Porträt : Der prüfende Beobachter

Dozenten, die durchdrehen, Schauspiel-Aspiranten, die zusammen gefaltet werden: Till Harms gibt in seiner Doku „Die Prüfung“ heikle Einblicke in das Auswahlverfahren einer Schauspielschule. Eine Begegnung.

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Er schaut hinter die Kulissen: Dokumentarfilmer Till Harms.
Er schaut hinter die Kulissen: Dokumentarfilmer Till Harms.Foto: Doris Spieckermann Klaas

Am Ende liegen auch bei den Prüfern die Nerven blank. Zehn Tage lang haben sie 687 jungen Menschen, die unbedingt auf die Bühne wollen, dabei zugeschaut, wie sie wagemutig Tschechows aufs Szenario brettern oder halbgar Shakespeare vergeigen. Die Zahl der Kandidaten hat sich dabei auf weniger als zwanzig reduziert. Es gibt aber nur zehn Studienplätze pro Jahr an der Staatlichen Schauspielschule Hannover. Und wenn die in der abschließenden Dozentenberatungsrunde vergeben werden, ringt und feilscht das Gremium gnadenlos – mit allen Mitteln. Eine Dozentin wirft den Kollegen kurzerhand vor, sich im Falle einer chinesischstämmigen Bewerberin vom „Asia-Bonus“ hinreißen zu lassen. Und ein Dozent kickt eine 99-prozentige Kandidatin in der Schlusskurve beinahe mit dem Stoßseufzer aus dem Rennen, wie „tierisch“ sie ihm „mit ihrer Hysterie auf die Nerven gegangen“ sei.

Interessante Dokumentarfilme über Schauspielschulen gibt es ja einige. Was allerdings Till Harms in seinem Film „Die Prüfung“ gelingt, der auf der diesjährigen Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ Premiere feierte und jetzt im Kino läuft, hat bisher noch niemand geschafft. Hier blickt man hinter bislang eisern verschlossene Türen, ins Allerheiligste der Prüfungskommission: Resultat mehrjähriger vertrauensbildender Intensivarbeit.

Natürlich konnte er nicht einfach losfilmen, erzählt der 1970 in München geborene Regisseur im Café Niesen am Mauerpark. Vielmehr durfte er, nachdem er 2010 die Prüfung ausschließlich beobachtet hatte, in den folgenden beiden Jahren – 2011 und 2012 – erst mal „ganz vorsichtig“ probedrehen. Und weil sich die Lehrkräfte über die Ergebnisse auf angemessenem Hochkultur-Niveau amüsierten – „die haben sich richtig übereinander beäumelt“, lacht Till Harms – konnte es 2013 wirklich losgehen. Da man anfangs naturgemäß nicht weiß, welche zehn der 687 Bewerber es am Ende schaffen und man so viele wie möglich begleiten muss, arbeitete er mit drei Kameras und hatte am Ende 220 Stunden Filmmaterial.

Harms hat solche Prüfungssituationen selbst erlebt

Die Sorgfalt ist dem 96-minütigen Ergebnis anzumerken. Einerseits bestätigt der Film sämtliche Vorurteile, die man prinzipiell gegen jede Auswahlkommission hegt, der man nicht selbst angehört – und fegt sie andererseits grandios vom Tisch. Denn: Ja, die Auswahl, wer hier letzten Endes zum Studium zugelassen wird, ist absolut subjektiv. Und: Nein, es gibt trotzdem kaum etwas, was sich schlechter für Verschwörungstheorien eignet als diese Entscheidungsrunde. „Die Prüfung“ schafft das ziemlich komplexe Kunststück, entwaffnend ehrlich und verantwortungsbewusst die mit sich und den Kandidaten ringenden Prüfer zu zeigen. Der Subjektivität ihrer Kriterien sind sie sich absolut bewusst, hinterfragen sich deshalb permanent – und hebeln die eigenen Prinzipien bei Bedarf auch mal mit Grandezza aus.

