Premiere am Maxim Gorki Theater : Lifestyle-Sarkasmus à la Sibylle Berg

Neues von Lifestyle-Sarkastikerin Sibylle Berg ist nun am Gorki Theater in Berlin zu sehen:  In ihrem Theaterstück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ zelebriert sie den geistigen Komplett-Amok.

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Viererkette. Mit Sibylle Bergs Stück gibt Sebastian Nübling, der dritte Regie-Neuling am Gorki, seinen famosen Einstand. Von links: Rahel Jankowski, Suna Gürler, Nora Abdel-Maksoud und Cynthia Micas.
Viererkette. Mit Sibylle Bergs Stück gibt Sebastian Nübling, der dritte Regie-Neuling am Gorki, seinen famosen Einstand. Von...Foto: Thomas Aurin

Am laufenden Band hat der Lifestyle-Streber schwierige Entscheidungen zu treffen: „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los? Einfach durch Kotzen oder mit Hormonpillen?“ Oder: „Welches Beauty-Produkt würde ich mit auf eine einsame Insel nehmen?“

Kaum zu überhören, dass das lustige Trend-Bashing aus der Feder von Sibylle Berg stammt. Mit ähnlichem Unterhaltungswert zieht die Lifestyle-Sarkastikerin die gesammelten Zeitgeist-Zumutungen in ihrer wöchentlichen „Spiegel-Online“-Kolumne durch den Kakao. In ihrem neuen Theaterstück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ wird nun der geistige Komplett-Amok zelebriert. Es geht, unter anderem, gegen alte Männer („Sie tragen Chucks und denken, das lenke von ihren Gesichtern ab“) sowie gegen junge Männer: „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille ... und tschüss!“ Außerdem am Pranger: der Fitnesstrend Zumba („unbeholfene, aber intensiv ausgeführte Bewegungen, die mich an Prominente erinnern, die in Afrika mit Kindern tanzen“). Schlimmer ist nur noch das Gebot der Political Correctness: „Welche Randgruppe, zum Beispiel Frauen, könnte sich durch welchen heteronormativen Sprachgebrauch missachtet sehen?“, ruft Bergs Stückheldin angemessen bösartig ins Parkett – und schiebt in formvollendeter Aggressivität nach: „Heteronormativ ist das Wort der Saison. Letztes Jahr war es authentisch und im Jahr zuvor nachhaltig.“

Geschrieben ist die Trendhass-Suada als Monolog einer geschätzten Anfangzwanzigerin, deren Biografie an spätkapitalistischer Patchwork-Hipness nichts zu wünschen übrig lässt: Gemeinsam mit ihrer Halbschwester – einer Marketing-Studentin – und ein paar Altersgenossinnen, die in eher brotloseren akademischen Disziplinen reüssieren, hat sie ein Start-up gegründet: Die Mädels betreiben einen florierenden Handel mit Potenzmittel-Placebos und schlagen in ihrer Freizeit – Hauptsache, es ruiniert die Fingernägel nicht zu sehr – gern kleinere Jungs zusammen. Einen Adressaten hat die Erzählerin auch für ihre Aggro-Ergüsse: Im Keller hockt, gefesselt und geknebelt, ein gewisser Paul, dessen Identität erst am Schluss enthüllt wird. Aber, dies sei hier schon mal verraten: Verdient hat es Paul allemal, sich das alles anhören zu müssen!

Mit der Uraufführung des Berg-Textes gibt nun auch der dritte neue Hausregisseur des Maxim Gorki Theaters – Sebastian Nübling – seinen Einstand nach dem Intendanzwechsel. Es hätte besser nicht laufen können. Nübling hat die Textfläche, die beim Lesen – aller Scharfzüngigkeit und Pointensicherheit zum Trotz – manche Redundanz aufweist, klug auf 75 Minuten gestrafft und konsequent auf vier junge Schauspielerinnen verteilt. Denn beim Lesen deutet einiges darauf hin, dass aus der Anfangszwanzigerin durchaus eine Autorin mit der doppelten Lebenserfahrung und der potenzierten Trend- und Lifestyle-Idiosynkrasie spricht. Nübling steuert hier traumsicher dagegen.

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