Preußens Baumeister Karl Friedrich Schinkel : Die Kette des Universums

Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) war Architekt und Maler, Designer, Bühnenbildner und Volkserzieher. Mit seiner Kunst prägte er das Bild Preußens nachhaltig. Erstmals ist am Berliner Kulturforum nun die gesamte faszinierende Künstlerpersönlichkeit bis hin zum Privatmann zu erleben.

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Lebensnah. 1812 malte Schinkel den Brand von Moskau – die Ausstellung rekonstruiert das Schaubild mit beweglichen Figuren.
Lebensnah. 1812 malte Schinkel den Brand von Moskau – die Ausstellung rekonstruiert das Schaubild mit beweglichen Figuren.Foto: dapd

Der Blick konzentriert, die dunklen Augen aufmerksam fragend, um den Mund scheint ein Lächeln zu spielen. Das graue Haar bauscht sich genialisch über der Stirn, wie es damals Mode war. Die kräftige Nase stupst an ihrer Spitze vorwitzig nach vorn. Es ist das kleinste, aber markanteste physiognomische Merkmal dieses Mannes, mit dem die Forscher ihn bis heute, 200 Jahre später, auf Zeichnungen, Grafiken, großen gemalten Gesellschaftspanoramen aufzuspüren vermögen.

Hat man ihn erst einmal entdeckt auf einem seiner verborgenen Ich-Bilder – wie kürzlich erst auf jener zauberhaften Federzeichnung von einer Bootsfahrt auf dem Königssee bei Berchtesgaden aus dem Jahr 1811, als der auffällig gestikulierende Fahrgast mit Federhut –, dann scheint sich nochmals ein Stück des Geheimnisses zu lüften: Wer war Karl Friedrich Schinkel (1781–1841)? Was für ein Mensch steckt hinter dem Architekten, Maler, Bühnenbildner und Designer, dessen gigantisches Werk die Person überdeckt? Die Bootspartie unternahm Schinkel privat im mit seiner zum zweiten Mal schwangeren Frau Susanne, wie man heute weiß. Das Paar befand sich auf seiner verspäteten Hochzeitsreise.

Bilder: Die Schinkel-Ausstellung in Berlin

Schinkel - Baumeister und Künstler
Gegen Ende der Freiheitskriege gegen Napoleon malte Schinkel 1815 die "Mittelalterliche Stadt an einem Fluss" als romantische Vision eines Neubeginns in nationaler Einheit. Das Mittelalter mit seinen gotischen Kathedralen schien ihm Basis einer nationalen Idee zu sein.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: © bpk / Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders
05.09.2012 15:33Gegen Ende der Freiheitskriege gegen Napoleon malte Schinkel 1815 die "Mittelalterliche Stadt an einem Fluss" als romantische...

Dreißig Jahre nach der letzten großen Ausstellung dieses Berliner Hausheiligen versucht das Kupferstichkabinett mit einer Retrospektive, die über 300 Exponate umfasst, den Kosmos Schinkel neu zu erkunden. Als Privatperson tritt er nun hervor, als Erfinder eines nach vorn gerichteten Historismus, als künstlerischer Patriot, als früher Moderner im Design, als Bühnen-Aficionado – ein Gesamtkünstler par excellence. Drei Jahrzehnte Abstand geben nicht nur der Forschung einen anderen Dreh, die sich unerschrockener denn je der Figur auf dem hohen Sockel nähert und einst belastete Begriffe wie Historismus an seinem Werk angstfrei ausprobiert. Für Schinkel musste die Architektur „in die unzertrennliche Kette des ganzen Universums“ eingebunden sein, was ihm die Freiheit gab, aus dem Kontinuum der „Style“ zu schöpfen und je nach Bedarf gotisch, romanisch, sarazenisch zu entwerfen: nicht rückwärtsgewandt, sondern pragmatisch nach vorn gerichtet, denn nichts war dem Baumeister verhasster als „halb todte Lebendigkeit“. Zur Kunst wurde für ihn die Architektur erst durch den poetischen Anteil, „das Sinnlich-Harmonische“. Auf seiner Englandreise hatte er sich neue Bautechniken und Konstruktionsmöglichkeiten abgeschaut, als Feingeist aber strebte er die Überhöhung an.

Erstmals kommt nun eine Fülle an Stücken zusammen, wie sie damals zum 200. Geburtstag im geteilten Berlin nicht gezeigt werden konnte: Die Gemälde befanden sich in Schloss Charlottenburg, die Zeichnungen und Grafiken auf der Museumsinsel, die Bauwerke per se in Mitte, im Ostteil. Der Schnitt ging durch die Stadt und ein künstlerisches Werk, jedem seinen Schinkel. Umso emphatischer wird nun die ganze Figur umkreist, nicht nur mit einer Gesamtschau seines Werks in den Ausstellungshallen am Kulturforum, sondern auch durch Markierung seiner Bauten im Zentrum, an Bauakademie, Altem Museum, Schauspielhaus, Schlossbrücke, durch Führungen, Apps, ja selbst durch Sonderhinweise auf Schinkel-Rahmen, die sich in der benachbarten Gemäldegalerie befinden.

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