Premieren am Maxim Gorki Theater : Crash und Kalauer

Alles auf Anfang am Maxim-Gorki-Theater. Nach dem "Kirschgarten" kommen jetzt zwei weitere russische Premieren: "Der Russe ist einer, der Birken liebt" und "Schwimmen lernen"

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Selbstsuche. Anastasia Gubareva (l.) und Dimitrij Schaad (M.) in „Schwimmen lernen“.
Selbstsuche. Anastasia Gubareva (l.) und Dimitrij Schaad (M.) in „Schwimmen lernen“.Foto: Eventpress Hoensch

Gut möglich, dass die Zahl der Theatergänger rasant steigen würde, wenn man in den heiligen Hochkulturhallen jedesmal mit einem derart amüsanten Song empfangen würde wie in Yael Ronens Inszenierung „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ am Maxim-Gorki-Theater. Als Karikatur des politisch korrekten Liedermachers betritt der wunderbare Dimitrij Schaad die Bühne und beginnt, sachdienliche Hinweise ins Parkett zu klampfen: „Es ist die Geschichte eines Mädchens mit dem russischen Namen Mascha Kogan, die Sie sich wahrscheinlich alle so vorstellen“, trällert sich Schaad salbungsvoll-rampensäuisch in die Herzen der ersten Reihe hinein, während seine Kollegin Anastasia Gubareva mit blonder Perücke und High Heels justament aufs Szenario balanciert.

Keine Sorge: Der politische Korrektheitsgrad wird im Lauf des Abends weiter in den Keller sacken. „Aber unsere Mascha ist nicht blond“, unterrichtet uns Schaad bald in seinem hingebungsvollen Singsang weiter, während Gubareva sich energisch der Perücke entledigt. „Und eigentlich ist sie auch nicht mal Russin, sondern aus Aserbaidschan“. Aber – und an diesem Punkt erreicht der Schmelz in Schaads Stimme seinen vorläufigen Höhepunkt – „die meisten von ihnen fragen sich sowieso, was da der Unterschied ist.“ Obwohl der zweite Eröffnungspremierenabend unter der neuen Intendanz des Maxim-Gorki-Theaters zu diesem Zeitpunkt noch keine drei Minuten alt ist, sind wir bereits mitten in seinem Zentrum – und womöglich dem Herzstück des Hauses – angelangt: Wie in ihrer bemerkenswerten Schaubühnen-Produktion „Dritte Generation“ von 2009 lässt Yael Ronen Klischees und Identitätskonstruktionen lässig ineinander crashen, mit sichtlicher Lust am lauten Aufprall. Und zwar so lange, bis auch das letzte Stereotyp sorgfältig in seine unbrauchbaren Einzelteile zerlegt wurde: je kalauertauglicher, desto besser.

Als absurdes Typenkabarett mit hochwirksamen Selbstdestruktionskräften funktioniert der Abend bestens

Material bietet Olga Grjasnowas Romandebüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ mehr als genug: Von der in Aserbaidschan aufgewachsenen und nach Deutschland immigrierten Jüdin Mascha über ihren libanesischen Lover Sami (Thomas Wodianka) bis hin zu ihrem schwulen Moslem-Freund Cem passt eigentlich keiner in vorgefertigte Identitätsschablonen. Grjasnowas ebenso lässiger wie präziser Roman behandelt dies zwar wesentlich leiser als die Inszenierung der neuen Gorki-Hausregisseurin, die auch die Bühnenfassung entwickelt hat. Wo Grjasnowa subtil andeutet und Sätze auch zwischen den Zeilen wirken lässt, spitzt Ronen beherzt zu und dreht das Ganze eher noch drei- als einmal weiter in Richtung Groteske. Als absurdes Typenkabarett mit hochwirksamen Selbstdekonstruktionskräften aber funktioniert das Resultat bestens. Zumal hier – wenn sich schon mal eine derart gute Gelegenheit zum Stereotypen-Bashing bietet – nicht nur ethnische Klischees mit Grandezza durch den Kakao gezogen werden, sondern auch der Typus des Frauenverstehers oder der des akademischen Kosmopolitenstrebers. Imponierwillige Endvierziger, die gesehen haben, wie Tim Porath als Maschas Dozent bei seinem Lieblingsitaliener „Giuseppe“ in landessprachlicher Selbstüberschätzung Rotwein ordert, werden wohl künftig von Restaurantbesuchen mit ihren Studentinnen oder anderen Beeindruckungszielgruppen erst mal Abstand nehmen.

Um Identität und (Selbst-)Suche geht es auch in der dritten Gorki-Eröffnungspremiere – ebenfalls einer Uraufführung, mit der das Studio neu eingeweiht wurde. Marianna Salzmanns Stück „Schwimmen lernen“ – inszeniert von Hakan Savas Mican – ist eine viel weniger spektakuläre, dafür schön melancholische Dreiecksgeschichte zwischen der erneut wunderbaren Anastasia Gubareva als Feli, die erst Pep (Dimitrij Schaad) und dann Lil (Marina Frenk) liebt. Anders als bei Ronen tritt Identität im Herkunftssinne hier hinter der Liebesgeschichte zurück. Ab und an switchen die Schauspieler, die auch als Musiker überzeugen, ins Russische; der viel zitierte Migrationshintergrund ist einfach ein Punkt unter vielen. Nach der programmatischen Auftakt-Umdeutung des „ Kirschgartens“ hat das neue Gorki mit diesen beiden Uraufführungen also auch einen Vorgeschmack auf neue Stoffe gegeben. Es war – und das betrifft genauso die Schauspieler – ein guter.

Wieder am heutigen Dienstag, 20.30 Uhr („Schwimmen lernen“) und am Mittwoch, 20.11., 19.30 Uhr („Der Russe ist einer, der Birken liebt“)

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