Porträt des Berliner Fotografen Alexander Steffen : Die Stadt als Abenteuerspielplatz

Rausgehen, fotografieren, bewahren: Mit seiner Kamera hält Alexander Steffen seit sieben Jahren das sich verändernde Stadtbild Berlins fest. Jetzt hat er einen Bildband veröffentlicht.

Judka Strittmatter
Ruinenbrache. Schwer zu erkennen, wofür der in Charlottenburg fotografierte Schriftzug "Alfred Bajon" mal gestanden haben mag.
Ruinenbrache. Schwer zu erkennen, wofür der in Charlottenburg fotografierte Schriftzug "Alfred Bajon" mal gestanden haben mag.Foto: Alexander Steffeny

Immer wieder hört er dieser Tage, dass man ihn beneidet. Dafür, dass er gemacht hat, was sich viele andere seit Jahren immer nur vornehmen: Rauszugehen, zu fotografieren und dem eigenen vertrauten Lebensraum ein Denkmal zu schaffen. Zu bewahren, was gerade unter Presslufthämmern, Baggern und Kränen so rasant verschwindet. Teile der eigenen Stadt. Teile der eigenen Erinnerung.

In Berlin ist die Entwicklung nicht neu. Die Stadt häutet sich schon lange, besonders drastisch seit dem Mauerfall. Aber in den letzten drei, vier Jahren hat das Tempo noch mal angezogen, liegt eine große Gier über allem, wird immobilientechnisch geklotzt, gerne im Luxusbereich. Das ändert die Stadt drastisch. Sie bleibt nicht die, die man dafür liebt, dass sie so gnadenlos unperfekt ist. Klassenlos und unreglementiert, angeschmuddelt und frei – der Bohemian unter den deutschen Städten, dessen Strahlkraft alle Welt anzieht.

Alexander Steffen ist kein Profi-Fotograf, aber er ist Berliner, hier geboren. Er arbeitet in der Sponsorship-Abteilung der Berlinale, hat eine Familie, und er ist 49. Mit 20 hat er noch nicht ans Dokumentieren, ans Festhalten gedacht, jetzt ist das anders. Nun muss er schnell sein. Es gab Zeiten, da sah er eine schöne alte Ladenfront, einen verblassten Schriftzug auf einer Brandwand oder eine vergessene Brache, und wusste, dass er irgendwann dort hinfahren und ein Foto machen konnte. Das ist vorbei. Heute muss er gleich aufs Rad, die Kamera einstecken, wieder hinfahren und auslösen. Es ist ein Rennen um die Zeit geworden. Rund 20 Prozent seiner Motive, die er seit 2009 fotografiert hat, sind allein in den letzten eineinhalb Jahren verschwunden. Sie sind überbaut, geschliffen, weg. Und weil der Prozess anhält, in Bewegung ist, wollte Steffen ihn auch so benennen: „Vanishing Berlin. Dokumente des Übergangs“. So heißt der Bildband, den er ohne einen Verlag im Rücken herausgebracht hat.

Damentrikotagen. Ob dieses Geschäft in Charlottenburg tatsächlich noch Korsetts führt?
Damentrikotagen. Ob dieses Geschäft in Charlottenburg tatsächlich noch Korsetts führt?Foto: Alexander Steffen

Doch der Reihe nach. Erst muss noch New York erwähnt werden, das so etwas wie der Ideengeber war. Vor acht Jahren folgte Steffen dort beim Herumstromern dem Impuls, die Kamera herauszuholen. So eine riesige, glitzernde Stadt und trotzdem gab es diese Ecken, die alten Storefronts, Schaufenster und Fassaden, die Beleg sind für alte Zeiten und verflossene Ästhetik. „Genau so muss eine Metropole sein“, sagt Steffen, „ihre Patina sollte eine Essenz der Gegenwart bleiben“. Inspiriert hat ihn seinerzeit in New York auch eine Fotoausstellung, die ein Harlem zeigte, in dem noch 1990 Mais auf einer Brache mitten in der Stadt angebaut wurde. Heute steht dort ein Luxus-Appartement und ein Starbucks Café.

Wieder zu Hause, saß Steffen dann eines Tages in der Cuvrystraße, auf einer Brache, die die Anwohner sich wie einen Park angeeignet hatten. Fotografieren, dachte er, das könne er auch hier, in seiner Heimatstadt. „Das Herumfahren und Aufspüren wurde auch zu einer Suche nach der Stadt meiner Kindheit.“ Er ist in der Nollendorfstraße aufgewachsen, und wohnt dort heute wieder. Das Haus damals war voller Riesenwohnungen, in denen sich WGs gebildet hatten. Die Kinder hatten überall Zutritt. „Und irgendwo war immer eine Bude sturmfrei oder einer da, der uns vorgelesen hat“, sagt Steffen. Mit seinem Vater, der von der Mutter und ihm getrennt lebte, spielte er oft das Spiel: Was war da noch mal an dieser Straßenecke? Meistens klangen die Antworten so oder ähnlich: „Richtig, ,Rock ’n’ Roll-Günther‘, aber wer kam noch danach?“ Stunden brachten sie damit zu, herauszufinden, wie sich die Gegend verändert hatte. Steffens Sinn dafür wurde früh geschärft. Auch der Blick aus seinem Kinderzimmer ging auf ein Schaufenster, das heute im Buch abgebildet sein könnte: „,Seifenhaus Rohde‘ war das, auch ,Porno-Rohde‘ genannt, weil der Gerüchten zufolge nicht mit Seife, sondern mit schwedischen Pornos Geld machte, die er unterm Ladentisch vertickte.“

