Single „Gib mir Sonne“ führt bereits seit Wochen die deutsche Hitparade an. Am 7. und 8. November spielen Rosenstolz in der Berliner Columbiahalle.

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