Preußenkönig : Friedrich der Große: Der beste Diener

Friedrich der Große war eine Ausnahme in der deutschen Geschichte. Sein Erbe ist die helle Toleranz.

Jens Jessen
Statue des Preußenkönigs Friedrich II. im brandenburgischen Letschin.
Statue des Preußenkönigs Friedrich II. im brandenburgischen Letschin.Foto: dpa

Um Friedrich ist alles hell. Hell strahlen seine Taten, Kriegsruhm und Reformen, Toleranz und demütige Pflichterfüllung, hell ausgeleuchtet sind seine Untaten, Rechtsbrüche, Willkür, Jähzorn und zynische Spottlust. Die Widersprüche des Charakters und seiner Erscheinung müssen nicht mühsam ans Licht gebracht werden, sie lagen schon den Zeitgenossen wie in einer Vitrine zu Gegensatzpaaren geordnet zutage, die Menschenliebe und der Menschenhass, die Bescheidenheit und die Ruhmsucht, Aufgeklärtheit und absolute Herrschaft, künstlerischer Feinsinn und militärische Brutalität und über allem sein fiebernd rastloser, ständig reflektierender, an den Widersprüchen laborierender und sich rechtfertigender Geist.

Es ist nichts Dumpfes und Deutsches um ihn, und alle Versuche, ihn in die Geschichte der langsamen Herausbildung eines romantischen Nationalcharakters einzusortieren, müssen schon an seinem hohen Grad ironischer Bewusstheit scheitern. Unser König? Jedenfalls nicht im Sinne der deutschen Mentalitätsgeschichte. Kein romantisch bewegter Patriot hätte den Satz gesprochen, den Friedrich nach dem Sieg im Siebenjährigen Krieg bei seinem Einzug in Berlin dem Jubel entgegensetzte – dass man genauso gut einen alten Affen hätte aufs Pferd setzen können. Auch wenn darin Koketterie gewesen sein sollte – aber tatsächlich spricht alles nur für Erschöpfung und Depression –, dann wäre es die Koketterie des Rokoko, des unsentimentalen und ironischen 18. Jahrhunderts gewesen.

Friedrich war der erste, vielleicht einzige Intellektuelle auf einem europäischen Thron. Dazu gehört auch, dass es ihn zwanghaft zu Taten trieb, Gewalttaten, Befreiungsschlägen in eigener Sache, weil er wie jeder moderne Intellektuelle am Ende seinen eigenen schönen Geist verachtete. Noch in den schwärzesten Stunden des Siebenjährigen Krieges, wenn er seine Depression in nächtlichen Jammerbriefen an den Marquis d’Argens mit verzweifelten Horaz-Versen garnierte, hoffte er zugleich auf die militärischen und diplomatischen Schachzüge, mit denen er – morgen vielleicht schon! – die Schlacht gewinnen könnte. Friedrich war ein Intellektueller, aber er war auch ein Spieler, und die humanen Werte, die er in vielen schönen Schriften verkündet hatte, waren ihm zugleich Spielgeld, das er auf dem Roulettetisch der europäischen Politik und der europäischen Öffentlichkeit, die sich damals bildete, nach Belieben zum Einsatz brachte.

Der gute und selbstlose Herrscher – »Ich bin der erste Diener meines Staates« –, als der er sich im Gegensatz zu den egomanen Feudalherren seiner Zeit verstand, war zugleich ein Bild, mit dem er Propaganda machte, und man kann sich sehr wohl fragen, ob nicht auch die verfleckte Hauptmannsuniform, die er tagaus, tagein trug, mehr Bescheidenheit ausstellen sollte, als wirklich empfunden wurde. Friedrichs bedenkenloser Einsatz aller Mittel, auch der echten zum falschen Schein, ist nicht zu verstehen ohne den Erfahrungspessimismus, der ihn gelehrt hatte, dass mit Werten allein sich niemand Anerkennung verschafft, wohl aber mit Waffen und Geld. Cäsars Diktum, dass nur diese beiden in der Politik zählen, muss sich ihm früh eingeprägt haben. Zumindest dass Macht jedes Recht beugt, hat ihm schon der prügelnde Vater eingebläut, und spätestens mit der Hinrichtung des Jugendfreundes Katte, der dem Kronprinzen zur Flucht aus der väterlichen Tyrannis verhelfen wollte.

Aber auch die Psychopathologie, die sich aus diesem Erlebnis ergeben musste – die Hinrichtung vor Friedrichs Augen! –, ist nichts, was erst aus dem Dunkel verborgener Traumata herausgelesen werden müsste. Es fand alles, frühe Demütigung wie späterer Ruhm, im vollen Mittagslicht der Erkenntnis statt. Es gab kein Wegschauen; nicht nur der hohenzollernsche Basedowblick ließ Friedrichs Augen so weit aufgerissen erscheinen. Dass die Verachtung durch den Vater zur Sucht nach Ruhm und Anerkennung führen musste, dass die Beliebtheit des Bruders Heinrich, dem die Herzen zuflogen, quälende Eifersucht auslösen würde bei einem, dem sich die Herzen erst nach Aufforderung öffneten – das zu verstehen bedarf es nicht einmal einer Psychologie im engeren Sinne, sondern nur einfacher Logik, die eins und eins zusammenzählt.

10 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben