Porträt, Berliner Szene : Lass uns angeln gehen, mein Freund

Meisterin des Projekte-Patchworks: Die Berliner Sängerin und Songschreiberin Masha Qrella und ihr Album „Analogies“. Eine Begegnung in Prenzlauer Berg.

Andreas Hartmann
Versteckspielerin. Der lange Pony ist Masha Qrellas Markenzeichen. Foto: Norman Nitzsche
Versteckspielerin. Der lange Pony ist Masha Qrellas Markenzeichen. Foto: Norman Nitzsche

Vielleicht sollte Masha Qrella Seminare anbieten. Für junge Musiker, die in Zeiten des illegalen Downloadens verzweifelt nach Einnahmequellen suchen. Qrella hat schließlich in ihrer 16-jährigen Karriere bewiesen, wie man sich als Musikerin erfolgreich und mit Würde durchwursteln kann – auch ohne darauf angewiesen zu sein, regelmäßig Platten zu veröffentlichen. Denn bei ihr bekommt die traurige Geschichte einer Musikerin, die sich im gentrifizierten Berlin mit immer neuen Projekten herumschlägt, um die Miete bezahlen zu können, eine ganz neue Perspektive. Kreative Unstetigkeit muss eben nicht unbedingt den Abstieg ins Kulturprekariat bedeuten, das man in besseren Zeiten einmal Bohème nannte.

Masha Qrella, die noch etwas verschlafen in der Kaffeeküche ihres Labels im Prenzlauer Berg sitzt, sagt zwar, dass sie sich ihr relativ entspanntes Musikerinnendasein nur leisten könne, weil sie noch einen alten Mietvertrag für ihre Wohnung gleich hier ums Eck habe, fügt aber gleich hinzu: „Für meine Art von Leben ist Berlin immer noch die günstigste Stadt in Europa.“

Masha Qrella zu fassen zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Sie ist hübsch, versteckt sich aber gerne hinter ihrem langen Pony, der zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Sie hat etwas Tomboy-haftes, wirkt viel jünger als 36, ist aber auch schon zweifache Mutter. In Mitte noch mit dem Namen Masha Kurella als Tochter einer Deutschen und eines Russen aufgewachsen, ist sie inzwischen Star und Anti-Star zugleich. Das konnte man erst neulich wieder schön beobachten, als sie allein mit ihrer Gitarre drei Lieder bei Christiane Rösingers „Flittchenbar“-Reihe im Südblock vortrug. Ohne große Worte kam sie auf die Bühne, und es war schwer herauszufinden, ob sie nun schüchtern oder doch eher cool ist. Sie sang sich mit ihrer schönen, weichen Stimme durch ihre Lieder. Danach trat der singende Schauspieler Robert Stadlober auf und entschuldigte sich erstmal, nach der „großen Masha Qrella“ auftreten zu müssen, was sogar glaubhaft klang.

In ihrer ruhigen, unaufgeregten Art wirkt Masha Qrella gar nicht wie jemand, der andauernd neue Projekte vorantreibt. Eher wie ein Glückskind, dem alles in den Schoß fällt. Dazu passt auch die Anekdote, dass irgendwann zwei ihrer Songs eher durch Zufall in der US-Serie „Grey’s Anatomy“ landeten. Von den Tantiemen, sagt sie, hätte sie mehr oder weniger zwei Jahre lang leben können. Es gelingt ihr, all die Arbeit, die sie in ihre Projekte steckt, leicht und beiläufig wirken zu lassen. Auch ihr neues Album „Analogies“ klingt so entspannt und rund, als hätte sie sich bloß für ein paar produktive Wochen mit einer gut gelaunten Band im Studio vergraben. Dabei ist es über sieben Jahre hinweg entstanden, mit vielen Pausen. Und außer dem Schlagzeug hat sie alle Instrumente selbst eingespielt, neben der Gitarre, den Bass und sämtliche Synthesizer. Im eigenen Studio wohlgemerkt, in der Villa Qrella in Pankow, das sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten und gelegentlichen Mitmusiker Norman Nietzsche betreibt.