Harms kennt die Prüfungssituation, die er in seinem Film beschreibt, übrigens selbst. Auch er hatte sich mehrfach an Theaterhochschulen um ein Regiestudium beworben und war in der letzten Runde gescheitert. „Bei öffentlichen Veranstaltungen erzähle ich das gar nicht so gern“, gesteht der Regisseur, „weil ich nicht möchte, dass da so ein Bild entsteht, als würde ich mit dem Film meine Vergangenheit aufarbeiten“. Der Verdacht ist unbegründet. Selten hat jemand einen derart differenzierten Blick auf Entscheidungsprozesse in kaum objektivierbaren Belangen geworfen; der Film dürfte das Image von Expertenjurys immens steigern.

Harms selbst inszenierte, nachdem es mit dem Theaterregiestudium nicht geklappt hatte, in den Neunzigern ein paar Jahre in der freien Szene, unter anderem im Schokoladen in Berlin-Mitte. Obwohl danach nicht nur eine „ziemlich schlimme“ Assistenz bei Heribert Sasse am Schlosspark-Theater, sondern auch künstlerisch interessante Hospitanzen bei Dimiter Gotscheff folgten, kam für Harms ein „Moment der Ernüchterung“. Gotscheff sei ein faszinierender Typ gewesen, erzählt er. „Aber der hatte halt diese Theaterfamilie, und irgendwann fragst du dich, wo da dein Platz ist und ob du das überhaupt willst.“

Sein Erweckungserlebnis war die Doku "Itgaber"

Sein „Erweckungserlebnis“ hatte der Regisseur schließlich im Kino, bei Eyal Sivans Dokumentarfilm „Itgaber“ über einen Rabbi, der die israelische Politik kritisiert. Danach wusste er zwar, was er machen will – allerdings noch nicht, wie. Glücklicherweise landete er auf der Suche nach Praktika irgendwann bei dem preisgekrönten Filmemacher und Kameramann Thomas Riedelsheimer, der ihm mit auf den Weg gab: „Das ist alles gar nicht so schwer, da gibt es ganz gute Bücher, lies einfach mal eins und fang an“. Und als Harms dann auch noch „eine tolle Geschichte vor die Füße plumpste“, war der Berufseinstieg perfekt: Bei einem Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen fiel ihm auf, dass die Zeitzeugin, die ihn durch die Räume führte, in denen sie zu DDR-Zeiten selbst inhaftiert gewesen war, „wahnsinnig differenziert über die Täter sprach“. Er war der Erste, dem sie ihre Geschichte erzählte: Die politische Gefangene und der Stasi-Beamte, der sie damals verhörte, hatten sich ineinander verliebt und sind heute glücklich verheiratet.

Harms ersten Dokumentarfilm, „11 und 12“, kennt leider kaum jemand, „Das Fernsehen hat mir damals einen üblen Dienst erwiesen und ihn wahnsinnig schnell versendet.“ Einer breiten Öffentlichkeit wurde die Geschichte dann durch den TV-Spielfilm „12 heißt: Ich liebe dich“ mit Claudia Michelsen und Devid Striesow bekannt.

Tatsächlich sei es nach „11 und 12“ für ihn schwierig geworden: „Ich hatte ein paar Geldjobs, allerdings keine Leidenschaft dafür“. Also nahm sich der Regisseur drei Projekte vor und stellte sich ein Ultimatum: „Entweder, du kriegst eins davon durch, oder du hörst auf“. Eins dieser Projekte war „Die Prüfung“ – der Film ist diese Woche in 40 Städten gestartet. „Machen wir uns nichts vor“, lacht der Regisseur und schaut in den wolkenlosen Frühlingshimmel, „so ein Wetter hält ja nicht“. Der Mann traut dem frischen Ruhm nicht so recht. Das ist nicht verwunderlich. Zu genau beobachtet er in „Die Prüfung“, wie wetterwendisch und subjektiv der Erfolg ist.

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