Die Gegend hatte damals noch einen proletarischen Touch: „Schon bald machte ich Bekanntschaft mit der feindseligen Brut der Kohlenhändler, Schichtarbeiter und berufsmäßigen Trinker, die sich den Kiez mit zugezogenen Hippies, Hausbesetzern und Politsektierern teilten“, schreibt Steffen in seinem Buch. Es gab noch kriegsversehrte Fassaden, eine Hausbesetzerszene und regelmäßige Straßenkämpfe auf dem Winterfeldtplatz. Und er, das Kind, mittendrin. „Das alles hat mich geprägt“, sagt Steffen.

Die Erinnerungen finden sich auch im Buch. Kleine Geschichten, en passant. Die Stadt als riesiger Abenteuerspielplatz. „Da waren stillgelegte Gleise, über die man ewig spazieren konnte. Mitte der Achtziger war es Volkssport, in die leerstehenden Botschaften in der Tiergartenstraße einzusteigen und da zu stöbern. Angehaltene Zeit. Die sahen noch aus wie ’45, teilweise standen noch die verstaubten Stühle und Tische drin, als sei seit Kriegsende nichts berührt worden.“

Unbehagen über die Entwicklungen

Dass er über sieben Jahre als „privater Konservator“ unterwegs war, heißt für Alexander Steffen nicht, dass er alles für bewahrenswert hält, was in Berlin verschwindet. Er möchte auch kein „Früher war alles besser“-Jemand sein. „Aber die Geschwindigkeit und die Planlosigkeit, mit der jetzt gebaut wird, die macht mir schon Sorgen. Wer baut da was und für wen? Dieses Unbehagen teilen im Moment viele Leute in der Stadt.“ Warum, fragt er sich, kann eine Stadt, die zwischen zwei großen Weltkriegen Genossenschaftswohnungen baute, die heute noch beliebt sind und in jedem Architekturführer stehen, das jetzt nicht wieder tun? Am Geld kann es doch wohl nicht mehr liegen. Und wenn Fragen wie „Warum müssen Hartz-IV-Empfänger im Stadtzentrum wohnen?“ nicht mehr die Empörung auslösen, die sie verdienen, dann scheint irgendwas gerade gehörig schiefzulaufen. Findet er jedenfalls. Und auch da ist er nicht allein.

Bei seinen Touren kann er sich schon lange nicht mehr so frei bewegen wie früher, manchmal wird er auch verscheucht. An jeder Baustelle Sicherheitspersonal und blickdichte Zäune. „Warum darf ich als Bürger dieser Stadt nicht mehr sehen, was irgendwo entsteht? Dies war doch die Stadt, in der man sich so herrlich frei bewegen konnte. Und ist das nicht der Grund, warum die Touristen kommen?“

Den Bildband hat er per Crowdfunding finanziert

Im vergangenen Juli stellte er seine Fotos in einem Laden aus, den er bereits vor Jahren fotografiert hatte: „Linoleum Pannier“ in der Kreuzberger Katzbachstraße gab es seit 1873. Dann stand das Ladengeschäft leer und Steffen nutzte die Gelegenheit. „Du musst mal da- und dorthin fahren“, begannen viele Einträge im Gästebuch. 250 Leute kamen. Zeitgleich startete Steffen eine Crowdfunding-Aktion und kanalisierte die Begeisterung der Leute. In einem Verlag hätte er womöglich Geld selbst vorstrecken müssen. Ihn reizte es aber mehr, selbst den Bildband herauszubringen, als Klinken putzen zu gehen.

Auf der Crowdfunding-Plattform beschrieb er sein Vorhaben detailliert und schnitt mit seinem Sohn ein Trailervideo, beide komponierten auch den Soundtrack dazu. Sogar aus Taiwan meldeten sich Leute, aus den USA und Australien, aus England, Frankreich, Spanien und der Schweiz sowieso. „Überall auf der Welt kennen Leute die Gentrifizierung und viele sehen – wie ich – die negativen Folgen.“ Er gewann Detlev Pusch, einen erfahrenen Fotobuch-Designer, für die Gestaltung und den Leipziger René Fritsch für den Druck seines Erstlings. Nur das Verpacken und Verschicken blieb an Steffen selber hängen. Gelohnt hat es sich für ihn in jedem Fall, den kräftezehrenden Prozess der Buchwerdung von Anfang bis Ende zu erleben. Ja, sogar das Goethe-Institut hat ihn inzwischen angefragt – für eine Buchpräsentation in Taipeh.

Alexander Steffen: Vanishing Berlin – Dokumente des Übergangs. Fotografien 2009–2016, 144 S., 160 Abb., 32 €.

Infos und Bestellung: www.vanishing.berlin

Weitere Infos: https://www.indiegogo.com/projects/vanishing-berlin-photography-art#/

Instagramm-Seite: https://www.instagram.com/vanishingberlin/

Facebook-Seite: https://www.facebook.com/vanishingberlin/
alexsteffen@berlin.de

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