Serie : Spreelectro: Neue Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher hat auf Tagesspiegel.de schon viele Pop-Tipps gegeben. Für unsere Serie "Spreelectro" spezialisiert er sich jetzt auf Berlin und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Märtini Brös – Moved by Mountains (Mole Listening Pearls)

 Donnerstags sieht man Cle, die eine Hälfte der Märtini Brös, oft die Kastanienallee lang schlendern. Denn donnerstags ist Plattentag – zumindest dort, wo überhaupt noch Schallplatten verkauft werden – und Cle, der den DJ-Job nicht gänzlich an den Nagel gehängt hat, geht bei seinem Lieblingsladen einkaufen. So weit hat er es sowieso nicht: Sein Studio ist gleich um die Ecke, dort hat er die letzten zwei Jahre mit seinem Bandkollegen Mike Vamp das neue Märtini-Brös-Album produziert.

Den Jüngeren muss man vielleicht sagen, dass die Märtini Brös mal eine echte Institution in Berlins Clubszene waren. Legendär ihr Konzert auf dem Dach des Cafe Schönbrunns im Volkspark Friedrichshain. Ein Klassiker ihr Song „Flash“ mit der Zeile „Wir flashen jedes Weekend und alles just for you, wir tun es cause we love it, kommt her und hört uns zu.“ All das ist schon ein paar Jahre her, damals entdeckte der Techno den Pop und die Märtinis waren Teil des Ganzen. 

Und jetzt? Jetzt sind die Märtinis in die Jahre gekommen und das merkt man ihrer Musik auch an: Cle und Mike Vamp gehen ruhig und überlegt an ihre Songs. Nicht die Tanzfläche wird angepeilt, sondern ... ja, was eigentlich? Die heimische Stereoanlage? Der MP3-Player?  TV-Serien, für deren emotionale Momente man die musikalische Untermalung liefern möchte?  Egal, es sind gute, gekonnt produzierte Songs, die allerdings wollen, dass man sich ein wenig Zeit für sie nimmt. Und nicht, wie DJs  es so machen, nur kurz angespielt werden.

V.A. – Werkschau (Bpitch Control)

 Auch das Berliner Label Bpitch Control ist in die Jahre gekommen: 12 Jahre ist es her, dass Labelchefin Ellen Allien ihr Baby ins Leben rief. 12 Jahre, in denen Berlin zur Clubmetropole und Bpitch zum Label von Weltruf aufstieg. Auch, weil man sich nie nur auf eine Spielarten der elektronischen Musik konzentrierte, sondern möglichst vielfältig den „Berliner Sound“ interpretierte. Und jetzt also eine „Werkschau“. Der Titel klingt ein wenig nach Künstlerkollektiv, nach Bauhaus-Ästhetik und neuer Sachlichkeit, ist aber letztendlich nur der Versuch, 12 Jahre in 17 Songs zu pressen. Alte und neue Aushängeschilder des Labels sind mit dabei: Es gibt House und Techno und Indietronics und Minimales, gemacht vom mittlerweile zum Techno-Superstar aufgestiegenen Paul Kalkbrenner, von Sascha Funke, von Kiki, Zander VT, Jahcoozi, Telefon Tel Aviv, Marc Broom – und einer Reihe anderer, die man noch nicht kennen muss, selbst wenn man sich sehr für elektronische Musik interessiert. Ein „Best of ...“ ist die Werkschau nicht, denn alle Tracks sind bislang unveröffentlicht. Auch wenn der eine oder andere das auch ruhig hätte bleiben können – wer, zum Beispiel, braucht heutzutage eigentlich noch neue Minimal-Tracks? – finden sich auch jede Menge gute UND interessante Tracks. Der beste, so kommt es mir zumindest vor, stammt von Labelgründerin Ellen Allien selbst. Ein schwieriger Charakter hindert einen offenbar nicht, gute Musik zu machen.

Steffi – Yours & Mine (Ostgut Ton)
Magda – From The Fallen Page (Minus)

Das beste zum Schluss: Steffi! Der Name verheißt natürlich erst einmal nichts Gutes, aber hinter dem so simpel wirkenden Vornamen verbirgt sich nicht nur eine niederländische Labelmacherin und Wahlberlinerin, sondern auch einer der besten Resident-DJs der „Panne-Bar“, der Panorama Bar im Berghain. Steffi versteht also etwas vom Feiern und das hört man ihrem Debütalbum an: Eine  wunderbare Ansammlung von Techno-House-Tracks, sehr frei und luftig produziert, vom Sound her von alten Detroit- und Chicago-Klängen inspiriert.

Wahrscheinlich liegt es am allein stehenden Vornamen: Ich muss bei Steffi immer an eine andere Wahlberlinerin denken, die sich ebenfalls der elektronischen Musik verschrieben hat und vor wenigen Monaten ebenfalls ihr erstes Album veröffentlichte: Magda. Doch während Magda mit ihrem Techno-Album „From The Fallen Page“ eine dunkle Grundstimmung zelebriert, der die Kraft fehlt, mitzureißen, braucht Steffi nur wenige Takte und sie hat einen. Mich zumindest. Vielleicht ist es so zu erklären: Manche Musiker versuchen, mit den elektronischen Geräten, mit denen sie arbeiten, der Musik das Menschliche auszutreiben. Andere, so wie Steffi, hauchen den toten Maschinen so etwas wie Seele ein.

 

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