Masha Qrellas Musikerinnenbiografie ist ein Patchwork aus Projekten. Auch die Bands, mit denen sie in den Nullerjahren bekannt wurde – Mina und Contriva – waren eher Nebenbei-Angelegenheiten als Bands mit einem Masterplan. Dementsprechend gab es diese Bands auch nicht lange. Oder die Gruppe NMFarmer, die sie zusammen mit dem Vater ihrer Kinder gründete: Es gibt sie, es gibt sie nicht, es gibt sie, es gibt sie nicht..., man weiß das nie so genau. Auch hier war es so: Eine Platte, ein paar Auftritte, schön war’s, jetzt aber bitte wieder etwas anderes.

Mit befreundeten Menschen gemeinsam etwas auf die Beine stellen, davon träumen viele in Berlin, der Stadt der Selbstverwirklicher. Masha Qrella kennt es gar nicht anders. Immer wieder arbeitet sie mit Freunden zusammen, die sie teilweise noch aus ihrer Schulzeit kennt. Mit Mina ist sie vor Kurzem nochmals in Berlin aufgetreten, einfach mal wieder so: Klassentreffen mit der Band von damals. Mit Julia Kliemann, die zu Contriva-Zeiten in der Band Komeit spielte und schon für das Artwork des ersten Masha- Qrella-Soloalbums „Luck“ verantwortlich war, hat sie eben schon wieder eine neue Band gegründet: Bandaranaik. Die beiden treten auch schon gemeinsam auf, eine Platte soll folgen. Und dazwischen noch ganz viel anderes: Mit der Berliner Performance-Truppe Gob Squad war Qrella eben auf Tour. „Ich renn da mit der Gitarre über die Bühne und singe,“ beschreibt sie ihren Part in deren Stück „Revolution Now!“. Zudem hat sie Filmmusik komponiert, mit einer Schauspielerin eine Leseperformance von „Brokeback Mountain“ inszeniert und im Auftrag des Haus der Kulturen der Welt Stücke von Kurt Weill und Frederick Loewe neu intoniert.

Da passt es bestens ins Bild, dass die neue Platte „Analogies“ einige der Aktivitäten aus jüngerer Zeit zusammenfasst. Gleich der erste Song, „Take me out“, wurde von Masha Qrella für den Abspann des nächste Woche anlaufenden Dokumentarfilms „Meine Freiheit, Deine Freiheit“ geschrieben, der von zwei Frauen handelt, die sich nach einem Gefängnisaufenthalt an ihr Leben außerhalb der Strafanstalt gewöhnen müssen. Geschickt werden hier die Smiths zitiert: „Take me out, tonight“. Doch aus der glamourösen Perspektive Morrisseys wird bei Qrella der Blickwinkel einer Frau, die nach einem Leben hinter Gittern mit der Normalität nicht mehr zurechtkommt.

Am Ende von „Analogies“ steht das Stück „Fishing Buddies“ aus Qrellas „Brokeback Mountain“-Leseperformance. Auch hier erzählt sie lieber nicht von sich selbst, sondern von den ineinander verliebten Cowboys. Der Haarpony, hinter dem sie sich so gerne versteckt, um nicht so viel von sich preiszugeben, hat sich ganz offensichtlich auch über manche ihrer Texte gelegt. Aber die Musik auf „Analogies“ erzählt dafür um so mehr von ihrem Leben. Von ihrer Vorliebe für das Synthiegeblubber von Stereolab und den verschwenderischen Großpop von Fleetwood Mac. Nicht zuletzt klingt Masha Qrella so sehr nach ihren eigenen Anfängen, nach dem Postrock von Mina und Contriva, wie auf keiner ihrer Soloplatten zuvor. Beim Hören ihrer Musik erfährt man am Ende dann doch noch eine ganze Menge von Masha Qrella.

„Analogies“ erscheint bei Morr Music. Record-Release-Konzert: Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Dienstag, 29.5., 20 Uhr

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